Die Schauspielerin im Interview : Sibel Kekilli: „Wir brauchen Feminismus mehr denn je“

Sibel Kekilli: „Es ist leicht sich zu beschweren, aber man muss auch handeln.“
Sibel Kekilli: „Es ist leicht sich zu beschweren, aber man muss auch handeln.“

Die 37-Jährige spricht im Interview mit shz.de über ihr neues Filmprojekt, die Sexismus-Debatte und den Mut, sich politisch einzumischen.

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17. März 2018, 10:00 Uhr

Hamburg | Sibel Kekilli (37) weiß, was sie will, und sie geht diesen Weg mit bewundernswerter Konsequenz – sie will einfach nur nach vorne schauen. Dazu gehört zum Beispiel, dass sie nicht mehr über Vergangenes reden will. Weder über ihre Rolle als Computerspezialistin Sarah Brandt im Kieler „Tatort“, die ihr viel Lob und der ARD hohe Einschaltquoten beschert hat. Noch über ihr preisgekröntes Spiel im Film „Gegen die Wand“ von Fatih Akin. Und auch Privates ist weitgehend tabu.

Sibel Kekilli sitzt in einem ihrer Lieblingscafés im Hamburger Stadtteil Ottensen, das pickepacke voll ist, und zieht mit strahlendem Lächeln Grenzen für das Gespräch, die anders als bei vielen Kollegen ausgerechnet vor politisch heiklen Themen nicht haltmachen. Wohl auch deshalb reizen sie Rollen, wie etwa in „Die Fremde“, in der sie eine türkisch stämmige Deutsche spielt, die in Istanbul aus ihrer Ehe ausbricht. Für „Die Fremde“ wurde sie mehrfach ausgezeichnet, unter anderem zum zweiten Mal mit dem Deutschen Filmpreis. Die Hamburgerin ist streitbar – auch wenn das ihr Leben nicht immer einfacher macht. „Ich bin sehr klar und direkt, rede nicht lange um die Dinge drum herum“, sagt sie, „Es gibt viel zu viele Menschen, die mit dem Strom mitschwimmen.“ Sie nicht. Vor einem Jahr wurde ihr dafür das Bundesverdienstkreuz verliehen.

Frage: Vor einem Jahr sind Sie nach 13 Folgen als Ermittlerin Sarah Brandt für viele Zuschauer überraschend aus dem Kieler „Tatort“ ausgestiegen. Können Sie das Thema noch hören?
Sibel Kekilli: Können Sie es noch hören? Das ist abgeschlossen und ich befasse mich lieber mit neuen Themen.

Sie sind seit Wochen zu Dreharbeiten in Finnland und nur zwischendurch mal auf Heimaturlaub in Hamburg. Worum gehtes bei dem Projekt?
Es ist eine internationale Produktion unter anderem mit der Kölner Nadcon, die schon so erfolgreiche Serien wie „Kommissarin Lund“ koproduziert hat. Zwei Frauenfiguren sind die Hauptpersonen. Ich spiele eine Terroristin. Eine starke, kämpferische Frau, die nach Finnland einreist, und meine Gegenspielerin ist eine Polizistin, die Undercover agiert. Ich darf leider nicht zu viel verraten.

 


Warum Helsinki? Finnland ist zwar bekannt für die Brüder Aki und Mika Kaurismäki als Filmemacher, aber nicht eben als Nabel der Filmszene.
Ich kann mir den Drehort ja nicht aussuchen. Doch ich muss gestehen, dass ich die Stadt und die Kultur wirklich mag und die Finnen darüber hinaus eine innovative Filmszene haben, die sehr interessant ist. Allerdings drehen wir nicht nur in Finnland, sondern auch in Brüssel und wahrscheinlich in Georgien oder Rumänien.

Sie wagen sich immer wieder an konfliktträchtige Stoffe, wie zum Beispiel in der ZDF-Serie „Bruder – Schwarze Macht“ vorigen Herbst. Sie spielen da eine Polizistin mit türkischen Wurzeln, deren Bruder in die radikal islamistische Szene abgleitet und eine Familie zerstört. Was reizt sie an solchen Rollen?
Jede Rolle, die Tiefe hat und mir Raum zum Spielen lässt, ist toll. Das will doch jeder Schauspieler und ich habe das Glück, solche Rollen spielen zu dürfen.

Wie ist die öffentliche Reaktion auf solche Figuren? Sind Hasskampagnen und Beleidigungen der Preis für zu viel Prominenz oder Mut?
Ich suche meine Rollen ja nicht nach Feedback aus, sondern, weil ich sie spielen will. Von daher muss ich dann wohl mit der Reaktion umgehen, ob es mir gefällt oder nicht.

Sind Sie eine Schauspielerin, die politische Botschaften vermitteln will?
Als Mensch bin ich sicherlich politisch, aber, wie schon gesagt, als Schauspielerin suche ich meine Rollen nach Inhalt und nicht nach Aufmerksamkeit oder politischer Ausrichtung aus.

Vor einem Jahr hat Ihnen Bundespräsident Joachim Gauck das Bundesverdienstkreuz verliehen. Was bedeutet Ihnen die Auszeichnung persönlich?
Ein Bundesverdienstkreuz bekommt man nicht alle Tage. Das ist wirklich schon etwas ganz Besonderes und Wertvolles in meinem Leben. Und es dann auch noch persönlich überreicht zu bekommen von Bundespräsident Joachim Gauck, von dem ich ein großer Bewunderer bin, das war alles schon sehr außergewöhnlich.

Gauck hat Sie dafür gelobt, dass Sie Ihre Popularität dazu nutzen, um Frauenrechte zu einem öffentlichen Thema zu machen. Sind Sie eine Feministin?
Jein. Ich finde Feminismus wichtig. Aber leider wird der Begriff Feminismus oft negativ benutzt, nach dem Motto: Feministinnen hassen Männer. Dem kann ich nicht zustimmen. Es geht schlichtweg um Frauenrechte und Gleichberechtigung, und wir haben längst noch nicht erreicht, was wir erreichen sollten und wollten. Und ich versuche meinen Teil dazu beizutragen.

Sie könnten es sich doch viel einfacher machen. Was treibt Sie an?

Ich finde es wichtig, eine klare Haltung zu haben und diese auch zu zeigen. Den Mut seine Stimme zu erheben und sich einzumischen, ob man bekannt ist oder nicht, sollte selbstverständlich sein. Es ist leicht sich zu beschweren, aber man muss auch handeln. Deshalb versuche ich etwas zu tun und engagiere mich zum Beispiel seit 14 Jahren mit „Terre des Femmes“ für ein selbstbestimmtes Leben von Frauen und Mädchen. Und seit etwa zwei Jahren mit „Papatya“, einer anonymen Kriseneinrichtung für junge Migrantinnen.

Sie ergreifen öffentlich Partei gegen Gewalt und sexuelle Übergriffe gegen Frauen. War die Sexismus-Debatte unter dem Schlagwort „MeToo“, die ihren Ursprung gerade in der Filmbranche hat, überfällig?

Schon lange, und sie ist wichtig. Dass wir erst jetzt darüber reden zeigt eigentlich, dass wir noch sehr, sehr weit entfernt sind von Gleichberechtigung und Respekt gegenüber Frauen. Wir brauchen Feminismus mehr denn je.

Sind Sie selbst in Situationen gekommen, in denen Männerübergriffig geworden sind?
Ich glaube, das kommt jeder Frau in verschiedenen Lebenssituationen bekannt vor.

Ermittelten im Kieler „Tatort“: Axel Milberg als Klaus Borowski und Sibel Kelkilli als Sarah Brandt. Die Rolle brachte ihr viel Lob und der ARD hohe Einschaltquoten.
dpa
Ermittelten im Kieler „Tatort“: Axel Milberg als Klaus Borowski und Sibel Kelkilli als Sarah Brandt. Die Rolle brachte ihr viel Lob und der ARD hohe Einschaltquoten.
 

Wo fängt die Grenzüberschreitung an, schon bei einem eigentlich harmlos gemeinten, aber vielleicht zu anzüglichen Flirt?
Das ist natürlich abhängig von den Betroffenen. Wenn ich selbst einen Spruch mache, muss ich auch damit rechnen, dass ich einen zurückbekomme, auch als Frau. Aber jede Frau hat das Recht, ihre Grenze selbst zu definieren.

Sie sind in einer Kultur groß geworden, in der Frauen unterdrückt werden, haben Sie mal als Begründung für Ihr Engagement gesagt. Viele haben sofort an die Türkei gedacht. Aber Sie sind in Deutschland geboren und aufgewachsen.
Wenn wir nur die Türkei meinten, wären wir alle blind. Auch hier in Deutschland gibt es immer wieder Übergriffe, die Frauen diskriminieren, und auch darauf sollte man achten.

Sie haben 1999 um Entlassung aus der türkischen Staatsbürgerschaft gebeten und sich gegen eine doppelte Staatsbürgerschaft entschieden. Warum?
Die doppelte Staatsangehörigkeit gab es damals nicht, auf legalem Weg hätte ich nicht beide haben dürfen. Ich bin Deutsche, und ich wollte wählen, das war mir wichtig.

Was bedeutet Heimat für Sie?
Heimat ist für mich der Ort, wo ich mich gerade wohl fühle. Im Moment ist es Hamburg, aber auch die Hansestadt hat ihre Probleme.

Woran denken Sie?
Ich habe das Gefühl, wir zerstören gerade unsere Stadt. Alte schöne Häuser werden abgerissen, Mieten werden immer unbezahlbarer, kleine Blumen- oder Fahrradläden müssen weichen wie in Ottensen, dafür entstehen neue Einkaufszentren, von denen wir aber um die Ecke schon drei haben. Ich finde, da müsste die Politik dringend eingreifen. Wo bleibt der Charme dieser Stadt? Wir machen sie gerade kaputt.

Sibel Kekili persönlich

Vereinbarkeit von Familie und Beruf  . . . ist für jede Frau, egal aus welchem Berufsfeld, eine Herausforderung.

Rote Teppiche bedeuten  für mich . . . Arbeit und Spaß gleichermaßen.

Auf der Straße erkannt zu werden  . . . ist natürlich auf der einen Seite ein Kompliment für meine Arbeit, aber manchmal möchte ich einfach auch nur unerkannt bleiben (lacht).

Zum Abschalten mach ich am liebsten . . . gar nichts. Auch das muss man lernen. Ich lese dann gerne, oder ich guck mir zum x-ten Mal „Columbo“ an.

Sport ist für mich . . . keine echte Entspannung. Ich mache Sport, aber er ist für mich auch Arbeit.

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