Seife, Krieg und Heimatgefühle

Spaß bei der Arbeit: Nour Obaed (links), Nada Al Omari und Angelika Wilder produzieren ihre Seifen momentan zweimal im Monat – aber es soll noch viel mehr werden.
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Spaß bei der Arbeit: Nour Obaed (links), Nada Al Omari und Angelika Wilder produzieren ihre Seifen momentan zweimal im Monat – aber es soll noch viel mehr werden.

Flüchtlinge in Rellingen: Alte Traditionen aus Syrien werden bei dem Projekt Sabun Alwatan fortgeführt

shz.de von
07. Juni 2018, 16:01 Uhr

Deutsche Betreuer für Flüchtlinge gibt es einige. Dass ein Betreuer jedoch Arabisch in Wort und Schrift beherrscht, ist eine Ausnahmeerscheinung – und ein Glücksfall für die Geflüchteten. „Ich habe mich so gefreut, Angi zu treffen. Sie spricht nicht nur Arabisch, sie kennt auch unsere Kultur und unseren Alltag sehr gut“, sagt die Syrerin Nour Obaed. Das bestätigt Khelod Alayob: „Ja. Ich hatte großes Heimweh als ich in Deutschland ankam. Angi war mein Strohhalm im Meer.“

Angi ist die Rellingerin Angelika Wilder, die mit Obaed, Alayob und anderen geflüchteten Frauen das Seifenprojekt Sabun Alwatan (Heimatseife) initiiert hat. Zweimal im Monat treffen sich die Frauen und verwandeln Wilders Privatküche in eine Seifensiederei. Begonnen hat das Ganze vor einem Jahr. Inzwischen ist die ausgebildete Chemielaborantin Wilder zur Seifenexpertin geworden, kennt sich mit deutschen Sicherheitsvorschriften und Haltbarkeitsdaten aus und vermarktet die wohlriechenden Produkte in Eigenregie: „Ein mühsames Geschäft“, sagt sie. „Gewinne fließen in das Seifenprojekt zurück, Überschüsse bekommt der ‚Runde Tisch Asyl‘ in Rellingen.“ Wilder arbeitet ehrenamtlich.

Die 68-Jährige hat ein großes Herz für den Nahen Osten. Ihr Impuls für diese Leidenschaft war eine Reise nach Israel vor 20 Jahren. Als Wilder die Reiseleiterin beobachtete, dachte sie nur: „Das kann ich auch.“ Gesagt, getan – über die Volkshochschule bot sie ihre vorher persönlich recherchierten Reisen an und fuhr jeweils mit 15 bis 25 Teilnehmern nach Jordanien, in die Türkei, nach Syrien, in den Libanon und nach Israel. „Neben den alten Kulturstätten mochte ich die Menschen so sehr – das Familienleben, die Gastfreundschaft, die große Liebe zu den Kindern und natürlich auch das Essen.“

Das führte dazu, dass sich die Mutter zweier Töchter 2003 entschloss, Arabisch zu lernen. „Und zwar richtig“, sagt sie. Sieben Jahre lang mietete sie jeweils zwei Monate im Jahr eine Wohnung in der syrischen Hauptstadt Damaskus und studierte eisern. Dort machte Wilder auch erste Bekanntschaft mit der traditionellen Olivenseife der Syrer: „Die meisten Familien kochen ihre Seife selbst und haben ihr eigenes Rezept“, erzählt die 29-jährige Nada Al Omari. Benutzt wird das Naturprodukt nicht nur zum Duschen und Haare waschen, sondern auch zum Reinigen von Teppichen, für die Wäsche und die Fußböden. Wilder: „In Aleppo gab es einmal über 100 Seifenfabriken. Jetzt, nach dem Krieg, existieren nur noch 15.“

Die liebevoll hergestellten Rellinger Duftseifen bestehen ausschließlich aus pflanzlichen Rohstoffen und sind mit natürlichen Düften parfümiert. Form, Farbe und Duft können nach Wunsch variiert werden. „Neben der Olivenseife ist eine meiner Lieblingssorten unsere Kaffeeseife. Sie beseitigt unangenehme Gerüche nach der Küchenarbeit“, sagt Wilder. Dann gibt es noch das pfefferminzige „Blaue Wunder“, die cremige Schokoladenseife oder die Calendulaseife mit integriertem Blütenblätter-Peeling. Ganz neu ist die desodorierende Zitronenmelissen-Sommerseife. Natürlich sind auch weniger spektakuläre Sorten zu haben. Es gibt auch zahlreiche Formen – etwa ein Herz, die pummelige „Venus von Willendorf“ oder klassisch von Hand geschnitten. Gut verpackt lagern die Seifen im Wilderschen Keller. „Die müssen reifen“, erklären die Frauen. „Je länger sie liegen, desto besser werden sie.“

Das Projekt „Sabun Alwatan“ möchte zukünftig neben den Einzelverkäufen auch größere Mengen produzieren und vermarkten – etwa an Firmen, die ein passendes Weihnachtsgeschenk brauchen. „So können sich die Frauen mit einem Stückchen Tradition aus der Heimat bei uns integrieren“, sagt Wilder, die bereits seit 2013 in der Rellinger Flüchtlingsbetreuung aktiv ist.



Weitere Informationen gibt es unter Telefon (0 41 01) 2 74 41 oder unter (01 76) 72 16 23 24 sowie per E-Mail: wilder_angi1504@gmx.com

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