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25 Jahre Deutsche Einheit : Tageblatt-Volontär Jürgen Werner über seine DDR-Kindheit und die elektrisierende Zeit der Wiedervereinigung

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Zwischen Abschied und Aufbruch: Die Ereignisse in den Jahren 1989 und 1990 haben auch den Autor dieses Textes nachhaltig geprägt.

Pinneberg/Chemnitz | Jubelnde Menschen, die sich gegenseitig in die Arme fallen, die verhasste Mauer von oben mit Hammer und Meißel bearbeiten oder einfach nur das Brandenburger Tor durchschreiten, um das erste Mal in ihrem Leben ,,Westluft“ zu schnuppern: Es sind Bilder wie diese, die sich für immer im Kopf eingebrannt haben. Der Zusammenbruch der DDR, die politische Wende, am Ende die Vereinigung, die eigentlich ein Beitritt des Arbeiter- und Bauernstaates zur Bundesrepublik war und die sich heute zum 25. Mal jährt: Die Ereignisse in den Jahren 1989 und 1990 haben auch den Autor dieses Textes nachhaltig geprägt. Heute Volontär bei dieser Zeitung, war ich damals ein zehnjähriger Grundschüler im sächsischen Chemnitz, das damals noch Karl-Marx-Stadt hieß.

Von einer historischen Zäsur, die den Alltag der DDR-Bürger in nahezu allen Lebensbereichen nahezu vollständig auf den Kopf stellen sollte, war noch im Spätsommer 1989 wenig zu spüren – zumindest aus meiner kindlichen Perspektive. In der Schule wurde der schöne Schein eines funktionierenden Staatsgebildes eisern bewahrt. Gerade erst war ich vom Jung- zum Thälmannpionier aufgestiegen und durfte nun stolz ein rotes statt eines blauen Halstuchs tragen. Morgens um sieben begann der Unterricht wie seit dem ersten Schuljahr gewohnt mit dem Pioniergruß. ,,Für Frieden und Sozialismus Seid bereit“ gab ein Schüler vor – worauf die Klasse ein schallendes ,,Immer bereit“ intonierte. Gelegentlich, so etwa drei- bis viermal pro Halbjahr, musste die gesamte Schule zum Fahnenappell antreten. Jeden Mittwoch wurde in ,,Pioniernachmittagen“ gemeinsam gebastelt oder Altpapier gesammelt. Meistens für Nicaragua – die Solidarität mit sozialistischen „Bruderstaaten“ wurde hoch gehalten. Und im Sport, das verdient besondere Erwähnung, himmelten wir unsere Helden an – die Radsportler der ,,Friedensfahrt“ etwa und ganz besonders unsere Karl-Marx-Städter ,,Lokalheldin“ Katarina Witt.

Schon in der ersten Klasse musste jeder Schüler einem Sportverein beitreten, entsprechend seiner anatomischen Fähigkeiten, die zuvor untersucht wurden. Ich wurde zum Eisschnelllaufen verdonnert.

Trotz der Zwänge wie diesem muss ich sagen: Als Kind, das es nicht anders kannte, haben mich die Defizite der DDR von der fehlenden Reise- und Meinungsfreiheit bis zum knappen Warenangebot nicht sonderlich gestört – ich hatte wenig auszustehen. Versüßt wurde der Alltag des Öfteren von der in meinem Fall üppig vorhandenen Westverwandtschaft, die regelmäßig Pakete und manchmal auch Geld schickte. Umgetauscht in so genannte Valuta-Schecks konnte man damit prima im Intershop einkaufen gehen. In diesen Läden, die es in allen Großstädten in der DDR gab, konnten Westwaren erworben werden – ein Privileg, was viele meiner Freunde nicht hatten. Ärger in der Schule bekam ich deswegen aber nicht – was, davon bin ich überzeugt, einzig und allein an meinen damals sehr guten schulischen Leistungen lag.

Unter der schönen Fassade brodelte es

Dass es in der Gesellschaft unter der Oberfläche bereits mächtig brodelte, hatte ich bis dahin kaum mitbekommen. Meine Eltern hatten zu dieser Zeit mit ihrer Scheidung zu tun, die eine Woche vor dem Mauerfall über die Bühne ging – sie wollten meinen jüngeren Bruder und mich nicht auch noch mit politischen Themen belasten. Dabei wurde immer offensichtlicher, dass etwas nicht stimmte. Am 7. Oktober 1989, dem mit viel Pomp zelebrierten 40. Jahrestag der DDR, setzte sich vom Karl-Marx-Städter Theater aus spontan ein Schweigemarsch für mehr politische Freiheiten in Bewegung. Weitere Demonstrationen folgten, bei denen – angeblich wegen illegalem Fotografierens – auch Arbeitskollegen meiner Mutter verhaftet wurden. Aus meiner Klasse waren einige Mitschüler plötzlich nicht mehr da – ihre Eltern hatten sich entschlossen, über Ungarn und Österreich in die Bundesrepublik auszuwandern. Geheim halten konnte die Staatsführung die Entwicklung ohnehin nicht. Wir lebten nicht im „Tal der Ahnungslosen“ und hatten jederzeit Zugang zu westlichen Fernsehsendern.

So sah der Pionierausweis aus.
So sah der Pionierausweis aus.
 

Den Abend des 9. November 1989 erlebten meine Eltern, inzwischen geschieden, getrennt vor ihren Fernsehern. Meine Mutter schaute die legendäre Pressekonferenz, in der SED-Sekretär Günter Schabowski versehentlich die Maueröffnung verkündete, mit Freunden, von denen einige sofort nach Berlin aufbrachen. Für uns war das keine Option. Es war Donnerstag – wir mussten am nächsten Morgen in die Schule. Doch bis zur ersten Fahrt in den „Westen“ dauerte es nun nicht mehr lange. An einem kalten Freitagabend Anfang Dezember war es soweit. Meine Eltern, die nach wie vor einen guten Kontakt pflegten, hatten spontan beschlossen, in einer Nacht- und Nebelaktion nach Westberlin zu fahren. Im Lada meines Vaters war es furchtbar eng – ein Arbeitskollege meiner Mutter war noch mit an Bord. Mein Bruder und ich wurden für die Tour extra aus dem Bett geholt, wir waren todmüde. In Berlin angekommen, verbrachten wir den Rest der Nacht im Auto in einer Nebenstraße in der Nähe des Tegeler Flughafens. Am nächsten Morgen gab es, nach dem Abholen des ,,Begrüßungsgeldes“, den obligatorischen Rundgang über den Ku-Damm und durch das „KaDeWe“, bevor es am Abend wieder zurück in die Heimat ging. Ich erstand mein erstes „Lustiges Taschenbuch“, das ich bis heute in Ehren halte.

Wieder zurück in der Heimat, waren wir dann auf den Geschmack gekommen. Noch vor Weihnachten reisten wir erstmals in den „richtigen“ Westen, nach Kulmbach in Bayern – diesmal mit Groß- und Urgroßeltern im Schlepptau. Meine Uroma, Drogistin von Beruf, wäre nach dem Blick auf die Produktvielfalt einer bayerischen Drogerie beinahe in Ohnmacht gefallen. In den Folgemonaten bereisten wir unsere gesamte, vornehmlich in Bayern und Rheinland-Pfalz beheimatete, Westverwandtschaft. Das Gefühl, in Deutschland zu sein, hatte ich insbesondere bei den ersten beiden Fahrten überhaupt nicht – für mich war die Bundesrepublik, sozialistischer Erziehung sei Dank, tiefstes Ausland.

Rasch setzte die Gewöhnung ein

Zu Hause drehte sich die Welt ebenfalls schnell weiter. Die ersten West-Produkte tauchten in den heimischen Geschäften auf und sorgten für eine Reizüberflutung sondergleichen. Die Preise waren hoch – schließlich musste noch mit DDR-Geld gezahlt werden, die Währungsreform kam erst im Juli 1990. Eine kleine Dose Coca Cola kostete beispielsweise 2,10 Mark – wir kauften sie trotzdem. Sich in der neu gewonnenen Freiheit zurechtzufinden, war speziell für meine Mutter, die als Alleinerziehende plötzlich im Schichtsystem arbeiten musste, nicht einfach. In Sachen Erziehung sprangen die Großeltern ein. Ich selbst empfand insbesondere die Veränderungen in der Schule als gravierend. Von heute auf morgen verschwanden sämtliche sozialismus-typischen Rituale. Auch die Tage der sogenannten Zehnklassige Allgemeinbildenden, Polytechnischen Oberschule – heute würde man von Gesamtschule sprechen – waren gezählt. In Sachsen wurde das dreigliedrige Schulsystem eingeführt und ich kam, als erster Jahrgang, um den obligatorischen Russischunterricht herum.

Wie schnell sich die Menschen trotz der vielen Veränderungen an das neue System gewöhnten, erscheint mir auch aus heutiger Sicht noch immer bemerkenswert. Die neu gewonnenen Freiheiten, das Warenangebot, wurden ebenso rasch Alltag und verloren an Wertschätzung wie die Erinnerung an Mängel und Unterdrückung in der DDR verblasste. Als fast ein Jahr später, am 3. Oktober 1990 der letzte Akt vollzogen wurde und „zusammenwuchs, was zusammengehört“, war vielerorts Normalität eingekehrt. Aus meiner Familie weiß niemand mehr, was er an diesem Tag getan hat – so dürfte es vielen Ostdeutschen gehen.

Es ist stattdessen der 9. November, der im Gedächtnis bleibt. Schon oft habe ich mich gefragt, was aus mir ohne den Fall der Mauer geworden wäre – ein Journalist vermutlich nicht. Dieser Tage kommen in vielen Medien die letzten DDR-Kinder zu Wort, die kurz vor dem Mauerfall geboren wurden, aber keine Erinnerung mehr daran haben können. Das geht mir anders – und ich betrachte es als Geschenk.

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erstellt am 02.Okt.2015 | 10:00 Uhr

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