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Pinneberger Tageblatt

22. November 2017 | 14:01 Uhr

Sie kämpft für Pinnebergs Frauen

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Seit acht Jahren steht Ulrike Berg-Weichert dem weiblichen Geschlecht in schwierigen Lebensphasen zur Seite

Das Leben ist geprägt von Übergängen und Veränderungen. Kleinere, wie ein Umzug innerhalb der Stadt, oder größere, wie die Geburt des eigenen Kindes. Irgendwann kommt dann der Zeitpunkt, an dem man innehält, zurückschaut und sich fragt, wie man das weitere Leben gestalten möchte. „Das passiert bei Frauen typischerweise so um die 40“, stellt Ulrike Berg-Weichert vom Frauennetzwerk in Pinneberg fest.

Auch bei ihr war es so. Nach dem abgeschlossenen Pädagogik-Diplomstudium in Mainz und Oldenburg entschied sich die heute 63-Jährige zunächst für einen ganz anderen Bereich und arbeitete in einer Apotheke in Hamburg. Es folgten drei Kinder. Dann der Schlüsselmoment mit Anfang 40: „Ich habe mich daran erinnert, dass ich eigentlich viel lieber direkter mit Menschen zusammen arbeiten möchte.“ Also absolvierte die gebürtige Rheinlandpfälzerin aufbauend auf ihr Studium eine psychotherapeutische Ausbildung zur Gestalttherapeutin und fing an, bei der Beratungs- und Begegnungsstätte „Brücken Elmshorn“ zu arbeiten.

„Aufgrund meiner Erfahrung in der Medizin und Pharmazie lag mein Schwerpunkt bei Beratungsgruppen für brustkrebserkrankte Frauen“, erklärt Berg-Weichert. Ihr Weg in die Frauenberatung war also geebnet. Nach sieben Jahren als Freiberuflerin wurde ihr Ende 2005 eine Teilzeitstelle im Frauennetzwerk Pinneberg angeboten. „Zuerst war ich total aufgeregt“ , erinnert sich Berg-Weichert und fährt fort: „Ich habe aber schnell gemerkt, dass für mich hier die Möglichkeit besteht, all die Fähigkeiten einzubringen, die ich bisher in meinen Seminaren und freiberuflich erlernt hatte – die Fähigkeiten zu beraten und zu organisieren, Kontaktpflege zu betreiben und sich mit anderen Institutionen zu vernetzen.“ Anfang 2006 trat sie die Stelle an.

Heute, fast acht Jahre später, bietet das Pinneberger Frauennetzwerk Einzel- und Gruppenberatung sowie Vorträge und Workshops für Frauen in persönlichen Lebenskrisen, bei einer Trennung oder Scheidung und zu Gesundheitsfragen an. Besondere Schwerpunkte liegen außerdem in der Beratung und Unterstützung von Frauen, die Opfer von häuslicher Gewalt oder sexuellem Missbrauch geworden sind. „Ich bin bei meiner Arbeit keine klassische Feministin. Ich gucke eher, was die Frau ausmacht und schätze an Frauen, dass sie an sich arbeiten möchten“, begründet Berg- Weichert ihre Freude an der Arbeit.

Seit Februar 2012 wird sie bei der Frauenberatungsarbeit von der Traumaberaterin Ruth Staisny-Seligmann unterstützt. „Das war eine glückliche Fügung, aber auch ein Stück harte politische Arbeit.“ Die Finanzierung der Frauenberatung hatte sich verbessert, da auf Grundlage des Finanzausgleichsgesetzes von 2011 dem Kreis und der Stadt mehr Geld für die Beratung zur Verfügung stand. „Wir mussten allerdings politisch aktiv werden, um zu begründen, warum wir das dazu gewonnene Geld für eine zweite Kraft brauchen.“ Das Engagement des Vereins hat sich gelohnt. Die finanzielle Situation ist momentan relativ sicher. „Es fällt allerdings soviel Arbeit an, dass wir auch noch eine weitere Kraft gebrauchen könnten“, merkt die Pädagogin nachdenklich an.

Laut Ulrike Berg-Weichert ist das größte Problem der Frauen in Pinneberg der mangelnde Wohnraum. „Die Situation hat sich in den letzten Jahren zugespitzt. Es macht ohnmächtig zu sehen, wenn Frauen in schwierigen Situationen wie Trennungen keine Wohnung für sich und ihre Kinder finden.“ Hinzu komme, dass sich der direkte Kontakt zu wichtigen Anlaufstellen wie den Wohnungsbaugesellschaften oder dem Jobcenter auch für die beiden beratenden Frauen vom Frauennetzwerk verschlechtert habe. Aufgrund von Kosten- und Personaleinsparungen bekomme man kaum noch jemanden direkt ans Telefon.

Ein weiteres großes Thema, vor allem in der Trennungsberatung, sei der Wunsch der Frauen neben der Kinderbetreuung finanziell auf eigenen Beinen zu stehen. Viele reduzieren nach der Geburt der Kinder ihre Arbeit oder steigen komplett aus. Danach erneut Arbeit zu finden, sei sehr schwierig. „Auch studierte oder gut ausgebildete Mütter haben dann höchstens einen Minijob und stehen vor allem im Alter vor großen finanziellen Schwierigkeiten“, berichtet Berg-Weichert und appelliert: „Da muss ein großes Umdenken in unserer Gesellschaft stattfinden. Familienarbeit ist auch eine Arbeit. Man muss Männer darin auch politisch noch mehr unterstützen, diese Arbeit zu übernehmen. Ich wünsche mir so sehr, dass das gleicher verteilt wird.“

Die Kindererziehung steht momentan auch im privaten Leben der frisch gebackenen Oma im Vordergrund. „Meine älteste Tochter hat gerade ein Kind bekommen. Jetzt ist mein Vater sogar noch Urgroßvater geworden. Wir freuen uns riesig.“ Sie selber hat ihre drei Kinder auf die Waldorfschule geschickt. „Der anthroposophische ganzheitliche Ansatz prägt mich privat aber auch bei der Arbeit immer noch sehr. Ich mag es, Biografie-Arbeit mit den Frauen zu machen, also auf den Lebenslauf und vergangene Krisen zu schauen und zu gucken, wie man diese bewältigen kann“, beschreibt Berg-Weichert ihre Arbeitsweise.

Den ganzheitlichen Gedanken verfolgt sie auch in ihrer Freizeit als Shiatsu-Therapeutin. Durch die japanische Köpertherapie, die Akupressur und Massage miteinander verbindet, sollen Blockaden abgebaut und die Körperenergien wieder aktiviert werden. „Den Körper zu unterstützen, das unterstützt auch die Seele.“ Ein außergewöhnliches Hobby, welches Ulrike Berg-Weichert Kraft gibt, den Frauen in Pinneberg bei den kleinen und großen Lebensveränderungen unter die Arme zu greifen.







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