Wutbrief der Feuerwehr : Stress mit den Autofahrern

Feuerwehr im Einsatz: Retter aus der Region klagen zunehmend über Behinderungen.
Feuerwehr im Einsatz: Retter aus der Region klagen zunehmend über Behinderungen.

Retter beklagen sich über rücksichtslose Verkehrsteilnehmer und Falschparker. Polizei dagegen nur mit Einzelfällen konfrontiert.

shz.de von
05. Mai 2015, 14:00 Uhr

Bönningstedt | Die Freiwillige Feuerwehr Bönningstedt ist am vergangenen Sonnabend gegen 18 Uhr zu einem Einsatz an den Ostermoorweg ausgerückt. Es war nichts Dramatisches, der gemeldete Waldbrand entpuppte sich als ordnungsgemäßes Maifeuer. Doch was die Retter auf ihrem Weg zum Einsatzort erlebten, veranlasste den stellvertretenden Wehrführer Stefan Birke zu einem Wutbrief.

„Autofahrer wissen offenbar nicht mehr, wie sie sich bei Martinshorn und Blaulicht verhalten müssen“, schimpft Birke. Am Sonnabend hätten sie die Einsatzwagen schlicht ignoriert, als die Feuerwehrleute vom Hof der Wache auf die Kieler Straße abbiegen wollten. „Wir mussten warten, bis es eine Lücke gab“, beklagt Birke im Gespräch mit dieser Zeitung. Auch auf dem Ostermoorweg habe es Probleme gegeben. Die großen Einsatzfahrzeuge hätten sich durch die abgestellten Pkw schlängeln müssen. Für Birke völlig unverständlich: „Die Autobesitzer waren vor den Häusern zugange und haben das mitbekommen. Sie haben aber keine Anstalten gemacht, die Wagen wegzufahren. Dieses Verhalten ist einfach unmöglich und führt zu einer Verzögerung des Einsatzes.“

Für Kreiswehrführer Frank Homrich war das kein Einzelfall. „Es wird mehr. Das ist der Zeitgeist. Viele Leute denken zuerst an sich“, sagt Homrich. Feuerwehrleute machten immer wieder ähnliche Erfahrungen. „Ich habe selbst im Einsatz erlebt, wie Autofahrer auf der Straße keinen Platz gemacht haben. Manchmal dauert es auch ewig, bis sie die Feuerwehrwagen bemerken, weil etwa das Radio läuft.“

Eine völlig neue Qualität hätten Angriffe auf Feuerwehrleute. „Ich habe mit einem Kameraden aus Frankfurt gesprochen. Die Kollegen sind bei Löscharbeiten mit Steinen beworfen worden.“ Homrich meint die Ausschreitungen während der Demonstrationen vor der Europäischen Zentralbank vor einigen Wochen. „Und das ist nur die Spitze des Eisbergs“, so Homrich.

Die Feuerwehr könne kaum etwas gegen die Behinderungen tun. Autos abschleppen zu lassen oder die Fahrer anzuzeigen, sei keine Option. „Wir haben im Einsatz anderes zu tun, als Nummernschilder aufzuschreiben. Und bis wir ein Auto abgeschleppt haben, ist aus einem Herdbrand ein Großfeuer geworden.“ So bleibt ihm nur der Appell, rücksichtsvoller zu sein. „Wenn die Leute selbst einmal Hilfe bekommen haben, denken sie oft anders.“

Wege werden versperrt

Christian Mandel, Pressesprecher der Rettungsdienst-Kooperation in Schleswig-Holstein (RKiSH), sagt: „Es ist ein altbekanntes Problem. Fahrzeuge werden sinnfrei geparkt und Wege versperrt. Insbesondere bei uns geht es um wertvolle Minuten.“ Es gebe sowohl gedankenlose Falschparker, die ohne bösen Willen handelten, als auch Ignoranten, die bewusst nicht reagierten. „Ich habe einmal im Einsatz an einer roten Ampel hinter einem Auto festgesessen. Der hat sich trotz Blaulicht und Martinshorn keinen Millimeter bewegt. Ich war zwischen Autos eingekeilt“, erinnert sich Mandel.

Das sei zwar eine Ausnahme. Doch die Retter würden auch mit anderen Hindernissen konfrontiert. Er erinnert an die zahlreichen Gaffer nach einem Unfall in Kiel. „In anderen Bundesländern werden inzwischen Stellwände eingesetzt, um Schaulustige fernzuhalten, die Rettungsarbeiten blockieren.“ Manchmal könne sogar guter Wille zum Problem werden. „Wenn ein Lkw vor einer langen Rechtskurve stoppt, sehen wir nichts mehr. Dann wird’s gefährlich.“

Genaue Zahlen zum Umfang der Behinderungen und ob sie zugenommen haben, gebe es nicht. „Der persönliche Eindruck hängt auch davon ab, wie Kollegen auf Vorfälle reagieren und ob sie durch Medienberichte besonders sensibilisiert sind“, sagt Mandel.

Aus Polizeisicht sind ignorante Verkehrsteilnehmer aber kein Massenphänomen. „Es gibt Einzelfälle. Manchmal sind Verkehrsteilnehmer auch verunsichert und wissen nicht, wohin sie ausweichen sollen. Im Allgemeinen stoßen wir als Polizei aber auf verständnisvolle Autofahrer“, sagt Sandra Mohr, Pressesprecherin der für den Kreis Pinneberg zuständigen Polizeidirektion Segeberg. Falsch parkende Autos jedoch würden vor allem für die Feuerwehr mit ihren großen Einsatzwagen immer wieder mal zum Hindernis.

Der Einsatz am Ostermoorweg war nach einer Stunde vorbei. Eingreifen mussten die Wehrleute nicht. Doch für Birke bleibt ein bitterer Nachgeschmack. Er sagt: „Wir appellieren an die Autofahrer, ihr Verhalten zu überdenken. Auch sie könnten einmal Hilfe benötigen und wären über einen schnellen Einsatz froh.“

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