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Elfter Weltkrebstag : „Sie können das Risiko senken“

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Dr. Hamid Mofid spricht über die Erkrankung, vor der laut Meinungsforschungsinstitut Forsa 68 Prozent der Deutschen am meisten Angst haben.

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erstellt am 04.Feb.2016 | 12:15 Uhr

Kreis Pinneberg | Der Weltkrebstag wird seit zehn Jahren am 4. Februar begangen. Das Ziel: Einen Blick auf die Krankheit zu werfen, die Todesursache Nummer zwei in Deutschland ist. Auf die Krankheit, vor der 68 Prozent der Deutschen laut der jüngsten Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa die größte Angst haben. Berechtigt? Im Gespräch mit dieser Zeitung erläutert Dr. Hamid Mofid, Chefarzt der Allgemein-, Visceral- und Gefäßchirurgie am Regio-Klinikum in Pinneberg, was es mit Krebs auf sich hat.

Was ist Krebs und wie entsteht er?
Dr. Hamid Mofid:
Krebs ist eine Geschwulst, die im menschlichen Körper entsteht. Alle Krebstumore haben eins gemeinsam: Sie wachsen, nehmen Platz im Organ ein und wachsen auch in benachbarte Organe hinein. Das führt dazu, dass von den Organen Funktionsstörungen ausgehen können. Dann kann es zu Beschwerden oder Komplikationen kommen. Die meisten Krebsarten neigen dazu, über Lymphbahnen oder das Blut Tochtergeschwülste auszusenden, die dann an anderer Stelle im Körper neue Tumore bilden. Um ein Beispiel zu nennen: Die häufigste Krebsart in Deutschland ist Darmkrebs. Dabei entsteht im Dickdarm ein Tumor, der zu einem Darmverschluss oder zu Blutungen führen kann. Später können auch noch Tochtergeschwülste, etwa in der Leber, entstehen. Es ist leider so, dass die Menschen häufig dann an diesen Folgen sterben. Es gibt natürlich zig verschiedene Krebsarten, aber das haben sie alle gemeinsam.

Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts erkranken jedes Jahr in Deutschland etwa 480.000 Menschen an Krebs. Woran liegt es, dass so viele Personen von dem Leiden betroffen sind?
Man darf nicht denken, dass die Erkrankung neu ist. Krebsbildung ist in erster Linie etwas, das aufgrund von Alterungsprozessen im menschlichen Körper stattfindet. Bei der Zellteilung entstehen Fehlinformationen, die die Zelle dazu bringt, schnell und zerstörend zu wachsen und Tochtergeschwülste auszusenden. Das hat es in der Evolution schon immer gegeben. Natürlich haben wir keine Zahlen darüber, wie es vor 1000 Jahren war. Damals wurden die Menschen aber auch noch nicht so alt wie jetzt. Deshalb lässt es sich schlecht vergleichen. Wir sind aber eine Gesellschaft mit vielen betagten Menschen und da entsteht Krebs mit zunehmendem Alter dann auch häufiger.

Etwa 30 Prozent der Krebserkrankungen können laut WHO, der Weltgesundheitsorganisation, durch einen anderen Lebensstil, etwa durch den Verzicht auf Zigaretten und Alkohol, verhindert werden. Was kann der Bürger tun, um das Risiko zu reduzieren, an Krebs zu erkranken?
Die heutige Gesellschaft ist vielen Giftstoffen ausgesetzt. Sie tragen dazu bei, dass häufiger Krebs entsteht. So spielen die Nahrung und Tabakkonsum eine große Rolle. Es ist nachgewiesen, dass durch den Verzicht aufs Rauchen die Zahl der Bronchialkarzinome reduziert werden kann. Lungenkrebs wäre viel seltener, würde nicht geraucht werden. Denn die in den Zigaretten enthaltenen Giftstoffe können Zellmutationen auslösen, die zum Krebs führen können. Aber auch die falsche Ernährung, zu fettige Kost oder zu viel rotes Fleisch, kann dazu führen, dass man Krebs bekommt, etwa Darmkrebs. Weitere Giftstoffe sind natürlich Abgase und Strahlen. Viele Krebsarten können Sie nicht verhindern. Aber Sie können das Risiko senken, wenn Sie sich an die Verhaltensregeln halten: nicht rauchen, wenig Fleisch essen, sich viel bewegen, Übergewicht vermeiden.

Im März begeht die Deutsche Krebshilfe den Darmkrebsmonat. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts rangiert die Erkrankung bei Männern und bei Frauen weit oben in der Rangliste der meisten Krebsleiden. Warum tritt diese Krebsart so häufig auf?
An allen Oberflächen, an denen wir Kontakt zu Giftstoffen haben, können diese Mutationen entstehen. So können im Stuhlgang befindliche Gifte leicht an der anderthalb Meter langen Schleimhaut des Dickdarms hängenbleiben und ihren Schaden anrichten. Natürlich ist es so, dass wir nicht immer herausbekommen, warum jemand Darmkrebs hat. Wir wissen aber, dass genetische Vererbung auch eine Rolle spielt. Es gibt familiär gehäuft vorkommende Darmkrebsarten. Es gibt einige Arten, bei denen wir die Gene bereits entschlüsselt haben und nach einem Test sagen können, ob ein Patient die Veranlagung hat, an der Krebsart zu erkranken.

 

Angenommen, ich wäre an Darmkrebs erkrankt: Woran würde ich es merken?
Leider ist es so, dass der Darmkrebs recht spät zu Symptomen führt, so dass man ihn im Frühstadium selbst nicht merkt. Was Warnhinweise sein können: Veränderung des Stuhlgangverhaltens, Bauchschmerzen und Blut im Stuhl. Letzteres ist klassisch. Jeder Patient, der sagt, er habe Blut im Stuhl, der muss eine Dickdarmspiegelung erhalten – egal wie alt er ist. Darmkrebs gibt es in jedem Alter. Bei Darmkrebs muss man dazu sagen: Das ist eine Krebsart, die theoretisch vollständig verschwinden kann. Nur dazu müsste jeder regelmäßig zur Vorsorgeuntersuchung gehen und sich darmspiegeln lassen. Die meisten Darmkrebsarten entstehen aus zunächst harmlosen Polypen. Diese können bei einer Darmspiegelung abgetragen werden. Dann würde der Patient niemals Darmkrebs bekommen. Es gehen aber nur zwei bis drei Prozent zur Vorsorgeuntersuchung, Frauen eher noch als Männer.

Wie sähe die Behandlung aus?
Zunächst wird nachgesehen, wie groß der Tumor ist und ob er schon Tochtergeschwülste entsendet hat. Bei uns im Darmzentrum legen wir in Tumorkonferenzen für jeden Patienten die passende Behandlung fest und entscheiden, ob der Patient sofort operiert werden muss oder wir zunächst den Tumor mit Hilfe von Bestrahlung verkleinern. Generell gilt aber: Es gibt keine Heilung ohne Chirurgie. In der Regel muss man dabei immer einen recht großen Teil des Darms entfernen – nicht nur den Tumor, denn sonst bestünde die Gefahr, dass der Krebs aufgrund von bestehenden Lymphknotenmetastasen wieder auftritt. Viele Tumore können wir übrigens minimal-invasiv entfernen.

Wie hoch wären die Erfolgschancen, die Krankheit zu überleben?
Es gibt vier Stadien. Erstens: kleine Tumore, die noch nicht gestreut haben. Zweitens: Der Tumor ist leicht aus der Darmwand herausgewachsen, hat aber immer noch keine Metastasen gebildet. Drittens: In der Umgebung sind Lymphknoten befallen, aber nicht Leber oder Lunge. Viertens: Fernmetastasen haben sich gebildet. Die Überlebenschance hängt vom Tumorstadium ab. Im ersten Stadium beträgt die Heilungschance nahezu 100 Prozent. Die Chance sinkt, desto weiter der Krebs fortgeschritten ist. Zur Einordnung: Jedes Jahr erkranken etwa 70.000 Menschen neu an Darmkrebs, im gleichen Jahr sterben zirka 24.000 Menschen daran. Wenn Sie sich das Pankreaskarzinom ansehen (Bauchspeicheldrüsenkrebs, Anmerkung der Redaktion), sterben von etwa 13.500 Patienten zirka 13.400.

Mit einem Aktionstag  gegen Darmkrebs informiert das Darmzentrum am Pinneberger Regio-Klinikum am Sonnabend, 27. Februar, von 10 bis 16 Uhr am Fahltskamp über Prävention sowie Behandlung der Erkrankung. Höhepunkt wird eine Live-Koloskopie sein, mit der die Mediziner die Angst vor Vorsorgeuntersuchungen nehmen wollen. Die Darmspiegelung wird ab 12 Uhr in die Caféteria des Krankenhauses übertragen. Zuvor gibt es ab 10.30 Uhr 90-minütige Vorträge zu den Themen „Vorsorge und Vermeidung von Darmkrebs“, „Ist Darmkrebs erblich?“, „Endoskopische Untersuchungsmöglichkeiten“ sowie „Schonende Behandlungsmöglichkeiten“. Die vier Referate werden ab 14 Uhr wiederholt. Zudem wird es im Klinik-Foyer ein begehbares Darmmodell, eine Ausstellung medizinischer Geräte und chirurgischer Materialien, Infos zur Ernährung bei Darmkrebs, zu Humangenetik und zur Stomatherapie geben. Der Eintritt ist kostenlos.

Welche Möglichkeiten der Prävention gibt es und wie häufig sollten sie wahrgenommen werden?
Die Krankenkassen bezahlen ab dem 50. Lebensjahr die Tests auf Blut im Stuhlgang sowie die Austastung des Mastdarms, die zwölf Zentimeter vor dem Schließmuskel. Ab 55 Jahren wird alle paar Jahre eine richtige Darmspiegelung bezahlt. Wenn man aber weiß, dass man in der Familie häufiger Darmkrebs hatte oder ein genetischer Defekt vorliegt, sollte man weit vorher damit anfangen.

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