Ambulante Jugendhilfe : Sie hilft Familien im Kreis Pinneberg ihr Leben wieder in den Griff zu kriegen

Manuela Wieberneit (rechts) gibt auch Ideen und Motivation: „Ich tue nichts für die Familien, sondern immer mit ihnen.“
Manuela Wieberneit (rechts) gibt auch Ideen und Motivation: „Ich tue nichts für die Familien, sondern immer mit ihnen.“

Manuela Wieberneit ist für die ambulante Jugendhilfe unterwegs. Sie unterstützt die Familien mit Ideen und Motivation.

shz.de von
03. März 2018, 14:00 Uhr

Kreis Pinneberg | Eine Schere, ein Nutellaglas und zwei handvoll Plastikknöpfe in unterschiedlichen Größen. Und die Aufmerksamkeit von Mama. Mehr braucht es nicht, um der fast drei Jahre alten Louise immer wieder ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern. Ihre Neugierde und Experimentierfreudigkeit ist geweckt. Die Knöpfe hat Manuela Wieberneit vom Team Sozialpädagogik der Familienräume mitgebracht. Ebenso wie die Idee zu dem selbstgebastelten Spielzeug. Die Knöpfe will sie nach dem knapp einstündigen Besuch wieder mitnehmen. Genau das ist der letzte Impuls, der fehlt, damit die alleinerziehende Uetersenerin an diesem sonnigen Tag doch noch die Zweizimmer-Wohnung verlässt. Mit deutlicher Stimme sagt Wieberneit: „Komm ich fahr dich in die Stadt und dann kauft ihr euch eigene Knöpfe zum Spielen.“

Wichtiges Arbeitsgerät: Die Freisprechanlage

Wieberneit ist eine der Mitarbeiterinnen die im Kreis Pinneberg im Zuge der ambulanten Jugendhilfe unterwegs sind. Sie fährt zu Familien, die – mal freiwillig, mal vom Jugendamt angeordnet – Unterstützung brauchen. Dass sie die junge Frau aus Uetersen im Gespräch duzt ist eine Besonderheit. Denn normalerweise achtet die Sozialpädagogin darauf, unter anderem über das „Sie“ eine gewisse Distanz zu bewahren – die Geschichten der Menschen nicht zu sehr an sich ranzulassen. Sie hat zwei Handys und zwei Taschen: jeweils privat und dienstlich.

Die Handynummer für ihr Diensthandy gibt sie an alle Eltern, für die sie zuständig ist, weiter. Während der Autofahrten hat sie stets die Freisprechanlage im Ohr: „Ich versuche so oft wie möglich erreichbar zu sein.“ Denn manchmal besteht ihre Arbeit darin, einfach zuzuhören: „Viele der Frauen haben niemanden, dem sie vertrauen. Sie sind mit ihren Problemen alleingelassen.“ Der Sohn will nichts essen. Die Nachbarn beschweren sich über Lärm. Die Tochter hat die ganze Nacht über geschrien. Wenn niemand da ist, mit dem sich zum Beispiel eine alleinerziehende Mutter austauschen kann, wird aus Genervtsein pure Verzweiflung. „Oft ist es so, dass die Frauen weinend und schreiend anrufen. Und wenn ich mich dann später am Tag noch einmal melde, ob ich vorbeikommen soll, hat sich die Lage schon wieder beruhigt. Sie musste es einfach jemandem erzählen.“

Wieberneit versucht den verzweifelten Eltern aber nicht nur ein offenes Ohr zu bieten und Tipps zu geben. Sie will den Fokus verlagern. Weg von dem, was alles falsch läuft. Hin zu dem, was die Eltern können. „Viele wissen, wie es eigentlich laufen müsste. Aber sie schaffen es nicht.“ Sozialpädagogen sagen dazu: „Aufspüren und aktivieren von Ressourcen.“ Manuela Wieberneit sagt kurz und knapp „Niemand kann nix.“ Denn was sie falsch gemacht haben, hören die überforderten Eltern andauernd: von der Frau an der Supermarktkassen, von den Nachbarn, oft von ihrem Partner oder der eigenen Mutter.

Den Blick auf die ruhigen Phasen richten

Um den Fokus zu verändern arbeitet die Sozialpädagogin gern mit Videoaufnahmen. Sie filmt den Alltag der Familien. Und zeigt dann später den Eltern die Momente, die bei Überforderung schnell verdrängt werden: Momente der Ruhe, Momente der gemeinsamen Freude. „Diese gibt es eigentlich immer. Sie gehen nur allzuschnell unter.“

Auch bei Natalie in Uetersen habe sie mit Videos gearbeitet. Und nach dem gleichen Prinzip verfährt sie auch jetzt wieder. Sie betont die Momente, in denen die junge Frau lacht und ihr Kind mitlacht. Sie macht deutlich, wie das kleine Mädchen einen Plastikknopf durch einen Schlitz in ein Nutellaglas drückt, weil ihre Mutter das vorher auch getan hat. „Guck mal Louise“, sagt Wieberneit dann in Richtung der beiden: „Was Mama kann, kannst du jetzt auch.“

Das Ziel: Sich selber entbehrlich machen

Auf der Rückfahrt aus Uetersen erzählt die Sozialpädagogin von Fällen, die sie nicht mit dem Einsteigen ins Auto ablegen konnte. Dann siegen die Emotionen über die Professionalität. Es sind oft die Grenzfälle, bei denen sie entscheiden musste, ob sie die Polizei ruft oder ob sie darauf vertraut, dass die Familie ihre Probleme selbst in den Griff kriegt. „Ja“, sagt Wieberneit und wirkt zum ersten Mal um Worte verlegen: „Es ist auch schon einmal vorgekommen, dass ich im Auto saß und mir gesagt habe: ,Hoffentlich geht alles gut’.“ Sie sagt bewusst, dass sie an das Gute im Menschen glauben will – ja, muss: „Niemand setzt gezielt Kinder in die Welt, um diese zu verprügeln.“ Und bisher habe sie mit ihrer Kombination aus Erfahrung, fachlicher Kompetenz und Bauchgefühl richtig gelegen. Denn auch das gehöre zu ihrem Job: das Loslassen. Auf die Frage, wann für sie die Arbeit erfolgreich ist, kommt die Antwort wieder klar: „Wenn ich nicht mehr gebraucht werden.“

Die Familienräume GmbH ist eine der Organisationen, die im Auftrag des Jugendamts im Kreis Pinneberg Erziehungshilfen anbieten. Außerdem bietet das Team die Begleitung von Kindern und Jugendlichen mit Behinderungen in Schulen („Schulbegleitung“), die sogenannten Frühen Hilfen sowie Heilpädagogische Maßnahmen an. Einzugsgebiet ist der gesamte Kreis Pinneberg. Geschäftsführer des Unternehmes mit knapp 200 Mitarbeitern ist Raphael Krause.
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