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Fantastische Musikwelten : SHMFAuftakt-Konzert in Elmshorn

vom
Aus der Redaktion der Elmshorner Nachrichten

Jan Vogler und Hélène Grimaud spielen Sonaten für Violoncello und Klavier.

Elmshorn | „Musik ist die Stille zwischen den Tönen“, sagte einst Claude Debussy. Und wohl kein anderes Paradoxon könnte das Eröffnungskonzert des Schleswig-Holstein Musik Festivals in Elmshorn am vergangenen Sonnabend in der alten Reithalle annähernd so gut beschreiben. Jan Vogler und Hélène Grimaud spielten Sonaten für Violoncello und Klavier.

Das Programm? Bestechend! Denn hinter Debussy, Brahms, Schumann und Schostakowitsch steht die gesamte Bandbreite der Musik und des Könnens Voglers und Grimauds: Jede Taste, jeder Fingerdruck, jede Saite, jeder Hammer des Flügels, vervollständigt mit den raffiniertesten, wärmsten, präzisesten und anmutigsten Klängen des Stradivari-Cellos bildet fantastische Musikwelten. Und über dieses Virtuosentum hinaus, gehen Grimaud und Vogler auf die Reise durch Länder, Nationalstile, und die wohl divergentesten Musikauffassungen.

Doch wie verhält es sich nun mit der Stille zwischen Tönen, der Musik? Es ist wie ein gewaltiges Gewitter, irgendwo zwischen Blitz und Donner und der Ruhe vor dem Sturm. Wenn Hélène Grimaud sich durch die d-Moll-Sonate Debussys spielt und Jan Vogler die Saiten seines Cellos zum Vibrieren und Zittern bringt, dann hört man nicht nur einfach Saiten die schwingen, Klang und Schallwellen. Sondern da ist einiges mehr, undefinierbar. Es ist das Pedal des großen Flügels, das dumpf einen kaum wahrnehmbaren Rhythmus gibt, es ist der Bogen der auf dem jahrhundertalten Korpus des Cellos zarte Wellen von sich bricht, die über die gespielten Noten hinaus gehen. Und es ist vor allem die schier nicht aushaltbare Erwartung, die in den tiefen Akkorden, in den längsten Fermaten, in den leisen, sanften Übergängen irgendwo zwischen Dissonanz und Konsonanz liegt. Und gerade in diesen Zauber, in dieses große Paradoxon der Musik, der Stille, die keine Stille ist, schwappt eine aufgeregte Welle an Husten und Räuspern hinein. Ja, man sollte diese Hustendebatte nicht wieder aufrollen, aber sie ist genau dadurch erklärbar. Da entlädt sich der gesamte psychische Druck, der auf den Hörern lastet. Wohin mit den Gefühlen, dem Gefühl der schönsten Beklemmung? Anscheinend direkt hinein in räuspernde Stimmbänder.

Unbeirrt spielen sich Grimaud und Vogler weg vom französischen Impressionismus in die Welten der gefühlsbetonten deutschen Romantiker. Wo vorher noch das Implizite und Ungesagte der Musik für sich sprach, erklingt nun das Direkte. Perlende Figuren und Gestalten tanzen durch Johannes Brahms und Robert Schumanns Sonaten. Und während Hélène Grimaud am Flügel die komplexesten Läufe wie Koloraturen einer Arie mitzusingen scheint, spielt sich Vogler geradezu in virtuose Rage, immer im Blickkontakt mit Grimaud, ein zartes Lächeln, ein verschmitztes Grinsen, die tanzenden Melodien in perfekter Synchronität.

Und so gehen die verklärten Romantiker von dem morastigen deutschen Moor über in eine Sonate Dmitri Schostakowitschs: Sozialistischer Realismus, Musik unter Diktatur. Das Publikum ist am Staunen, am Hören, am Genießen. Ungläubige Blicke zwischen den hämmernden Staccatotönen, die Grimaud wie aus dem Handgelenk schüttelt und den springenden Händen Voglers. Die Klänge sind im schönsten Sinne kaum aushaltbar, die Direktheit der Musik.

Genau an dieser Stelle ist es kaum möglich, Musik, Komponist, Bedeutung und Politik auseinanderzuhalten. Denn Schostakowitsch litt Zeit seines Lebens unter der Pression Stalins, der Unterdrückung seiner Musik, unter Angst vor Verfolgung und Tod. Stalin selbst schrieb über sein Werk, es sei „Chaos statt Musik.“ Geradezu pervers dieser Gedanke eines ästhetischen Rassismus, während woanders fragwürdige Machtinhaber einträchtig zu Beethovens neunter Sinfonie schaukeln. Und kritische Stimmen werden nun sagen, Politik hat in Musikbesprechungen nichts zu suchen. Doch, das hat sie! Denn wie Richard Taruskin es richtig formulierte, können wir weder extern noch intern die grauenvolle Subtexte Schostakowitschs Werke ignorieren: „It is never just Shostakovich. It is always Shostakovich and us.“

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erstellt am 10.Jul.2017 | 15:59 Uhr

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