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Totengedenken im November : Stumme Zeugen des Grauens

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Am Volkstrauertag mahnen die Kriegstoten zu Versöhnung und Frieden. 690 Soldatengräber im Kreis Pinneberg.

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erstellt am 12.Nov.2015 | 10:00 Uhr

Kreis Pinneberg | Der Volkstrauertag ist ein dunkler Tag. Oft geben Nebel, Regen und braunes Laub dem Tag die Schwere, die er anscheinend braucht. An diesem Novembertag tragen Soldaten und Rettungskräfte in der Öffentlichkeit Uniform. Und sie legen mit Politikern und Funktionären der Vereine Kränze an grauen Steinen ab, die das eiserne Kreuz und Eichenlaub tragen.

Am Sonntag, 15. November, gibt es im Kreis Pinneberg mehr als 40 Gedenkveranstaltungen. An diesem Tag erinnern die Menschen an die „Toten von Krieg und Gewaltherrschaft“, wie es heute heißt. Doch der Ursprung dieses Gedenktages ist ein anderer.

Obwohl es bereits 1919 erste Ideen einiger Reichstagsabgeordneter gab, einen zentralen Gedenktag für Kriegstote einzuführen, war der am 16. Dezember 1919 gegründete Verein Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge nach eigenen Angaben treibende Kraft dahinter. Weil die Weimarer Reichsregierung demnach politisch und wirtschaftlich nicht in der Lage war, sich um die Gräber deutscher Soldaten im In- und Ausland zu kümmern, übernahm der Volksbund, im eigenen Verständnis eine vom ganzen Volk getragene Bürgerinitiative, diese Aufgabe.

Während des ersten Volkstrauertags am 28. Februar 1926 sprach allerdings noch niemand über Opfer von Gewaltherrschaft. Im Pinneberger Tageblatt hieß es stattdessen am Vortag: „Dem Gedächtnis unserer gefallenen Helden. Tröstlich wirkt das Bewusstsein, daß ihr Tod einen Sinn gewonnen hat, der dem zufälligen Hinscheiden des Erkrankten fehlt: Wir werden es nie vergessen, zu welchem edelsten Zweck ihr Blut geflossen ist. Hier lichtet sich das Geheimnis des Todes, denn die Abschiedsstunde ward durch eine höhere Bedeutung geweiht.“

Der Text steht unter der Zeichnung eines trauernden Menschen mit Kranz an einem Soldatengrab. Text und Bild sind in einen Beitrag gebettet, der Frankreich unterstellt, Deutschland im Völkerbund isolieren zu wollen. In der Zeitungsausgabe finden sich etliche weitere Beiträge und Anzeigen zum Thema Volkstrauertag mit ähnlichem Tenor.

Nazis bereiten Volk auf neuen Krieg vor

Die Nazis trieben den Totenkult auf die Spitze, benannten den Volkstrauertag in Heldengedenktag um und schworen das Volk auf weitere Opfer ein. Am 13. März 1939 ist im Pinneberger Tageblatt zu lesen: „Heute wissen wir, Deutschland musste den Opfergang durch Blut, Tod und Elende gehen, wenn es geläutert und gefestigt die ihm vom Schicksal bestimmte Stellung behaupten will. Es will und braucht den Frieden, ist aber ebenso bereit, für das Recht und die Freiheit auch seines letzten Sohnes mit der ganzen Macht einzutreten. Deutschland muss leben, auch wenn wir sterben müssen.“ Die Träger der Veranstaltungen waren bis 1945 die Wehrmacht und die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP). Über Inhalt und Ausführung wachte der Reichspropagandaminister Joseph Goebbels.

Im Gegensatz zum Volkstrauertag ist der Totensonntag kein politischer Feiertag. Er ist theologischen Ursprungs, wird in christlichen Gemeinden begangen und verbindet die Trauer um die Gestorbenen mit der spirituellen Hoffnung auf ewiges Leben.
„Der Gottesdienst an diesem Tag hat einen doppelten Charakter. Wir denken an die Menschen, die wir verloren haben und verlesen die Namen derjenigen, die im abgelaufenen Jahr gestorben sind. Aber wir verkünden auch die Hoffnung auf Auferstehung, auf eine Zukunft im Reich Gottes“, sagt Karl-Uwe Reichenbächer, Pastor in der evangelischen Christuskirchengemeinde Pinneberg. Deswegen bezeichnet die Gemeinde den Tag auch als Ewigkeitssonntag. „Das ist auch ein optimistischer, lebensbejahender Tag. Wir machen uns den Wert des Lebens bewusst.“
Ein historischer Ursprung sei schwer zu benennen. Das Kirchenjahr habe sich stets weiterentwickelt und theologische sowie weltliche Bräuche aufgenommen, sagt Reichenbächer. In Texten zur Historie wird häufig Preußenkönig Friedrich Wilhelm III. genannt, der das Gedenken auf den letzten Sonntag vor dem Advent legte und ihn zum staatlichen Feiertag machte. In diesem Jahr ist das der 29. November. Er markiert zugleich das Ende des Kirchenjahres.

Nach Gründung der Bundesrepublik wurde der Volkstrauertag vom Volksbund wiederbelebt. 1950 gab es erstmals eine Feierstunde im Plenarsaal des Deutschen Bundestags und zahlreiche regionale Veranstaltungen. Bundesregierung, Länder und die großen Glaubensgemeinschaften einigten sich auf den vorletzten Sonntag vor dem Advent als Termin. Mit Landesgesetzen ist der Tag geschützt. Nach eigenen Angaben versteht der Volksbund mit zunehmendem Abstand vom Krieg den Gedenktag als Tag der Mahnung zu Versöhnung, Verständigung und Frieden. Das Leitwort des Volksbunds lautet: „Versöhnung über den Gräbern – Arbeit für den Frieden“.

Der Volksbund betreut heute im Auftrag der Bundesregierung Gräber von etwa 2,7 Millionen Kriegstoten auf mehr als 832 Kriegsgräberstätten in 45 Staaten. Im Kreis Pinneberg gibt es etwa 690 Soldatengräber auf 13 verschiedenen Friedhöfen. Die meisten Toten liegen in Pinneberg (221), Elmshorn (111) und Wedel (108). Über die Toten schreibt Markus Meckel, Präsident des Volksbunds: „Sie mahnen die Lebenden und sind bedeutender Teil unserer europäischen Identität. Auch deshalb dürfen wir sie nicht radikalen Europagegnern, Extremisten und Nationalisten überlassen.“

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