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Pinneberger Tageblatt

23. August 2017 | 12:44 Uhr

Schwanger und ohne Wohnung

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Beratungsstelle der Arbeiterwohlfahrt in Pinneberg hilft Frauen in Not / Arbeitsverhältnisse verschlimmern die Situation

Sie helfen in der Not: In der neuen Serie „Hilfe vor Ort“ stellen wir Beratungsstellen und Selbsthilfegruppen in Pinneberg vor. Im ersten Teil geht es um die Beratungsstelle der Arbeiterwohlfahrt, die Schwangere unterstützt.

Die beiden Frauen lächeln freundlich und strahlen eine herzliche Wärme aus. Es ist den Sozialpädagoginnen anzusehen, dass sie eine angenehme Atmosphäre in der Beratungsstelle schaffen wollen. Denn die Frauen, die zu ihnen kommen, sind in Not. Ritva Åkerblom und Marina Schliekert arbeiten für die Schwangerenberatungsstelle der AWO in Pinneberg.

Sie beraten, wenn die Hilfesuchenden über einen Abbruch nachdenken, unterstützen sie aber auch bei finanziellen Schwierigkeiten.

Der Geldbeutel und die Job-Situation sei in den meisten Fällen der Knackpunkt, wenn es darum geht, ob sich eine Frau für oder gegen ein Kind entscheidet. Befristete Arbeitsverträge, Leiharbeit, Teilzeit- und Minijobs: In solchen Verhältnissen überwiege die Existenzangst und viele Hilfesuchende entschieden sich dann lieber für einen Abbruch.

Vor zwanzig Jahren sei das noch anders gewesen. Damals spielte der Job noch eine untergeordnete Rolle. „Die Verlässlichkeit und das Vertrauen in die Zukunft gibt es heute oft nicht mehr“, sagt Åkerblom. Probleme in der noch frischen Beziehung oder ein fehlender Partner hätten damals stärker den Ausschlag gegeben, zählten aber immer noch zu den wichtigen Faktoren.

Åkerblom: „In der Schwangerschaft gibt es Männer, die dann Angst vor der Verantwortung bekommen. Das ist dann schon sehr bitter.“ Schliekert ergänzt: „Die Frauen suchen uns auch auf, wenn sie verlassen werden, weil sie schwanger sind oder aus der Wohnung geworfen werden.“

Fehlender Wohnraum sei ein großes Problem in Pinneberg. Die Sozialpädagoginnen versuchen dann, zwischen Jobcenter und der Frau zu vermitteln, zum Beispiel wenn die verfügbare Wohnung eigentlich zu teuer ist. „Es möchte ja niemand, dass ein Kind unter der Brücke zur Welt kommen muss“, sagt Åkerblom.

Die Beratung, die in Deutschland nötig ist, um einen Abbruch vornehmen zu lassen, mache nur einen kleinen Teil ihrer Arbeit aus, sagt Åkerblom. Meistens geht es um Behördengänge und finanzielle Unterstützung. „Es kommen auch Männer zu uns, die die Formulare nicht verstehen“, sagt Schliekert.

Besonders schwierig sei die Situation für Hartz-IV-Empfängerinnen. Denn früher sei Empfängnisverhütung vom Staat übernommen worden. Heute sind fünfzehn Euro im Monat pro Person für Medikamente vorgesehen. Åkerblom: „Wenn man dann Hustensaft und Kopfschmerztabletten braucht, ist das Geld schon wieder weg.“ Viele Schwangerschaften könnten aus Sicht der Expertinnen verhindert werden, wenn sich diese Situation ändern würde. Die Frauen, die einen Abbruch vorhaben, gehen durch alle Schichten und Altersklassen, so Åkerblom. Statistisch festgehalten wird aber nicht der soziale Status, sondern nur der Grund für den Abbruch.

Die Beratung sei immer ergebnisoffen. „Die Frauen sind ihre eigenen Experten“, sagt Schliekert. „Sie wissen am besten, was sie sich selbst zutrauen können.“ Alle Eventualitäten, finanziellen Hilfen und Konsequenzen würden aber dennoch durchgespielt. Die Entscheidung sei den meisten Frauen aber klar. Und sie kämen im Normalfall gut damit zurecht.

Die Sozialpädagoginnen würden sich aber dennoch wünschen, dass die Beratung in Deutschland freiwillig wäre. „So sitzen die Frauen hier, weil sie es müssen. Wir versuchen zwar, eine entspannte Atmosphäre zu schaffen, besser wäre es aber, wenn sie zu uns kommen, weil sie es auch wirklich wollen.“

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