Kreis Pinneberg : Stress-Beruf Bürgermeister

Schenefelds hauptamtliche Verwaltungschefin Christiane Küchenhof.
Schenefelds hauptamtliche Verwaltungschefin Christiane Küchenhof.

24-Stunden-Job Bürgermeister: Die Verwaltungschefs sehen sich steigenden Anforderungen gegenüber. Komplexe Aufgaben, hohe Erwartungen, Vermischung von Amt und Privatsphäre – jeder versucht, sich zu schützen.

shz.de von
25. Mai 2015, 06:00 Uhr

Kreis Pinneberg | Donnerstagabend, 20 Uhr im Forum: Christiane Küchenhof hält ein Grußwort fürs Theater Schenefeld. Es wird 40 Jahre alt. Freitag ist die 47-Jährige der Gast bei der Mitgliederversammlung von Haus & Grund. Sonnabendnachmittag: Neueröffnung des Casinos. Schenefelds Bürgermeisterin darf die erste Roulettekugel bewegen. Von Termin zu Termin. Auch abends, auch am Wochenende. Alltag für die hauptamtlichen Bürgermeister. Geregelte Arbeitszeiten? Fehlanzeige. Überstunden? Ungezählt und unbezahlt.

„Die Arbeitsbelastung ist enorm und nimmt weiter zu. Die Anforderungen sind gestiegen. Das ist auch schon lange Thema in der Bürgermeisterrunde“, sagt Schenefelds Verwaltungschefin.

Stress-Beruf Bürgermeister: Anja Radtke zieht Konsequenzen. Die 51-Jährige wird 2016 nicht wieder als Rellinger Bürgermeisterin antreten. Sie steigt aus – nach nur einer Amtszeit. Zu groß war der Substanzverlust, zu gering die Erholungsphasen (wir berichteten).

Ausgebrannt nach sechs Jahren: Radtke legt den Finger in die Überlastungswunde. Bürgermeister müssen für ihre Bürger da sein, manchmal auch rund um die Uhr. „Das stimmt. Zum Teil sind wir fremdbestimmt. Aber das gehört zum Job“, sagt Küchenhof. Sie hat zehn Bürgermeisterjahre auf dem Buckel. Sie ist extrem fleißig, aber keine Aktenfresserin. Delegieren, ihrem Team Verantwortung übertragen – und Mut zur Lücke beweisen. So schützt sie sich ein Stück weit. „Ich muss nicht in jeder politischen Sitzung dabei sein.“

Das handhabt Roland Krügel (CDU) aus Tornesch ganz anders. Der Ortschef alten Schlags ist in seinem 30. Amtsjahr und damit der dienstälteste Bürgermeister Schleswig-Holsteins. Delegieren ist nicht seine Sache. Krügel gehört zu denjenigen, die keine Ausschusssitzung auslassen, die ständig präsent sein und alles selber machen wollen. „Das ist kein normaler Bürojob. Die Arbeit ist extrem zeitintensiv“, sagt Krügel über das Bürgermeisteramt. Für ihn ist klar: Wer kandidiert, muss wissen, worauf er sich einlässt.

„Jeder Bürgermeister muss selbst entscheiden, wie er seine Arbeit einteilt. Aber ich will in den Sitzungen mitbekommen, wie die Fraktionen auftreten, und sehen, welche Gäste kommen.“ Eine Trennung zwischen Privatleben und Amt sei kaum möglich. „Ich bin immer im Dienst. Wenn die Leute mich sehen, schnacken sie mich an. Das gehört dazu. Wiedergewählt wird man nur, wenn die Leute einen sehen.“

Doch auch Krügel hat im Laufe der Zeit seine Prioritäten neu setzen müssen. „Zu Beginn meiner Amtszeit bin ich noch zu jeder Jahreshauptversammlung der Vereine gegangen und war bei allen Veranstaltungen dabei. Das tue ich jetzt nicht mehr. Auch meine Präsenz bei Jubiläen oder runden Geburtstagen habe ich drastisch runtergefahren.“

Grundsätzlich habe die Arbeitsbelastung wegen neuer Gesetze und Verordnungen zugenommen. Und auch das Tempo nimmt zu. Krügel sagt: „Ich bekomme E-Mails und wenige Stunden später wird schon nach einer Antwort gefragt. Viele Leute wollen sofort Lösungen.“ Lösungen für immer komplexere Aufgabenstellungen, sagt Urte Steinberg. Auch Pinnebergs Bürgermeisterin nimmt eine zunehmende Belastung war. „Aufgaben wie die Unterbringung von Flüchtlingen müssen im Gesamtkontext betrachtet werden, da kann man nicht einfach einzelne Aufgaben in Angriff nehmen“, sagt sie. Steinberg ackert 70 Stunden pro Woche. Repräsentanzen, Leitung, Mandate – sie muss als Bürgermeisterin gleich mehrere Bereiche abdecken. Ein Pensum, das sie nur durch eine „strukturierte Arbeitsweise“ schafft, wie sie sagt. Zum Ausgleich treibt sie Sport – auch ihre Amtskolleginnen aus Halstenbek und Schenefeld beginnen den Tag mit Yoga, Gymnastik oder Laufen. „Es ist wichtig, Pausen gezielt zu setzen“, sagt Steinberg. Die Vermischung von Privatleben und Amt gehört für sie dazu. „Ich bin Pinnebergerin und Bürgermeisterin, ich bin immer ansprechbar“, sagt sie.

„Eine Bürgermeisterin hat keine Arbeitszeit“, stimmt ihr Linda Hoß-Rickmann zu. Halstenbeks Bürgermeisterin stellt klar, dass sich manche Aufgaben nicht delegieren lassen. „Aber wir können auch nicht alles selbst machen“, sagt Hoß-Rickmann.

Direkt gewählt, den Bürgern verpflichtet – und immer im Spannungsfeld zwischen eigenen Mitarbeitern, der Politik und den Bürgern: „Ein Bürgermeister ist nicht nur Chef einer Verwaltung, er ist immer auch Diplomat und Psychologe“, sagt Küchenhof. Die Verantwortung ist enorm. Dabei können Bürgermeister kaum etwas selbst entscheiden. Sie haben auch keine Stimme im Hauptausschuss und im Rat. „Ein Bürgermeister braucht Nehmerqualitäten“, sagt Schenefelds Verwaltungschefin. Denn für Kritik – ob berechtigt oder unberechtigt – sind Bürgermeister ein einfaches Ziel. Lob gibt es eher selten.

Die 24-Stunden-Bürgermeister: Sie buckeln ohne zu klagen, denn eins verbindet sie alle. Irgendwie lieben sie diesen Job.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen