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Kreis Pinneberg : Strafzinsen auch für Kleinsparer?

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Die Süddeutsche Bank will auch für kleine Guthaben Geld von Kunden. In der Region Pinneberg nur Großanleger betroffen.

shz.de von
erstellt am 09.Jun.2017 | 12:00 Uhr

Pinneberg | Die Banken wollen das Geld ihrer Kunden nicht mehr: Statt den Sparern Zinsen zu zahlen, kassieren viele Banken einen Strafzins. Zunehmend sind auch Kleinanleger betroffen. Jüngstes Beispiel: Die Volksbank im baden-würtembergischen Reutlingen. In einem Preisaushang findet sich ein negativer Zins von 0,5 Prozent für Guthaben ab 10.000 Euro. Das Institut taucht auf einer Liste des Vergleichsportals Verivox auf – genauso wie die Volksbank Pinneberg-Elmshorn.

Uwe Augustin, Vorstandsmitglied der Volksbank Pinneberg-Elmshorn, sagt auf Nachfrage: „Es gibt keinen generellen Negativzins bei uns. Aber wir treffen seit Anfang des Jahres individuelle Vereinbarungen mit Kunden großer Vermögen auf Giro-, Tagesgeld- oder Festgeldkonten.“ Einlagen unter 250  000 Euro seien nicht betroffen. „Aber auch darüber gibt es keinen Automatismus. Bei treuen Kunden akzeptieren wir auch höhere Beträge“, sagt der Bankchef.

Hintergrund sei ein Ausweichverhalten von Anlegern. „Schon im vergangenen Jahr haben wir einen starken Zufluss von Liquidität festgestellt. Sparer, die bei ihren Banken Negativzinsen zahlen mussten, sind zu uns gekommen. Das können wir nicht mittragen. Schließlich müssen wir für unsere Liquiditätsüberschüsse bei der Europäischen Zentralbank auch 0,4 Prozent Zinsen zahlen“, sagte Augustin. Die Bank müsse sich dagegen wehren, dass große Summen bei ihr geparkt würden. Bisher seien etwa 100 bis 150 Kunden betroffen. Für Kleinanleger schloss Augustin Strafzinsen aus.

Warum die Volksbank auf der Verivox-Liste mit dreizehn Banken landete, ist unklar. „Wir haben den Zinssatz nicht in Preisaushängen veröffentlicht.“ Aber genau das hatte Verivox angegeben. Augustin sagte auch: „Mich erstaunt die geringe Zahl auf der Liste. Ich gehe davon aus, dass deutlich mehr Banken Negativzinsen verlangen.“ Die Sparkasse Südholstein verlangt den Strafzins von Geschäftskunden mit Guthaben von 500  000 Euro und mehr. „Es sind in der Regel institutionelle Anleger betroffen“, teilte Pressesprecher Stephan Kronenberg mit. „Für Privatkunden gilt nach wie vor, dass wir keine Verwahrentgelte einführen wollen.“

Die Hamburger Sparkasse (Haspa) verlangt nach eigenen Angaben bisher keine Negativzinsen von Privatkunden. „Wir wollen das so lange es geht vermeiden“, sagte André Grunert, Pressesprecher der Haspa. Geschäftskunden zahlten seit dem vergangenen Jahr Strafzinsen. Zu einem Schwellenwert machte Grunert keine Angaben. „Wir treffen individuelle Vereinbarungen“, sagte der Pressesprecher. Auch die Zahl bisher betroffener Kunden nannte er nicht. Die Raiffeisenbank Bad Bramstedt mit Filiale in Bilsen verlangt Strafzinsen von Kunden mit besonders großen Guthaben. „Von einer Viertelmillion sind wir aber meilenweit entfernt. Es geht eher um siebenstellige Beträge“, sagte Vorstand Ingmar Kampling. Zur Zahl der Betroffenen wollte er keine Angaben machen. „Es sind aber Ausnahmefälle.“

Kunden der Volksbank Hamburg müssen seit Anfang des Jahres 0,2 Prozent Zinsen zahlen, wenn sie 500  000 Euro und mehr auf dem Konto haben. Reiner Brüggestrat, Vorstandssprecher des Geldhauses, hatte dem Hamburger Abendblatt gesagt: „Insgesamt haben deutsche Banken im Jahr 2016 schon 1,5 Milliarden Euro an negativen Zinsen an die Europäische Zentralbank gezahlt – im Schnitt rund sechs Prozent ihrer Vorsteuer-Gewinne.“ Der Negativzins stelle grundlegende Prinzipien des Geschäftslebens auf den Kopf. „Ich leihe Geld aus, aber anstatt das entlohnt zu bekommen, muss ich für die sichere Verwahrung zahlen. Das ist eine perverse Situation, die es in 4000 Jahren Zinsgeschichte noch nicht gegeben hat“, sagte Brüggestrat.

Carsten Dürkob, Pressesprecher der Stadtsparkasse Wedel, sagte auf Anfrage: „Derzeit gibt es bei uns weder für Geschäfts- noch für Privatkunden Negativzinsen.“ Ist in absehbarer Zeit eine Einführung geplant? „Dazu kann ich nichts sagen“, so Dürkob. Auch für die Raiffeisenbank Elbmarsch mit Hauptsitz in Heist sind Strafzinsen bisher weder bei Geschäfts- noch Privatkunden ein Thema. „Nach heutigem Stand planen wir die Einführung nicht. Doch wenn die Situation auf den Finanzmärkten so bleibt, müssen wir darüber nachdenken“, sagt Vorstand Torsten Wölm.

Ähnlich sieht es bei der Raiffeisenbank Seestermühe aus. „Bei uns gibt es keine Negativzinsen. Unser Kreditgeschäft ist in den vergangenen Jahren überproportional gewachsen. Wir würden im Ernstfall wohl zu den letzten Banken gehören, die Negativzinsen einführen“, sagte Vorstand Jens Hüllmann. ie Norderstedt Bank, ebenfalls ein Genossenschaftsinstitut, reagierte bis zum Redaktionsschluss nicht auf eine Anfrage. Das Internetportal Tagesgeldvergleich gibt deren Strafzins für Privatkunden mit 0,4 Prozent ab 250.000 Euro an.

Die föderal organisierten Verbraucherzentralen bewerten das Vorgehen der Banken sehr unterschiedlich. „Anfangs gab es teils die Meinung, sie seien rechtlich nicht zulässig. An dieser harten Auffassung wurde aber nicht festgehalten“, sagt Michael Herte, Experte für Finanzdienstleistungen bei der Verbraucherzentrale Schleswig-Holstein (VZSH). Im Gegenteil. „Wenn Banken alles dafür getan haben, das Geld sinnvoll anzulegen, ist es auch legitim, sich die Kosten für das Parken von Geld erstatten zu lassen“, sagt Herte. Banken müssten jedoch mit aller Kraft versuchen, das Geld etwa in Form von Krediten in den Wirtschaftskreislauf zu bringen. Beschwerden über Strafzinsen gebe es bei der VZSH bisher nicht.

Und was rät der Experte Menschen, die für ihr Tagesgeld zahlen müssen und deswegen umschichten wollen? „Es gelten die üblichen Anlagetipps: Nicht alles auf eine Karte setzen, risikoarme und renditeträchtige Produkte kombinieren und dabei auch den eigenen Anlagehorizont genau definieren“, sagt Herte. Für einen vermögenden 80-Jährigen ergebe es womöglich wenig Sinn, das Geld für einen langen Zeitraum fest zu investieren. „Wir als Verbraucherzentrale können Sparer unterstützen. Denn im Zusammenhang mit Anlageberatungen gibt es Beschwerden. So werden mitunter Produkte empfohlen, die für Banken und Vermittler gebühren- und provisionsträchtig, nicht aber das Beste für die Kunden sind“, sagt Herte. Von den Listen der Vergleichsportale wie Verivox hält der Experte übrigens wenig. „Sie bilden nicht den gesamten Markt ab. Es ist nicht ersichtlich, wie sie zustandekommen.“

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