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„Jugendarbeit lebt von Menschen“ : Stadtjugendpfleger Raimund Bohmann fordert im Interview einen Wandel im öffentlichen Bewusstsein

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Berufsbild, Voraussetzungen und Anforderungen - Raimund Bohmann erzählt von der Arbeit in der Jugendpflege.

Pinneberg | Raimund Bohmann ist seit 1998 Stadtjugendpfleger in Pinneberg. Im Interview erklärt Bohmann unter anderem, warum es so schwer ist, Personal zu finden.

Wie sieht Ihre Arbeit als Jugendpfleger aus?
Raimund Bohmann Grundsätzlich gibt es kein einheitliches Berufsbild. Die Jugendarbeit läuft in allen Kommunen völlig unterschiedlich ab. Im Moment ist meine Arbeit sehr stark von der Leitung des Verbundes mit Jugendeinrichtungen und Schulen geprägt. Ich bin unter anderem für Verwaltung und Betreuung der einzelnen Mitarbeiterteams zuständig und halte den Kontakt zu den Schulen. Ich kümmere mich aber nicht nur um administrative Tätigkeiten.

Was fällt sonst noch an?
Fortbildungen, Veranstaltungen wie „Wake Up Pi“, die Aktion Ferienpass, Personal akquirieren - es fällt einiges an. Dass ich ein Büro im Rathaus habe, ist ein großer Vorteil. So bin ich die Schnittstelle zwischen Verwaltung und Jugendarbeit und kann deren Interessen kommunizieren. Auch mit dem Kreisjugendamt arbeite ich sehr eng zusammen. Vielen ist gar nicht bewusst, dass die Stadtjugendpflege sich nicht um Einzelfälle kümmert, sondern dafür der Kreis zuständig ist. Wenn jemand anruft, wird er von mir natürlich nicht einfach abgewimmelt. Viel Arbeit ist mit der Aktion Ferienpass verbunden, die vollständig in meinen Händen liegt. Den Stress genieße ich aber. So bin ich zum Beispiel bei vielen Ausfahrten dabei. Ich freue mich, wenn die Chance besteht, direkt etwas mit den Jugendlichen zu unternehmen.

Wie wirken sich die finanziellen Probleme der Stadt auf Ihre Arbeit aus?
Wir halten engen Kontakt zu den Firmen und der Wirtschaftsgemeinschaft. Aufgrund der finanziellen Situation der Stadt sind wir auf externe Unterstützung angewiesen, wenn wir etwas Besonderes oder Größeres anbieten wollen. Wir sind deshalb jedem Spender dankbar. In Sachen Ausstattung können wir uns aber immer irgendwie behelfen. Unser Hauptproblem ist, dass Personal fehlt. Das hängt nicht nur mit fehlendem Geld zusammen. Der Arbeitsmarkt ist im gesamten sozialen Bereich so gut wie leer und wir finden kaum noch geeignete Mitarbeiter.

Woran liegt das?
Die Entwicklung verläuft wie bei den Pflegeberufen. Die wurden so gering angesehen, dass wir inzwischen in anderen Ländern nach Pflegekräften suchen müssen. Eine ähnliche Situation befürchte ich für die Jugendarbeit. Wir brauchen qualifiziertes Personal, das vorher studiert und Lust auf einen anstrengenden und manchmal auch nervenaufreibenden Beruf hat. Da die meisten Stellen nur befristet sind und die Arbeit in der Öffentlichkeit keine große Anerkennung erfährt, stehen die Bewerber nicht gerade Schlange. Zumal auch die Bezahlung nicht besonders gut ist und man davon häufig nicht leben kann. Wenn da kein Umdenken einsetzt, sehe ich für die Zukunft schwarz. Ohne gute Mitarbeiter nutzt die beste Ausstattung nichts.

Wie ist die Ausstattung in Pinneberg?
Ähnlich wie Schulen und Sportvereine merken wir, dass aufgrund fehlender Mittel ein Sanierungsstau entstanden ist. So muss beispielsweise die etwa 30 Jahre alte Küche im Geschwister-Scholl-Haus dringend erneuert werden. Es ist ärgerlich, wenn sich die Mitarbeiter nicht auf die Jugendlichen konzentrieren können, weil zwischendurch irgendetwas notdürftig repariert werden muss. Eins ist klar: Wer in der Jugendarbeit tätig ist, muss in der Lage sein zu improvisieren. Wir können nichts richtig, aber von allem ein bisschen.

Welche Bedeutung haben Geschwister-Scholl-Haus (GSH), Komet und Club Nord für die Jugendarbeit?
Das Geschwister-Scholl-Haus hat eine riesige Bedeutung für Pinneberg und ist längst weit mehr als ein Jugendzentrum. Es ist auch als Veranstaltungsort unverzichtbar. Die Bürger wollen, dass vor Ort etwas geboten wird. Da für größere Events nur wenige Räume zur Verfügung stehen, ist das GSH einer der kulturellen Mittelpunkte. Auch Club Nord und Komet sind wichtig. Sie garantieren, dass die Jugendarbeit nicht nur im Ortskern erfolgt. Überhaupt ist der Verbund, zu dem sich alle Einrichtungen der Jugendhilfe zusammengeschlossen haben, ein Gewinn für die Stadt. Dadurch wurden Berührungsängste zwischen Schulen und Jugendarbeit abgebaut. Die Vernetzung hilft allen Beteiligten. Die Schulen sehen sich längst nicht mehr nur als Bildungs- sondern auch als Erziehungseinrichtung. Das ist aus meiner Sicht ein gewaltiger Fortschritt.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Jugendarbeit?
Es wäre schön, wenn das Personal irgendwann aufgestockt werden kann. Die jetzige Konstellation ist auf Dauer nicht haltbar. Sozial- und Jugendarbeit leben von den Menschen. Es werden Leute mit Enthusiasmus und Ideen gebraucht. Sie müssen den Kindern und Jugendlichen das Gefühl vermitteln, dass sie am richtigen Ort sind, wo man sich für sie und ihre Probleme interessiert. Die Nachfrage ist auf alle Fälle da. So können gerade die Jugendeinrichtungen beispielsweise einen wichtigen Beitrag zur Integration von Flüchtlingen leisten. Wobei uns aufgrund der fehlenden personellen Ressourcen natürlich Grenzen gesetzt sind.

Was reizt Sie persönlich an der Jugendarbeit?
Die Vielfalt an Möglichkeiten. Wenn ich eine Idee habe, kann ich diese umsetzen. Diese Form der Selbstbestimmung und Flexibilität finde ich klasse. Außerdem hält mich die Jugendarbeit jung. Die Kinder und Jugendlichen sind dynamisch und immer für Überraschungen gut. Glück ist ja meistens eine Momentaufnahme. Wenn nach einer Veranstaltung alle begeistert sind, macht mich das persönlich glücklich.

Raimund Bohmann (53) arbeitet seit September 1998 bei der Stadt Pinneberg. Der Diplom-Sozialarbeiter und Diplom-Sozialpädagoge stammt aus Lingen, ist verheiratet und hat einen Sohn.
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