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„Der Angst wirkungsvoll begegnen“ : Sönke-Peter Hansen, Außenstellenleiter des Weißen Rings im Kreis Pinneberg, über Opferhilfe und Präventionsarbeit

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Im Interview werklärt Hansen, warum es sinnvoll ist, sich präventiv vor Straftaten zu schützen, auch wenn eigentlich der Täter derjenige ist, der etwas falsch macht.

Kreis Pinneberg | Seit etwa zwei Jahren leitet Sönke-Peter Hansen die Außenstelle der Opferhilfeorganisation Weißer Ring im Kreis Pinneberg. Im Interview mit shz.de berichtet er, auf welche Weise der Weiße Ring Menschen unterstützt, die Opfer von Straftaten geworden sind, und weshalb es sinnvoll ist, sich präventiv vor Straftaten zu schützen, auch wenn eigentlich der Täter derjenige ist, der etwas falsch macht.

Was ist der Weiße Ring?
Sönke-Peter Hansen: Der Weiße Ring ist für die Opfer von Straftaten da. Unsere Tätigkeit beginnt immer erst dann, wenn wir angefordert werden. Das heißt, die Opfer wenden sich an uns und bitten um Unterstützung. Eine Anzeige gegen den Täter muss vom Opfer dafür nicht gestellt werden.

Und wie sieht die Arbeit des Weißen Rings im Kreis Pinneberg aus?
Unser Team besteht aus insgesamt zehn ehrenamtlichen Mitarbeitern, davon sind sechs Opferhelfer, die mit den Betroffenen Gespräche führen. Was wir immer ganz schnell versuchen, ist durch Hilfeschecks für anwaltliche und psychotraumatologische Erstberatung Rechtsberatung und therapeutische Hilfe sicher zu stellen. Hinzu kommt in einigen Fällen auch eine Gerichtsbegleitung und die Zahlung von Sofort- und Opferhilfen. In allen Fällen sind die Opferhelfer für alle Aufgaben besonders ausgebildet. Für das, was wir nicht leisten können, holen wir uns Unterstützung – etwa den Wendepunkt bei Missbrauch von Kindern oder die örtlichen Frauenberatungsstellen. Grundsätzlich übernehmen wir eine Lotsenfunktion. Wir haben ein sehr umfangreiches Netzwerk, das wir nutzen, Dabei verfügen wir über sehr gute Kontakte zu Behörden, Ämtern und ähnlichen Institutionen.

Welche weiteren Aufgaben übernimmt der Weiße Ring?
Der Weiße Ring beteiligt sich auf Bundesebene auch an Gesprächen bei Gesetzgebungsverfahren. Zum Beispiel beim Opferentschädigungsgesetz. Oder aktuell bei der Novellierung des Vergewaltigungs-Paragrafen 177. Da steht ja immer noch drin, dass der Täter freigesprochen wird, wenn die Frau sich nicht genügend gewehrt hat. Das ist für mich absolut nicht nachvollziehbar, dass ein „Nein“ nicht genügt, sondern man ja quasi immer noch nachweisen muss, dass man dagegen angegangen ist. Außerdem ist in unserer Satzung festgeschrieben, dass wir auch Präventionsarbeit leisten, damit Menschen gar nicht erst zu Opfern werden.

Wie sieht die Präventionsarbeit des Weißen Rings aus?
Wir gehen jetzt schon in Schulen und halten zusammen mit der Polizei Vorträge. Oder in der Weihnachtszeit, da bin ich gemeinsam mit einem Polizisten in der Einkaufspassage vor Ort gewesen, und wir haben gezielt Menschen angesprochen, die recht unbekümmert mit ihren Wertsachen umgegangen sind. Einen Fall gab es, da hat eine junge Frau bei Thevs eingekauft und sich dann nach dem Einpacken ihrer Sachen mit einer Freundin unterhalten, das Portemonnaie lag die ganze Zeit gut sichtbar in der Tasche und die Frau achtete nicht wirklich darauf. Die haben wir dann darauf angesprochen. In den zwei Stunden, in denen wir in der Passage waren, hätte man vier Diebstähle problemlos vollziehen können, ohne dass man ein Fachmann darin ist. Professionelle Taschendiebe hätten noch mehr Opfer gefunden.

Die Außenstelle des Weißen Rings im Kreis Pinneberg wird ab diesem Montag in der neuen Serie „Der Weiße Ring rät“ Tipps dazu geben, was man machen kann, um einer Straftat vorzubeugen, oder wie man Hilfe erfährt, wenn man bereits zum Opfer geworden ist. Die Serie erscheint wöchentlich in den Tageszeitungen des A. Beig Verlages.

Gibt es weitere derartige Aktionen?
In Rellingen haben wir etwa einmal Autos dahingehend angesehen, ob dort Wertgegenstände sichtbar rumliegen. Und dann mit Flyern und Plakaten auf Parkplätzen darauf aufmerksam gemacht, dass dies Täter zum Diebstahl nahezu einlädt.

Weshalb sollte man sich überhaupt vor Verbrechen schützen, wenn doch eigentlich die Kriminellen diejenigen sind, die etwas Falsches machen?
Wenn man Opfer eines Verbrechens wird, dann ist das ein Albtraum. Ältere Leute verkaufen beispielsweise manchmal ihre Häuser, nachdem dort eingebrochen wurde. Oder sie ziehen um, weil sie es in den Räumen nicht mehr aushalten. Das ist einfach ein traumatisches Erlebnis.

Wenn jetzt Polizei und andere dazu raten, sich vor Einbruch zu schützen, wie wirkt das auf Menschen, die sich nicht geschützt haben und Opfer geworden sind?
Das ist unterschiedlich, einige nehmen das zum Anlass, ihr Haus im Nachhinein doch zu sichern. Für andere ist der Gedanke, dass sie etwas hätten verhindern können sehr schwierig zu ertragen und bereitet große Probleme. Diesen Menschen muss man immer wieder sagen, dass eine 100-prozentige Absicherung nicht möglich ist.

Und wie ist das, wenn jemand wie Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Rekers nach der Silvesternacht von einer Armlänge Abstand spricht?
Das ist eine sehr unglückliche Aussage gewesen. Es kann nicht sein, dass man anscheinend als Frau ein anderer Mensch sein soll als andere: Man darf sich nicht so kleiden, wie man will, soll eine Armlänge Abstand halten. Das kann es ja wohl nicht sein. Im Endeffekt muss ja nicht das Verhalten der Frau geändert werden, sondern das Verhalten der Männer. Das gilt auch für genügend Männer aus allen gesellschaftlichen Schichten, die der Meinung sind, sie müssten mit obszönen Bemerkungen oder mit ihrem Ausdruck deutlich machen, dass sie Macht haben. Es kann doch nicht sein, dass alles, was sich die Frauen in Bezug auf Gleichberechtigung erkämpft haben, jetzt wieder zur Diskussion gestellt werden soll.

Dennoch gibt es für Frauen derzeit präventive Angebote. Warum sollen sie jetzt doch lernen, sich auf eine besondere Weise zu verhalten?
Aus der berechtigten Angst heraus, müssen Möglichkeiten gefunden werden, dieser Angst wirkungsvoll und nachhaltig zu begegnen. Ich denke da insbesondere an Kurse für Selbstbehauptung, sicheres Auftreten und auch Selbstverteidigung. Dieses Angebot gilt aber in gleichem Maße für Männer, denn auch sie könnten beim Zeigen von Zivilcourage oder ohne einen besonderen Grund zu Opfern von Gewalt werden.

HINTERGRUND Der Weisse Ring

Der Weiße Ring wurde 1976 in Mainz gegründet als „Gemeinnütziger Verein zu Unterstützung von Kriminalitätsopfern und zur Verhütung von Straftaten e. V.“. Er ist Deutschlands größte Hilfsorganisation für Opfer von Kriminalität.

Der Verein unterhält ein Netz von etwa 3200 ehrenamtlichen, professionell ausgebildeten Opferhelfern in bundesweit 420 Außenstellen. Der Weiße Ring hat derzeit  etwa 50.000 Mitglieder und ist in 18 Landesverbände gegliedert.

Er ist ein anerkannter Ansprechpartner für Politik, Justiz, Verwaltung, Wissenschaft und Medien in allen Fragen der Opferhilfe. Der Verein finanziert seine Tätigkeit aus Mitgliedsbeiträgen, Spenden, testamentarischen Zuwendungen sowie von Gerichten und Staatsanwaltschaften verhängten Geldbußen.

Die kostenfreie Nummer des bundesweit geschalteten Opfertelefons erreicht man täglich von 7 bis 22 Uhr unter Telefon 116006. Die Außenstelle im  Kreis Pinneberg ist unter Telefon 0151-55164637 erreichbar. Sollte dort einmal nicht angenommen werden, kann man Rückrufwünsche hinterlassen.

 
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erstellt am 15.Feb.2016 | 10:00 Uhr

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