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Serie: Neue Heimat : Sie ist gekommen, um zu bleiben

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Sonita Haidari lebt seit 20 Jahren in Deutschland und ist in der Flüchtlingshilfe aktiv. Start ins neue Leben verlangt viel Einsatz.

shz.de von
erstellt am 01.Aug.2015 | 10:00 Uhr

Elmshorn | Der Garten von Sonita Haidari sieht sehr deutsch aus. Der Buchsbaum ist akribisch zu großen Kugeln geformt. Das kleine Rasenstück läuft jedem Golfplatz den Rang ab. Die Einfassungen der Beete sind akkurat gezogen. Es gibt viel Grün und wenige Blüten. „In Afghanistan sind die Gärten immer superbunt. Das ist mir zu viel“, sagt die Elmshornerin Haidari. Seit mehr als 20 Jahren lebt sie nun in Deutschland. Und fühlt sich hier zu Hause.

Haidari stammt aus Kabul. Als kleines Mädchen flieht sie mit ihren Eltern und den vier Geschwistern vor den Taliban. Nach der zweijährigen Flucht, die sie über Russland und die Ukraine führt, kommt sie 1994 in Deutschland an. Heute lebt sie mit ihrem Mann und drei Söhnen in Elmshorn. Sie gilt als Musterbeispiel für gelungene Integration. Doch dafür habe sie hart arbeiten müssen, erinnert sich Haidari.

„Wir sind damals mit dem Zug in Hamburg angekommen und waren so froh, endlich sicheren Boden unter den Füßen zu haben“, sagt Haidari. Verwandte in Elmshorn bieten ihnen Unterschlupf. Nach wenigen Tagen geht es in eine Flüchtlingsunterkunft nach Lübeck. Und nach drei Monaten wieder zurück nach Elmshorn.

Die Situation sei für Flüchtlinge viel schwieriger gewesen als heute. „Mein Vater konnte zwar Englisch, aber sonst haben wir kein Wort verstanden. Wir sind wie Blinde durch die Gegend gelaufen, bis wir mit unseren Koffern bei der Ausländerbehörde ankamen. Niemand hat uns damals abgeholt“, erinnert sich die 34-Jährige. Erst später kommt ein Mann, bringt die Familie in die Unterkunft und kauft für sie ein. „Für seine Hilfe waren wir sehr dankbar. Wir haben ihn danach nie wieder gesehen.“

Der Start in das neue Leben ist nicht einfach für Haidari. „Es war schwer in der Schule. Und 13 Jahre sind wirklich ein blödes Alter. Ich wurde oft verarscht und hatte Hemmungen wegen der Sprache.“ Besondere Sprachkurse gibt es nicht. Und Haidari spürt, dass sie zwischen zwei Kulturen lebt. Ihre Eltern sind religiöse Muslime und streng. „Schwimmunterricht und Klassenfahrten waren ein Problem.“ Doch die junge Sonita beißt sich durch. „Ich war sehr aktiv in der Schule, bin später auch Klassensprecherin geworden.“

Weihnachten nur aus dem Fernsehen bekannt

In Deutschland gibt es viel, dass sie als Mädchen staunen lässt: Schweineköpfe beim Metzger. Mädchen und Jungen in einem Klassenraum. Männer und Frauen, die sich auf der Straße küssen. „Weihnachten kannte ich nur aus dem Fernseher und ich habe lange nicht begriffen, warum hier im Frühling überall Plastikeier hängen“, sagt Haidari. Sie lacht. Und erinnert sich an ihre Jugendzeit, dieses schwierige Alter. „Disco und trinken waren nicht drin. Aber ich konnte mich kleiden und schminken wie ich wollte. Ich habe den Führerschein und eine Ausbildung gemacht.“

An die Ausbildung zur Friseurin denkt sie gern. Nach einem guten Abschluss an der Hauptschule hat sie mit wenigen Bewerbungen gleich zwei Angebote in der Tasche. „Ich hatte eine super Chefin. Und ich habe die Ausbildung erfolgreich abgeschlossen.“ Haidari redet schnell und viel, fast ohne Akzent. Sie strahlt Selbstbewusstsein aus und Stolz auf das, was sie erreicht hat. „Meine Eltern waren ehrgeizig. Sie haben gesagt: Du hast eine einmalige Chance. Mach was draus. Das habe ich getan.“

Doch ein diffuses Gefühl bleibt, sagt Haidari. „Ich frage mich oft: Bin ich willkommen?“ Als sie ein Haus im Norden Elmshorns kauft, ist dieses Gefühl wieder da. Sie zieht mit Mann und Kindern in eine Siedlung mit Einfamilienhäusern. Doch die Nachbarn empfangen sie herzlich. „Es lag ein großer Blumenstrauß vor der Tür. Und alle hatten eine Willkommenskarte unterschrieben.“ Haidari organisiert eine Party. „60 Leute waren da. Es gab afghanisches Essen.“

Das Beste aus zwei Kulturen

Heute sagt Haidari: „Ich trage das Beste aus zwei Kulturen in mir.“ Sie mag die deutsche Pünktlichkeit. Alles hat System. „In Afghanistan gibt es keine festen Termine. Man meldet einen Besuch nicht an. Es gibt kein System.“ Und sie schätzt die Hilfsbereitschaft der Deutschen. „Du musst zwar hingehen und fragen. Aber dann versuchen die Leute, Dir so lange zu helfen, bis es eine Lösung für das Problem gibt.“

Das Beste an Afghanistan ist für sie der Zusammenhalt der Familien. „Es gibt viele Kinder. Es gibt viel Essen. Da ist immer richtig Leben“, sagt Haidari. Sie liebt es, Gäste zu haben. Sie liebt es, zu feiern. Sie liebt den Trubel. „Die afghanische Gastfreundschaft ist großartig.“

Vor etwa zehn Jahren ist Sonita Haidari deutsche Staatsbürgerin geworden. Heute arbeitet sie für die Elmshorner Brücke und die Diakonie. Sie ist Übersetzerin und begleitet Flüchtlinge zu Behörden und Ärzten. Viele in Elmshorn kennen Haidari. „Ich habe mir viel aufgebaut. Das wünsche ich den Neuankömmlingen auch. Der Schlüssel ist die Sprache“, sagt sie. Ohne Akzent.

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