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Pinneberger Tageblatt

14. Dezember 2017 | 02:01 Uhr

Tornesch : Sechs Flaschen Bier im Eichensarg

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Hinter den Kulissen des Krematoriums in Tornesch: Bis zu 3000 Leichen werden jedes Jahr eingeäschert.

shz.de von
erstellt am 30.Okt.2014 | 13:46 Uhr

Tornesch | 10 .000 Einäscherungen hat Heiko Schändel in seinem Berufsleben bisher durchgeführt, schätzt der 47-jährige Werksleiter. 10 000 Leben, von denen am Ende nur Asche übrig blieb. Im Krematorium in Tornesch gehört der Tod zum Alltag. Heute laden die Mitarbeiter von 10 bis 16 Uhr zum „Tag der offenen Tür“ ein und wollen über ihre Arbeit informieren. Denn die wenigsten Menschen wissen, was im Krematorium genau passiert. Angehörige können seit dem Jahr 2010 im Besucherraum Abschied nehmen und die Einäscherung verfolgen.

In Tornesch werden pro Jahr zwischen 2500 und 3000 Verstorbene aus Schleswig-Holstein und Hamburg verbrannt.

Wenn die Bestatter mit den Särgen am Hintereingang vorfahren, werden die Wünsche der Angehörigen an einen der drei Mitarbeiter des Krematoriums übermittelt. Und dabei kommt es mitunter zu skurrilen Wünschen: Trauernde wollten dem lieben Verstorbenen auch schon mal ein Sechserpack Bier, eine Flasche Schnaps, eine Stange Zigaretten oder einen riesigen Bilderrahmen mit in den Sarg legen, erzählt Schändel. Was gesetzlich erlaubt ist, macht er möglich. Sonderlich beeindruckt scheint der Familienvater von solch außergewöhnlichen Wünschen nicht mehr zu sein.

„Das Krematorium soll kein geheimnisvoller Ort sein“, sagt er. Deshalb gibt es auch seit dem Bestehen einmal im Jahr den Informationstag. Die Fragen reichen von verständlich bis kurios: Ist denn ein Sarg wirklich notwendig? Und woher weiß ich, ob die Asche auch wirklich von der Oma stammt? Ohne Sarg geht es nicht, stellt Schändel klar. Denn auch wenn es zynisch klingt: Das Holz wird zum Anfeuern benötigt. Scanner, Listen, Computer und Nummerierungen sorgen zudem für eine nachweisbare Zuordnung der Überreste.

Zwei- bis dreimal in der Woche werden Verstorbene amtsärztlich untersucht. Dabei wird geprüft, ob jemand eines unnatürlichen Todes gestorben ist. Der Grund ist simpel: Ein Grab kann wieder ausgehoben werden. Nach einer Feuerbestattung lässt sich aber nichts mehr nachweisen. Morde seien zwar noch nicht zum Vorschein gekommen, unnatürliche Todesursachen aber schon.

Beispielsweise wurde ein Milzriss festgestellt, der erst Jahre später zum Tod einer Frau führte. Der Riss war durch einen Arbeitsunfall entstanden – die Angehörigen konnten Ansprüche geltend machen.

Der 47-Jährige sieht sich als „Dienstleister am Rande“. Die Fürsorge für die Verstorbenen sei sein gesellschaftlicher Beitrag. Etwas Abstand müsse zwar sein. Aber wenn r zum Beispiel Kinder eingeäschert werden, lasse ihn das alles andere als kalt. „Es gibt Menschen, die haben nur vier Wochen hier gearbeitet, weil sie jeden Fall emotional an sich rangelassen haben. Man muss schon die Distanz wahren.“

Einäscherungen werden immer beliebter. „Früher war das Verhältnis 60 zu 40“, sagt Schändel. „Heute gibt es Bestatter, die zu 70 Prozent Feuerbestattungen durchführen. Die Bestattungskultur ändert sich.“ Ganz genau wissen, wie die Verbrennung vonstatten geht, wollen aber die wenigsten. Es werden aber mehr. Deshalb gibt es auch den Besucherraum.

Eine Glasscheibe trennt den Raum vom Verbrennungsofen. Die Temperatur im Raum ist leicht erhöht, wenn der Ofen vorgeheizt wird. Dann wird die Tür geschlossen. Unbefugte dürfen sich dort nicht aufhalten. Vom Besucherraum aus lässt sich der Vorgang der Einäscherung verfolgen. Der Sarg wird langsam eingefahren, Flammen sind zu sehen, dann schließt sich die Luke. Der ganze Vorgang dauert nur kurz.

Die Knochen, die übrig bleiben, werden nach der etwa einstündigen Verbrennung von anderen Resten getrennt und fein zermahlen. Am Ende wird die sandähnliche Asche in eine Urne abgefüllt und beerdigt. Zwei bis vier Kilo bleiben übrig vom Leben eines Menschen. Aber ob verbrannt oder unter der Erde: „Für mich ist das ohnehin nur die Hülle“, glaubt Schändel. „Die Seele ist dann schon raus.“ Sein Beruf habe ihn Respekt vor dem Leben gelehrt. „Ich rauche und trinke nicht mehr, mache viel Sport. Ich bin davon überzeugt, dass die äußere Hülle länger hält, wenn man gut mit ihr umgeht.“

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