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Schuldnerberatung im Kreis Pinneberg : Stapelweise unbezahlte Rechnungen

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Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

5255 Anfragen hat die Awo im vergangenen Jahr von Menschen, die finanziell nicht mehr weiterwussten.

shz.de von
erstellt am 15.Jun.2017 | 12:00 Uhr

Pinneberg | Angst, Scham, Stolz: Das sind die Hauptgründe, warum verschuldete Männer und Frauen oft erst dann ein Beratungsangebot nutzen, wenn alles droht, über ihnen zusammenzufallen. Das hat die Arbeiterwohlfahrt (Awo), die im Kreis Pinneberg mit der Schuldnerberatung beauftragt ist, in einer Umfrage unter ihren Kunden herausgefunden. 5255 Anfragen zählte das Awo-Angebot im vergangenen Jahr. Die Berater – Bankfachwirte, Sozialpädagogen, Psychologen und Mitarbeiter mit einem juristischen Hintergrund – schilderten gestern bei der Präsentation ihres Jahresberichts drei Beispiele aus dem Arbeitsalltag (Namen geändert).

  • Fall 1: Von ihrem Freund hat sich Erika E. getrennt. 6200 Euro Schulden aus der Beziehung hat sie mitgenommen. Bei fünf Gläubigern steht die alleinerziehende Mutter eines sechsjährigen Sohns in der Kreide. In ihrem Teilzeitjob als Büroassistentin verdient sie 480 Euro monatlich. Hinzu kommen Kindergeld, Unterhaltszahlungen und vom Sozialamt Zuschüsse, damit sie finanziell auf Höhe der Grundsicherung kommt. Jahrelang ist es ihr gelungen, jeden Monat 255 Euro abzuzweigen, um Schulden abzubezahlen. Aber irgendwann kann sie nicht mehr: Als sie die Awo-Schuldnerberatung aufsucht, ist Erika E. untergewichtig und sagt, sie habe seit mehreren Nächten nicht geschlafen. Die Schuldnerberater verabreden mit den Gläubigern eine Ratenzahlung, die auf 60 Monate und jeweils 110 Euro Abzahlung angelegt ist.
  • Fall 2: Als der Mann von Gerda S. noch lebte, hatten die beiden keine finanziellen Sorgen: Die Renten der beiden reichten, um monatlich 298 Euro aus zwei Krediten abzubezahlen. Vor vier Jahren aber starb ihr Mann. Und Gerda S. musste von ihren 872 Euro Rente die Raten allein berappen. Um ihren Lebensunterhalt zu sichern, trägt die 70-Jährige noch Zeitungen aus. Dennoch rutscht sie auf ihrem Konto immer weiter ins Minus. Monatlich kommen inzwischen 30 Euro Dispo-Zinsen hinzu. Als S. die Schuldnerberatung aufsucht, wirkt sie psychisch angeschlagen und vollkommen überfordert. In diesem Fall arbeitete die Awo mit dem psychosozialen Dienst zusammen. Um Obdachlosigkeit und Stromsperre abzuwenden, wird S. eine gesetzliche Betreuerin für die Regelung der finanziellen Belange an die Seite gestellt.
  • Fall 3: Während seiner Ausbildung wird Stefan W. krank. Seit Jahren sitzt der heute 37-Jährige im Rollstuhl und lebt von Arbeitslosengeld II – also Hartz IV. Ein Freund hat ihn dazu überredet, für ihn zwei Handy-Verträge abzuschließen. Der Bekannte will ihm die Kosten regelmäßig erstatten. Zunächst erhält Stefan W. das Geld, irgendwann nicht mehr. Seiner Familie gegenüber erzählt er zunächst nichts von den Schulden. Als ein Bescheid zur Zwangsvollstreckung eintrudelte, suchte er mit seiner Mutter die Schuldnerberatung auf. Die verhandelt mit dem Handy-Anbieter. Die Familie kratzt 1000 Euro zusammen – weniger als die Höhe der aufgelaufenen Schulden. Aber der Gläubiger hat ein Nachsehen und akzeptiert die Zahlung – wohl auch, weil bei W. auf lange Sicht nichts zu pfänden gewesen wäre.
Um die Schuldnerberatung zu nutzen, gibt es zwei Wege: Die Awo bietet zum eine offene Sprechstunden an: Jeden Montag von 10 bis 11.30 Uhr in Pinneberg, Am Drosteipark 21, und jeden Donnerstag von 15 bis 17.30 Uhr in Elmshorn, Flamweg 42. Zu weiteren Sprechstunden können Termine vereinbart werden. Für den Bereich Elmshorn und Barmstedt samt Umland unter Telefon 04121-897999, für Quickborn und Tornesch unter 04121-897939, für Wedel und die Marsch unter 04103-1808320, für Halstenbek, Rellingen und Schenefeld unter 04101/205741 und für Pinneberg und Umland unter 04101-205744. Die Wartezeit beträgt laut Awo nicht mehr als sechs Wochen.
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