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Thema der Woche: 25 Jahre Mauerfall : So erlebte ein West-Berliner die Deutsche Einheit

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Aus der Redaktion des Schenefelder Tageblatts

Axel Hedergott aus Schenefeld erlebte Mauerbau und -fall in Berlin. Im Interview berichtet er über sein Erlebnisse.

shz.de von
erstellt am 03.Nov.2014 | 12:00 Uhr

Kreis Pinneberg | Axel Hedergott ist Fachbereichsleiter Öffentliche Sicherheit, Jugend, Bildung und Soziales in Schenefeld. Der 64-Jährige wurde in Westberlin geboren, wuchs dort auf und erlebte die Teilung Deutschlands vor Ort mit. 1977 zog Hedergott nach Bonn. Im Gesamtdeutschen Institut – Bundesanstalt für gesamtdeutsche Aufgaben (BfgA), das in der DDR das „langnamige Institut“ genannt wurde – war er unter anderem für die Risikoeinschätzungen im Reiseverkehr verantwortlich. Im Gespräch mit Bastian Fröhlig berichtet der heutige Schenefelder von damals.

Herr Hedergott, Sie wurden in Berlin geboren und haben dort bis 1977 gelebt. Wie haben Sie den Mauerbau erlebt?
Axel Hedergott: Meine Eltern sind 1960 nach Reinickendorf gezogen, das an Pankow grenzt. Der 13. August 1961 war ein Sonntag. Ich will nicht sagen, dass ich ein ganz besonders aufgewecktes Kerlchen war, aber ich habe mich schon damals für Politik interessiert, da mein Vater engagierter Gewerkschafter war. Ich kann mich dunkel erinnern, dass mein Vater berichtete, dass 300 Meter von unserem Haus entfernt Stacheldraht ausgerollt wird. Wir sind dann alle raus zum S-Bahnhof Schönholz. Dort gibt es – wie im Lied von „Karat“ – sieben Brücken. Dort habe ich mit eigenen Augen gesehen, wie Grenzsoldaten große Stacheldrahtbarrieren errichteten.

Haben sie das Gesehene verstanden?
Das war für uns Kinder unverständlich und wir konnten es nicht fassen. Als Kind kam man damals ja viel rum und man konnte unter den Brücken toll spielen. Auf einmal war uns der Zugang versperrt. Für mich war die Welt an der Mauer zu Ende. Erst später, wenn wir mit dem Auto nach Westdeutschland gefahren sind, wurden diese Mauern durchbrochen.

Gab es ein prägendes Erlebnis?
Ich habe im September 1969 meinen Führerschein bekommen. Drei oder vier Tage später haben wir – wie junge Leute halt so sind – entschieden, dass wir ins Kino wollen, nach Braunschweig. Also fuhren wir los und kamen achteinhalb Stunden später an und sind ins Kino gegangen. (Hedergott stockt kurz und überlegt.) Es kann aber auch sein, dass wir erst einen Tag später in der Vorstellung waren.

Wann haben sie die Teilung der Stadt wirklich begriffen?
Ich habe mein Umfeld bewusst in Westberlin gesehen und in den weiteren Jahren getan, was man als politisch Interessierter in Berlin machen konnte: Ich habe Politologie am Otto-Suhr-Institut studiert. Durch einen glücklichen Zufall bin ich in die Erwachsenenbildung gekommen, und glauben Sie mir, nirgendwo konnte man die Deutsch-Deutsche-Geschichte so real erleben, wie in Berlin. Ich habe viele politische Seminare gehalten und die messbaren Unterschiede vor allem im Transitverkehr erlebt.

1977 gingen Sie nach Bonn zum Gesamtdeutschen Institut. Was waren ihre Aufgaben dort?
Wir waren die Beratungsstelle der Bundesregierung für den innerdeutschen Reiseverkehr. Unsere Aufgabe bestand in der Beratung von Reisenden und Bearbeitung von Anträgen der Bürger der BRD und DDR bei Reiseschwierigkeiten. Zusammen mit fünf Kollegen habe ich Zollanfragen und individuelle Gefahrenlagen im Transitverkehr eingeschätzt.

Gefahrenlagen?
Es ging um die Einschätzung von Gefahrenlagen im Transitverkehr bei Reisen in die DDR. Es gab am 3. Juni 1972 das Transitabkommen und von da an verliefen die Reisen relativ problemlos. Wir haben für die Gefahreneinschätzung eng mit anderen Bundesministerien zusammengearbeitet – vor allem mit dem Bundesinnenministerium. Es gab im Transitverkehr von und nach Berlin nur Verdachtskontrollen. Da kam es immer wieder zu Zwischenfällen und Fluchtversuchen. Wir erhielten viele Nachfragen von Menschen, die bei einer Flucht geholfen hatten, und fragten, ob ihnen Konsequenzen bei der Einreise in den Ostblock drohen.

Wie viele Menschen, die sie betreut haben, wurden verhaftet?
Es war ein Glücksfall. Ich kann im Nachhinein sagen, dass von denen, die ich beraten habe, keiner verhaftet wurde. Wir haben die Situationen eingeschätzt und notfalls von Reisen abgeraten.

Wie haben sich DDR-Bürger an ihre Behörde gewendet?
Wir waren Ansprechpartner für DDR-Bürger, wenn sich diese im Bundesgebiet aufgehalten haben. Wir hatten ein besonderes Verfahren, da die Ausreise für DDR-Bürger, wenn sie nicht im Seniorenalter waren, sehr schwer war. DDR-Bürger, die beispielsweise rausgekauft wurden – dafür waren wir auch verantwortlich – haben über Jahre keine Einreisegenehmigung erhalten.

Welche Verfahren?
Wir haben uns in unserer Dienststelle einen Überblick verschafft, welche Politiker aus der BRD in Kürze in die DDR reisen würden. Diesen wurden sogenannte Gesprächsnotizen mitgegeben.

Welche Art von Gesprächsnotizen?
Egon Bahr (Staatssekretär im Bundeskanzleramt und später Bundesminister für besondere Aufgaben, Anm. d. Red.) und Michael Kohl (Staatssekretär der DDR, Anm. d. Red.) haben das Verfahren bereits bei einem Treffen Anfang der 1970er Jahre abgesprochen. Die Gesprächsnotizen wurden immer auf einem weißen Blatt verfasst. Wir haben die Aus- beziehungsweise Einreisewünsche zu Papier gebracht. Diese wurden bei Treffen einfach auf dem Tisch liegengelassen. Die DDR nutzte diese dann zur Prüfung von Ausreiseanträgen. Wir haben Tausende dieser Notizen in die DDR gebracht. Da haben sich oft dramatische menschliche Schicksale offenbart und sich wahre Dramen abgespielt.

Welche Politiker transportierten die Notizen?
Bundeskanzler. Bundespräsidenten. Praktisch alle Politikerinnen und Politiker, die in die DDR reisten. Unter anderem war Jürgen Möllemann da sehr aktiv. Später wurden die Gesprächsnotizen auch über die ständige Vertretung verteilt.

Wie haben Sie den Mauerfall erlebt?
Am Tag des Mauerfalls war ich nicht in Berlin, sondern erst am 12. November. Wir haben in unserer Abteilung dauerhaft Dienst geschoben. Ich denke aber, dass der 9. Oktober der entscheidende Tag war. Damals hat sich die friedliche Revolution so etabliert, dass wir sicher waren, dass da etwas passiert, denn in Leipzig wurde erstmals von 70 000 Menschen skandiert: „Wir sind ein Volk“.

Wie haben Sie die Lage von Bonn aus eingeschätzt?
Die DDR-Bürger wollten die Staatsmacht vorführen. Sie wollten eine nachhaltige Veränderung des Systems. Es ist schon ein Wunder, dass bei der friedlichen Revolution kein Schuss gefallen ist, wenn man die bedrohliche Situation gesehen hat. Überall standen Bewaffnete und Stasimitarbeiter. Alles, was passierte, ist ein reiner Verdienst der Menschen in der DDR.

Wann war ihnen klar, dass die Einheit kommt?
Relativ spät. Ich habe damals nicht gedacht, dass ich die Einheit und den friedlichen Untergang des Staates DDR in meinem Leben erlebe. Viele haben darauf gehofft, aber daran geglaubt? Ich gehöre jedenfalls nicht zu denen, die glaubten, dass Deutschland zeitnah wieder ein Staat wird. In den 1970er Jahren konnte ich mir nicht vorstellen, dass Russland zerfällt. Es war für mich unvorstellbar, dass der starke Warschauer Pakt zerbricht und der große Bruder Russland die DDR fallen lässt. Ich habe es als langwierigen historischen Prozess gesehen. Etwa ab 1986 konnte ich mir ein vereintes Deutschland vorstellen. Ich unterscheide aber zwischen Glauben und politisch richtiger Einschätzung. Ich habe immer wieder von vielen gehört, dass sie daran geglaubt haben. Ich bin so ehrlich zuzugeben, dass es bei mir nicht so war.

Wie ging es beruflich weiter?
Es war für uns eine ganz seltsame Situation. Das Gesamtdeutsche Institut und mit ihm das Bundesministerium für innerdeutsche Beziehungen ist das einzige Ministerium in der Geschichte dieser Republik, das sich selbst überflüssig gemacht hat beziehungsweise von den Menschen in der DDR überflüssig gemacht wurde. Ich habe gekündigt und bin nach Berlin zurückgekehrt. Dort habe ich unter anderem die Arbeitsgruppe Staaken geleitet.

Wie lange hat sie das Thema Berliner Mauer beschäftigt?
Ich habe mit meinem damaligen Bürgermeister die Koordinierungskonferenz für den Mauerabriss Berlin-Brandenburg ins Leben gerufen. Es existierte bis 1992.

Der Mauerfall liegt 25 Jahre zurück. Sie wurden in Berlin geboren und wohnen heute sowohl in Schenefeld als auch in Berlin. Wie vereint ist Berlin heute?
(Hedergott runzelt die Stirn und überlegt lange.) Eine gute Frage. Eine sehr gute Frage. Ich wohne im Osten. In Karlshorst – nur wenige Schritte vom ehemaligen Hauptquartier des Oberkommandos der sowjetischen Streitkräfte entfernt. Heute findet dort massiv Wohnungsbau statt. Wenn ich aus dem Küchenfenster schaue, sehe ich das Areal, bei dem es damals unvorstellbar war, dass „normale“ Bürger es betreten werden. Als gelernter Westberliner war es für mich in den 1970er Jahren unvorstellbar, eine Mietwohnung in Karlshorst zu haben. Wenn ich aus dem Bezirk, in dem ich heute wohne, Freunde in Westberlin besuche, ist die Grenze im Kopf noch da. Es ist objektiv vielleicht falsch, aber das ist mein subjektives Empfinden. Ich meine, auch heute noch zu erkennen, wo sich Ost- und Westberlin treffen. Rein architektonisch ist die Stadt zusammengewachsen. Aber auch nach 25 Jahren gibt es noch eine Sozialisation über Kinder und Enkel, die in Ost und West unterscheidet.

Erleben sie das auch in ihrem privaten Umfeld?
Ich bin „Wessi“ in der Straße, in der ich wohne. Ich bin fast der einzige aus dem Westen dort. Alle anderen sind gelernte DDR-Bürger – teils in der dritten Generation. Wenn ich bei Menschen im Westen von Karlshorst schwärme, werde ich oft gefragt: „Warum sollte ich in den Osten ziehen?“ Das zeigt mir, die Mauer ist in den Köpfen noch da. Die Wiedervereinigung ging damals so schnell, dass wir noch mindestens 25 Jahre lernen müssen, damit umzugehen. Das wird der übernächsten Generation vielleicht gelingen.

Am Sonnabend, 8. November, liegt dieser Tageszeitung ein 64-seitiges Sondermagazin zum Mauerfall-Jubiläum bei, das in Zusammenarbeit mit dem Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlag (sh:z) und dem medienhaus:nord, unter anderem Herausgeber der Schweriner Volkszeitung, entstanden ist.
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