Steinberg knöpft sich die Politik vor

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Rede zur zweiten Amtszeit: Bürgermeisterin redet Klartext und stellt sich vor ihre Mitarbeiter / Viele Ratsherren und -frauen pikiert

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01. März 2019, 16:38 Uhr

Donnerstagabend, Ratsversammlung in Pinneberg. Als Bürgermeisterin Urte Steinberg (parteilos) ans Mikrofon tritt, ahnt wohl niemand, dass sie während ihrer Rede zur zweiten Amtszeit den Ratsherren und -frauen die Leviten lesen wird. Steinberg redete Klartext. Machte ihrem Ärger Luft. Für manche war das schon ein Eklat.

Doch die Verwaltungschefin geht es zunächst langsam an. Sie ließ ihre erste Amtszeit Revue passieren und sagte, was sie in den nächsten Jahren vorhat. „Wir brauchen mehr Kitas, ein drittes Feuerwehrhaus, gute Sportstätten, ein Kulturzentrum und bessere Rad- und Fußwege sowie Straßen, um nur einige Beispiele zu nennen.“

So mancher mag da schon abgeschaltet haben, doch am Schluss nahm sich Steinberg die Ratsherren und -frauen vor: „Und jetzt folgt ein ganz anderes Thema. Da ist es an der Zeit, wie ich finde, Klartext zu reden.“ Besonders den Umgang mit ihren Mitarbeitern in der Verwaltung, den einige Lokalpolitiker wohl pflegen, kritisierte sie heftig: „ Ich weiß, dass der ein oder andere in der Vergangenheit gern offene Briefe oder Mails mit großem Verteiler geschrieben hat“, sagte sie. Oder es gebe einige, die zu vielen Gelegenheiten geschimpft hätten. „Am liebsten per E-Mail, am besten am Wochenende, so dass meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dann gleich zu Arbeitsbeginn am Montag mit negativen Gefühlen zu arbeiten beginnen oder mit gemischten Gefühlen in eine Sitzung gehen.“

Was nun folgte, war starker Tobak: „Auch wird meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zuweilen unterstellt, dass sie keine Lust haben zu arbeiten oder Ausreden erfinden. Oder es gibt verbale Entgleisungen. Auch sexistische Äußerungen waren dabei. Das muss nicht sein. Und das ist auch nicht gerade förderlich für die Zusammenarbeit, sondern erzeugt Frust – zumindest in der Verwaltung.“ Und weiter: „Es ist auch nicht gerade leicht, nach einer Sitzung, in der es gefühlt nur von verbalen Angriffen so hagelt, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu motivieren, das Gesagte abzuschütteln und weiterzumachen.“ Da liefe jede noch so gut gemeinte Personalbindungsmaßnahme ins Leere, so Steinberg. Und neue Mitarbeiter zu akquirieren, werde immer schwieriger, wenn Fehler über die Zeitung angeklagt werden.

Spätestens jetzt war es im Ratssaal mucksmäuschenstill. Versteinerte Gesichter, besonders bei den SPD-Ratsherren und -frauen. Steinberg fuhr mit ihrer Rede fort: „In anderen Kommunen - gar nicht weit weg – arbeiten alle zusammen an einem positiven Image ihrer Stadt. Denn Selbstverwaltung und Verwaltung sollen gemeinsam zum Wohle ihrer Kommune tätig sein. Hier in Pinneberg scheint mir das manchmal nicht der Fall zu sein. Hier wird oftmals das eigene Ego in den Vordergrund gestellt oder auch bewusst in Kauf genommen, dass die Stadt schlecht aussieht, und das nur, um einen persönlichen Vorteil zu erreichen.“

Was Steinberg nicht schätze, seien Attacken von hinten herum. „Das finde ich stillos. Und nötigt mir leider gar keinen Respekt ab.“ Dafür verspreche sie im Gegenzug: „Wenn Sie anderer Meinung sind, werde ich das respektieren. Und ich verspreche Ihnen hier und heute, ich werde ein offenes Ohr haben und mir Ihre Bedenken anhören.“
Die symbolische Hand, die Steinberg den Ratsherren und -frauen zum Ende reichte, wollten diese nicht annehmen. Herbert Hoffmann (SPD) habe die Rede erschrocken. „Ich fühle mich nicht angesprochen.“ Er habe sich den Verwaltungsmitarbeitern gegenüber immer fair verhalten.

Das sah Joachim Dreher (Grüne und Unabhängige) ähnlich: Er kritisierte den „pauschalen Angriff auf das Ehrenamt“. „Diese Rede war nicht zielführend und motivierend.“ Und Gerhard Thomssen (SPD) kam Steinbergs Rede wie „ein Selbstfindungsseminar in Worpswede“ vor.

Auch Florian Kirsch von der CDU, die ja zusammen mit der FDP Steinbergs Wahlkampf im vorigen Jahr unterstützt hatte, fand die Pauschalisierung nicht gut. Das sei ein „Generalanschiss“ gewesen. „Sprechen Sie die Leute an, wenn es Probleme gibt“, empfahl er Steinberg.

Versöhnlicher wurde Ratsherr Werner Mende (FDP): „Wir sollten den Ball ein bisschen flach halten. Man sollte darüber nachdenken: Wie kommt Frau Steinberg dazu, so etwas zu sagen?“

„Ich habe es nicht bereut, die Rede gehalten zu haben“, sagte Steinberg später im Gespräch mit unserer Zeitung. Ihr sei es darum gegangen, sich vor ihre Mitarbeiter zu stellen.





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