Serie: Neue Heimat : Schutz für Teenager auf der Flucht

Sichere Bleibe: Hikmat Lodin kümmert sich in einer Elmshorner Wohngruppe mit einem Team aus Pädagogen und Erziehern um minderjährige Flüchtlinge. In der geräumigen Gemeinschaftsküche treffen sich alle zum Mittag- und Abendessen.
Sichere Bleibe: Hikmat Lodin kümmert sich in einer Elmshorner Wohngruppe mit einem Team aus Pädagogen und Erziehern um minderjährige Flüchtlinge. In der geräumigen Gemeinschaftsküche treffen sich alle zum Mittag- und Abendessen.

Unbegleitete Minderjährige aus Kriegsgebieten kommen in einer Jugendhilfeeinrichtung unter. Zahl der Neuankömmlinge steigt rasant.

shz.de von
31. Juli 2015, 14:00 Uhr

Kreis Pinneberg | Er hat einen langen und gefährlichen Weg hinter sich: Von Homs flieht der junge Syrer Diaa nach Damaskus und Beirut im Libanon. Von dort geht es weiter in die türkische Hauptstadt Istanbul und in die Küstenstadt Izmir. „Mit sieben anderen Flüchtlingen bin ich in ein Schlauchboot gestiegen und nach Griechenland gefahren“, erinnert sich Diaa. Schlepper bringen die Gruppe über den Balkan bis nach Deutschland. Diaa ist 15 Jahre alt.

Der junge Syrer lebt seit einigen Wochen in einer Elmshorner Wohngruppe. Zehn unbegleitete minderjährige Flüchtlinge sind dort untergebracht. Insgesamt 23 dieser Jugendlichen wohnen im Kreis Pinneberg. Weitere acht werden in den kommenden Wochen hinzukommen. Behörden rechnen damit, dass ihre Zahl spätestens mit Inkrafttreten einer Gesetzesänderung im Januar 2016 massiv steigen wird.

In Elmshorn kümmert sich etwa Hikmat Lodin um die Jugendlichen. Der 33-Jährige ist in den 1990er Jahren selbst als Flüchtling von Afghanistan nach Deutschland gekommen. Er hat studiert und als Pädagoge mit Kollegen im Frühjahr die Jugendhilfeeinrichtung Nexus gegründet. Dort betreut das fünfköpfige Team die Flüchtlinge.

„Wir wollen einen Lebensraum schaffen, in dem sie sich wohlfühlen“, sagt Lodin. Dazu gehört auch, Sicherheit zu vermitteln. Und einen Rahmen an Regeln vorzugeben, in dem sich alle frei bewegen können. „Es gibt feste Essenszeiten, verbindlichen Sprachunterricht, Hausaufgabenbetreuung. Und um halb zehn müssen alle in ihren Zimmern sein“, sagt Lodin.

Es dauert etwas, bis sich die Jugendlichen an die Regeln gewöhnen. „Die Jungs haben eine wochenlange Flucht hinter sich, sie mussten um Nahrung und Unterschlupf kämpfen. Da ist es für sie am Anfang unverständlich, wenn plötzlich einer vorgibt: Jetzt musst du aber um halb zehn in deinem Zimmer sein“, sagt Lodin. Doch das Zusammenleben in der Gruppe funktioniere reibungslos. Die Kollegen vom Elmshorner Kinderschutzhaus hätten gute Vorarbeit geleistet. Dort kommen die Minderjährigen zuerst unter, wenn sie den Kreis Pinneberg erreichen.

Als unbegleitete minderjährige Flüchtlinge gelten die Jugendlichen, wenn sie noch nicht volljährig und ohne ihre Erziehungsberechtigten unterwegs sind. Ein Gericht entscheidet nach ihrer Ankunft, ob ein Jugendamt für die Vormundschaft zuständig ist. In einem sogenannten Clearing untersuchen die Behörden dann unter anderem den Gesundheitszustand und den Entwicklungsstand, um Unterbringung und Betreuung festzulegen.

Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge sollen von 2016 an wie Erwachsene auch auf die Landkreise in Deutschland verteilt werden. Bisher finden sie dort Unterschlupf, wo sie ankommen, meist in den großen Städten wie Hamburg, Berlin und München, im Ruhrgebiet oder in Städten an der südlichen Staatsgrenze wie Passau.
2014 nahmen deutsche Jugendämter nach Angaben der Diakonie 10.000 unbegleitete Flüchtlinge in Obhut. In diesem Mai lag die Zahl laut der Deutschen Presseagentur bereits bei 22.000.
Doch auch ohne die gesetzliche Neuregelung steigt die Zahl der Amtsvormundschaften im Kreis Pinneberg stark an. Im Januar 2014 war es eine, im Januar 2015 waren es zwölf und nun sind es 23. „Die Zahl der unbegleiteten Minderjährigen insgesamt ist aber noch höher. Oft übernehmen hier lebende Verwandte die Vormundschaften. Diese sind nicht in der Statistik erfasst“, sagt Kreis-Sprecher Oliver Carstens.
Zehn Jugendliche leben in der Jugendhilfeeinrichtung Nexus. Ein Mädchen ist in einer Pflegefamilie untergebracht, die übrigen Jugendlichen leben allein oder bei Familienangehörigen in Asylunterkünften. Sie bekommen Unterstützung von der ambulanten Jugendhilfe. Für die ambulante Hilfe kalkuliert die Verwaltung Kosten von monatlich 850 Euro pro Kopf, für die stationäre bis zu 5100 Euro.
Am Mittwoch besuchten Mitglieder der SPD-Kreistagsfraktion die Wohngruppe. „Der Jugendhilfeausschuss soll sich direkt nach der Sommerpause damit beschäftigen, wie wir die Situation bewältigen können“, sagte Fraktionschef Hans-Helmut Birke.

Diaa hat in der Wohngruppe sein eigenes Zimmer. Das sind etwa 20 Quadratmeter Privatsphäre. Zum Mittag- und Abendessen trifft sich die Gruppe mit ihren Betreuern in einer großen Gemeinschaftsküche. Mittags liefert ein Caterer, abends kochen die Jugendlichen gemeinsam. „Wir bereiten Gerichte aus den Heimatländern der Jugendlichen zu oder machen deutsches Essen“, sagt Lodin. Und das hat manchmal auch etwas von Unterricht. „Wenn die Jungs mal bei deutschen Bekannten eingeladen werden, sollen sie auch wissen, wie man eine Stulle schmiert. Sie müssen wissen, was für Lebensmittel da auf dem Tisch stehen“, sagt Lodin.

Der Tagesablauf ist strukturiert. Außerhalb der Ferien gehen zwei der Jugendlichen vormittags zur Schule, die anderen besuchen so lange Sprachkurse, bis sie ebenfalls in der Lage sind, dem Schulunterricht zu folgen. Von 13 bis 14 Uhr gibt es Mittagessen, bis 15 Uhr Freizeit und im Anschluss Hausaufgabenbetreuung und Sprachförderung. Danach bleibt Zeit etwa für Sport in einem Verein. Um 19 Uhr gibt es Abendessen und um 21.30 Uhr müssen alle auf ihren Zimmern sein.

Die zehn Jugendlichen sind zwischen 14 und 17 Jahre alt. Sie kommen aus Afghanistan, Syrien und Ägypten. Das Team der Betreuer ist genauso bunt. Die drei Pädagogen und die beiden Erzieher werden von vier Lehramtsstudenten unterstützt. Die Team-Mitglieder stammen aus Deutschland, Afghanistan, dem Iran und dem Irak, sprechen sämtliche Sprachen der Jugendlichen. Die Betreuer sind Muslime, Christen und Atheisten. „Das ist wichtig. Denn wir vermitteln auch Werte wie Respekt und Toleranz“, sagt Lodin.

Platz für neue Flüchtlinge gibt es kaum. „Die Nexus-Wohngruppe ist belegt. Das Kinderschutzhaus ebenfalls“, sagt Frank Schütz vom Fachdienst Jugend der Kreisverwaltung. „Wir rechnen damit, dass während der kommenden Monate bis zu 90 weitere minderjährige Flüchtlinge hier ankommen“, sagt Schütz. Christoph Helms, Leiter des Jugendamts, sagt: „Mit einer so großen Zahl haben wir nicht gerechnet. Wir suchen deswegen dringend Menschen, die uns als Pflegeeltern, Paten oder Vormund unterstützen.“ Diaa hat nun noch bis zur Volljährigkeit Zeit, Sprache und Land kennenzulernen. Danach wird er auf eigenen Füßen stehen müssen.

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