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Reportage : Sieben Stunden und 36 Kilometer: Unterwegs mit dem Schwertransport

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Schwertransport von Glückstadt nach Kummerfeld lockt die Nachtschwärmer auf die Straße. Die Tageblatt-Redaktionhat den Transport die ganze Nacht begleitet.

Kreis Pinneberg | In der letzten Kurve vor dem Ziel musste Projektleiter Olaf Weltz noch einmal Hand anlegen. Ein Straßenschild blockierte die Zufahrt in den Auweg, wo der neue Trafo der Tennet künftig seinen Dienst tun soll. Mit wenigen ruckartigen Bewegungen hatte der Logistiker das Schild gelockert und es auf die Wiese unter den Trafo gelegt, der in der Seitenträgerbrücke hängend über dem Boden schwebte. „Wir wollen möglichst wenig kaputt machen“, sagte Weltz, der für das Logistikunternehmen Kahl und Jansen GmbH, den Transport des 265 Tonnen schweren Trafos für das Umspannwerk in Kummerfeld koordinierte.

Ein Schild hätte den Koloss aber nicht aufhalten können. Dieser hing zwischen zwei Aufliegern mit jeweils 14 Achsen. Davor jeweils eine PS-starke Zugmaschine. Gesamtgewicht 548 Tonnen – mit zusätzlichen funklenkenden Achsen, die zwischenzeitlich eingesetzt wurden, sogar 563 Tonnen. „Dadurch, dass wir keine starre Länge haben, können wir nachlenken und auch quer fahren“, erläuterte Weltz. Bei einer Gesamtlänge von 78 Metern, einer breite von 4,65 und einer Höhe von 5,60 Metern ein „unglaublicher Vorteil“. Der Trafo an sich war nur 12,70 Meter lang. Allerdings musste das Gewicht auf die Achsen verteilt werden.

Mit Stahlplatten zur Gewichtsverteilung wurde das Gleisbett am Bahnübergang Prisdorf geschützt.
Mit Stahlplatten zur Gewichtsverteilung wurde das Gleisbett am Bahnübergang Prisdorf geschützt. Foto: Fröhlig
 

Im November hatte Weltz die erste Streckenprüfung gemacht. „Es hat sechs bis acht Wochen gedauert, bis alles spruchreif war“, erläuterte er. Dann folgte das Antragsverfahren bei Gemeinden, Kreisen und der Deutschen Bahn. „Ich kann immer nur Punkt für Punkt beantragen“, erläuterte er. Werde eine Genehmigung versagt, müsse die gesamte Strecke neu geplant werden. „Am Ende haben wir auf die Freigabe der Bahn gewartet. Daher haben wir den Trafo auch in Glückstadt zwischengelagert“, sagte Weltz. Denn in Prisdorf mussten die Gleise gequert werden – bei 5,60 Metern Höhe ohne die Abschaltung der Hochleitungen nicht möglich. „Wir haben nur ein Zeitfenster von 40 Minuten“, sagte Weltz. In diesem mussten die Leitungen geerdet und kurzgeschlossen, Stahlplatten zum Schutz des Gleisbetts verlegt, der Transport geschehen und alles wieder betriebsfertig werden. Daher orientierte sich der gesamte Zeitplan an einer Uhrzeit: 2:56 Uhr. Dann sollte der Strom am Bahnübergang Esingen ausgehen.

Um 17 Uhr war der Transport in Glückstadt gestartet. Über Kleinkollmar und Neuendorf führte der Weg nach Elmshorn. „Das Rangieren an der Holstenstraße war etwas knifflig, aber das wussten wir vorher“, sagte Weltz. In Tornesch war der Tross aus mehreren Polizeifahrzeugen, dem Haupttransporter und einem Voraus-Lkw bereits eine Stunde vor dem geplanten Zeitplan. Nun hieß es warten, bis man sich dem Bahnübergang nähern konnte. Als das Kommando „Strom aus“ kam, wurde binnen weniger Minuten alles vorbereitet und das Transportsystem konnte die Stelle passieren. Beobachtet wurde die Aktion von etwa 50 Prisdorfern.

Projektleiter Olaf Weltz beseitigte ein Straßenschild in Kummerfeld.
Projektleiter Olaf Weltz beseitigte ein Straßenschild in Kummerfeld. Foto: Fröhlig
„Wenn so etwas im Dorf los ist, muss man dabei sein“, sagte einer von ihnen. Viele begleiteten den Transport zu Fuß oder auf dem Rad bis zur Kreuzung Hauen in Prisdorf. Dort wurde die Seitenträgerbrücke über die Kreuzung in Richtung Pinneberg gezogen, die Lkw gedreht und dann der Weg nach Kummerfeld eingeschlagen. 36 Quadratmeter Stahlplatten erweiterten den Kurvenradius. „Sonst wäre es zu eng gewesen“, sagte Weltz. Zwischenzeitlich schwebte der Container über der freien Fläche während die beiden Auflieger im 90-Gradwinkel zueinander standen.

„Darüber mache ich mir gar keine Gedanken. Das zahlen die problemlos“, sagte Prisdorfs Bürgermeister Winfried Hans (CDU), der ebenfalls zu den Nachtschwärmern gehörte, als er auf einen plattgefahrenen Leitpfosten aufmerksam gemacht wurde. Seine Kummerfelder Amtskollegin Erika Koll (SPD), die mit etwa 50 Bürgern auf die Ankunft des Trafos wartete, musste sich über derartige Zwischenfälle keine Sorgen machen, denn das letzte Hindernis hatte Weltz ja zur Seite geräumt. Nach etwa sieben Stunden war die Strecke von 36 Kilometern bewältigt.

„Es ist gut gelaufen und wir waren schneller als geplant“, sagte Weltz. Was der Transport gekostet hat, konnte er noch nicht final beziffern, sagte aber: „Das dürfte sich um und bei 300.000 Euro bewegen.

„Der Ersatzneubau ist eine wichtige Maßnahme im Rahmen der Erneuerung der Verbindung von Kassö in Dänemark nach Dollern in Niedersachsen“, sagte Markus Lieberknecht, Pressesprecher der Tennet GmbH, die das Umspannwerk in Kummerfeld betreibt. Der alte Trafo wurde im Jahr 1974 errichtet und nach mehr als 40 Jahren modernisiert. Der Trafo soll für die Verknüpfung des Höchst- mit dem Hochspannungsnetz sorgen. Die Spannung wird von 380 Kilovolt auf 110 Kilovolt umgewandelt. „Das ist vergleichbar mit einer Autobahnabfahrt, die Bundes- und Landstraßen mit einer Autobahn verbindet“, veranschaulicht Lieberknecht die Notwendigkeit des Trafos. Dieser könnte eine maximale Leistung von 300 Megavoltampere (MVA) liefern. „Rein rechnerisch können damit rund 450.000 Haushalte mit Strom versorgt werden“, so Lieberknecht. Der Neubau in Kummerfeld wurde im Zuge des Nova-Prinzips umgesetzt. „Nova bedeutet Netzoptimierung vor Verstärkung vor Ausbau“, sagte Lieberknecht. Vorhandene Umspannwerke und Leitungen sollen optimiert und ausgebaut werden, um den Neubau von Leitungen und Netzknoten zu reduzieren.
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erstellt am 12.Apr.2016 | 10:00 Uhr

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