Kreis Pinneberg : Sie helfen Menschen aus der Pleite

Das Team der Awo-Schuldnerberatung stößt wegen steigender Fallzahlen an seine Grenzen.
Das Team der Awo-Schuldnerberatung stößt wegen steigender Fallzahlen an seine Grenzen.

Seit Jahren nimmt die Zahl der Hilfesuchenden bei der Awo-Schuldnerberatung zu. Die Bereitschaft der Gläubiger zum Vergleich wird größer.

shz.de von
20. Juni 2014, 16:00 Uhr

Pinneberg | Die Experten der Awo-Schuldnerberatung stoßen an Kapazitätsgrenzen, weil immer mehr Menschen im Kreis Pinneberg geliehenes Geld nicht zurückzahlen können. Das berichteten Mitarbeiter der Einrichtung gestern während der Präsentation der Jahresbilanz für 2013. Damit setzt sich ein lang anhaltender Trend fort.

Mehr als 5100 Menschen hatten 2013 nach Angaben der Awo um Hilfe der Berater gebeten. Im Vorjahr waren es etwa 5000. Im Jahr 2008 waren es 3300 Fälle. Die Mitarbeiter im Kreis seien geradezu überrannt worden. „Die Situation verschärft sich zunehmend, aber unsere Personaldecke bleibt gleich“, sagte Michael Danker, Leiter der Schuldnerberatung. Die Anfragen überträfen jegliche Kapazitätsgrenzen. Es gebe eine Warteliste und teilweise nur noch eine Basisberatung. Für 2014 zeichne sich eine weitere Zunahme ab.

Mit dem Kreis sei vereinbart worden, dass Hilfesuchende maximal zwölf Wochen warten müssen, bis sie einen Termin bekommen. Die tatsächliche Wartezeit liege momentan bei etwa drei bis sechs Wochen. Mit konkreten Forderungen nach mehr Geld, etwa vom Kreis, hält sich Danker zurück. „Wir sind schon froh, wenn vor dem Hintergrund der Haushaltslage das Niveau konstant gehalten werden kann.“

Zu den Gründen sagte Danker: „Verschuldung ist teilweise gewollt. Jedes zweite Privatauto ist fremdfinanziert.“ Konsumentenkredite machen demnach einen Großteil der Verschuldung aus. Die Fälle würden außerdem komplizierter. Krankheiten, Sucht und Probleme in Job und Familie stellten hohe Anforderungen an die Berater. Jeder Fünfte komme inzwischen mit einem Betreuer. Vor allem die Zahl der Alleinerziehenden um 30 Jahre und die Zahl der Senioren unter den Ratsuchenden nehme zu. „Besonders bei Männern dauert es lange, bis sie sich Hilfe holen“, sagte Beraterin Mechthild Kuiter-Pletzer. Dispokredite auf dem Konto etwa würden oft nicht als Schulden gesehen.

Aus den etwa 5100 Erstberatungen münden etwa 1100 in konkrete Schuldnerberatungen, davon wiederum 431 in ein förmliches Insolvenzverfahren. (2012: 5000/1100/438). Bevor dieses Verfahren vor Gericht auf Grundlage der Insolvenzordnung beginnt, versuchen die Berater eine außergerichtliche Lösung zu finden – indem sie etwa Gläubigern eine Teilbegleichung der Schulden vorschlagen, wenn sie auf den anderen Teil der Forderungen verzichten. Es sei nach wie vor sehr schwer, etwa Energieunternehmen, Banken oder Handelshäuser zu überzeugen, wie die Berater sagen.

Doch die Bereitschaft wachse. „Inzwischen merken die Gläubiger, dass sie im Zweifelsfall gar nichts bekommen“, sagte Danker. Ein sehr positives Beispiel seien dagegen die Stadtwerke in Elmshorn. Das Unternehmen sei oft um einen Kompromiss bemüht, der beiden Seiten hilft. Die Statistik scheint die Einschätzung zu stützen: Trotz deutlich steigender Zahl von Beratungen blieb die Zahl der gescheiterten außergerichtlichen Einigungsversuche (2013: 239, 2008: 227) und der tatsächlich eröffneten Insolvenzverfahren (2013: 197, 2008: 191) nahezu konstant.

Viele Betroffene haben Probleme mit dem Einkommen. Zirka 13 Prozent der Menschen würden vom Jobcenter vermittelt. Etwa die Hälfte beziehe Geld nach Hartz IV, etwa ein Drittel Arbeitseinkommen und fast acht Prozent sind Rentner. 39 Prozent sind alleinstehende Männer ohne Kinder, etwa 22 Prozent alleinstehende Frauen ohne Kinder.

Die Awo hat Büros in Elmshorn, Schenefeld, Wedel und Pinneberg. Die Berater bieten darüber hinaus Sprechstunden in Tornesch, Uetersen, Quickborn und auf Helgoland an.

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