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Kreis Pinneberg : Schulrat: Unsere Schulen sind gut

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Michael Doppke geht nach zwölf Jahren als Schulrat des Kreises Pinneberg am 27. November in Pension. Nachfolgerin wird Adelia Schuldt.

shz.de von
erstellt am 20.Okt.2015 | 16:00 Uhr

Kreis Pinneberg | Zwölf Jahre lang war Michael Doppke als Schulrat für die Grund- und weiterführenden Schulen im Kreis Pinneberg zuständig. Seine Hauptaufgaben waren die Personalplanung und die Berufsorientierung der Jugendlichen. Am 27. November geht er in den Ruhestand. Im Interview mit dieser Zeitung erläutert er, wie er sich sein Leben ohne Arbeit vorstellt, wie er die Schulsituation im Kreis Pinneberg einschätzt und wie sich Schule in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten verändert hat. Seine Nachfolge ist bereits geregelt. Ab Dezember wird Adelia Schuldt, Freie Schulrätin in Bad Segeberg, seine Nachfolge antreten.

Herr Doppke, welche Aufgaben liegen in den kommenden Wochen noch vor Ihnen?

Michael Doppke: Die Auswahl und Zuordnung der schulischen Assistenzen steht an. Ich werde die Übergabe an meine Nachfolgerin mit meinem Kollegen Dirk Janssen vorbereiten und Restarbeiten des Tagesgeschäfts erledigen. Zudem werde ich noch die ersten Schritte für eine Jugendberufsagentur und ein Bildungsmanagement für den Kreis mit auf den Weg bringen.

Welche Voraussetzungen muss man als Schulrat mitbringen?

Wer hier arbeitet, muss Generalist sein, weil man auf ganz vielen Feldern agieren muss. Das Aufgabenfeld ist sehr, sehr vielfältig. Alles, was wir machen, hat dabei ein Ziel (Doppke zeigt das Schild, das hinter seinem Schreibtisch steht): Schulaufsicht ist so gut, wie sie den Schulen hilft, gut zu sein. Das ist auch immer mein Motto gewesen.

Was ist eine gute Schule?

Das kann ich nicht beantworten. Ich drehe es mal um. Es gibt viele Kriterienkataloge. Aber eine gute Schule ist die, die für die Kinder, die wir entwickeln, mit den Lehrern in den Räumlichkeiten und dem bestehenden Umfeld, den bestmöglichen Unterricht macht. Es ist schwierig, das konkret festzumachen. Alles was wir tun, hat nur dienende Funktion und ist nie Selbstzweck. Wir haben immer die jungen Menschen im Blick, damit sie im Leben zurechtkommen können. Was sie dafür mitbringen müssen, hat sich im Laufe der Jahre massiv verändert.

Wie hat es sich verändert?

Darüber denke ich viel nach. Ich glaube, es ist alles viel schnelllebiger geworden. Die jeweils aktuelle politische Lage beeinflusst das Tagesgeschäft sehr. Der Einfluss der Politik ist durch die Erwartungen an Schulen von Außen gestiegen. Es ist manchmal so, dass man kaum noch zum Durchschnaufen kommt. Wenn es einen neuen Auftrag gibt, stellt sich die Frage: Was kann wegfallen? Das macht die Aufgabe der Schulen schwierig.

Gefühlt wechselt nach jeder Wahl der Fokus im Schulsystem. Macht es nicht Sinn, das Thema Bildung stärker zu zentralisieren?

Was immer wieder hochkommt, sind Strukturfragen. Die Qulitätsstandards sind bundesweit angepasst. Ich glaube, dass eine Mehrstufigkeit wichtig ist. Ich möchte kein System wie in Frankreich oder der ehemaligen DDR haben. Was die strukturelle Ausgestaltung angeht, macht eine einheitliche Struktur Sinn. Jemand muss die grundsätzlichen Dinge entscheiden. Es kann nicht sein, dass alles in Kleinteiligkeit zerfällt. Wo man Vergleichbarkeit braucht, soll diese zentral geregelt werden. Schule sollte alles, was sie alleine kann im Rahmen der Vorgaben und Standards regeln können. Eine gute Schule in Nordfriesland wird andere Wege gehen müssen als eine Schule hier, wo wir eher städtisch sind. Wir brauchen schon individuelle Lösungen. Schule kann aber einiges nicht umsetzten, weil sie nicht die Kapazitäten hat. Vor allem die Netzwerkarbeit braucht jemanden, der Dinge in der Region steuernd übernimmt.

Was hat den größten Einfluss auf einzelne Schulen?

Wir fragen uns immer: Wie kriegen wir die Ergebnisse an jeder Schule noch besser und passender hin. Was am Ende beim Schüler ankommt, geht durch den Flaschenhals Lehrer. Wie Schule, Ministerium oder Schulamt geführt werden, hängt am Ende auch von den Personen ab und was sie für sinnvoll halten. Daher ist der Diskurs im Vorfeld von Entscheidungen wichtig.

Wie bewerten Sie die Qualität der Schulen im Kreis?

Unsere Schulen sind gut. Wir müssen keine Schulen von mangelhaft zu gut bringen, sondern von gut zu hervorragend. Wie haben keine Schulen, die schlecht sind, denn wir haben hervorragende Kolleginnen und Kolleginnen vor Ort. Die Frage ist: Wie können sie noch besser werden? Die Schulleitung ist die Stelle, mit der steht und fällt, ob eine Schule gute Arbeit leistet. Ich war lange genug Schulleiter, um die Aussage so tätigen zu können.

Noch einmal zurück zur Politik: Sind Sie für das Modell Einheitsschule oder die Differenzierung in Gemeinschaftsschulen und Gymnasien?

Mir ist das relativ egal, in welcher Form das stattfindet. Die Beispiele aus Europa zeigen, dass beides geht. Ich denke aber, dass es richtig ist, sich auf Gemeinschaftsschulen und Gymnasien als Standardangebot zu beschränken. Die Differenzierung nach Regionalschulen und Gemeinschaftsschulen hat sich nicht bewährt. Es gibt aus meiner Sicht einen Zeitpunkt, an dem es Sinn macht, in den Fächern auch äußerlich zu differenzieren.

Wie kann sich Schule denn verbessern?

Wir müssen uns einige Fragen immer wieder vor Augen führen: Warum machen wir das alles? Was wollen wir erreichen. Das sind oft nicht abschließend geklärte Sinnfragen. Umsetzen von Maßnahmen können alle, aber das wann, wie und warum muss geklärt werden. Da ist langsamer manchmal schneller. Wir müssen lokalen und regionalen Bedürfnissen entgegenkommen und dabei zentrale Vorgaben umsetzen. Wir brauchen beides. Wir müssen schauen, was sich unterscheiden und was gleich sein muss. Wenn man da unterschiedlicher Meinung ist, muss man ein wenig streiten. Es geht um die möglichst optimale Lösung für die, die wir unterrichten. Da kann man sich fragen, ob es wichtig ist, dass sie die Namen aller Bäume kennen und diese an den Blättern erkennen oder ob es wichtiger ist, dass die Kinder auf diesen Klettern können. Sicherlich ist beides wichtig. Doch am Ende müssen wir die Kinder so vorbereiten, dass sie in der Welt in zehn Jahren, die wir heute noch gar nicht kennen, klarkommen. Die Welt verändert sich so schnell.

Was sind die größten Veränderungen?

Die technische Entwicklung macht auch vor Schulen nicht halt. Ich habe früher lernen müssen, wie ich an einer Tafel schreibe. Heute reden wir über digitale Medien im Unterricht, Lehrer müssen lernen, wie sie Whiteboards und Smartboards nutzen und strukturieren. Kinder und Jugendliche müssen lernen, mit den Medien umzugehen. Daran müssen wir uns messen lassen.

Apropos messen: Wie stehen Sie zum Thema Noten in Zeugnissen?

Mir ist es auch dabei ziemlich egal, ob es Noten oder Kompetenzraster sind. Die Frage dahinter ist doch: Wie erfahren Eltern und Kinder, was sie können. Was sagt denn der Satz „Hat diese Kompetenz erreicht“ aus? Das Thema Noten verfolgt mich seit 40 Jahren. Ich kann es nicht mehr hören. Wofür ist ein Zeugnis da? Ist es ein Rechts- oder ein Informationsinstrument? Man glaubt, dass man alles lesen kann, aber das ist nicht so. Mir würde auch reichen, wenn da „versetzt“ oder „aufgestiegen“ steht und alles andere in anderer Form passiert. Eine Feedbackkultur ist für mich das Wesentliche.

Welchen Herausforderungen muss sich Ihre Nachfolgerin stellen?

Bei der Schulaufsicht wird die zentrale Frage sein, wie sie koordiniert wird. Wird sie in Kiel zentral oder in der Fläche angesiedelt? Was rechtsübergreifend regional passieren muss, ist das Verbinden von Ressourcen. Wenn ich sehe, wer alles – auch ehrenamtlich – für Bildung kämpft, dann sehe ich die Notwendigkeit der Steuerung. Eine Firma macht sich Gedanken, was in fünf Jahren ist. Es wäre schlecht für Schule, wenn wir nicht vorausschauend arbeiten würden.

Überwiegt das lachende oder das weinende Auge?

Ich verlasse mein Büro ohne Angst, dass etwas Schlimmes passiert. Mit Frau Schuldt wird es gut weitergehen. Sie wird vielleicht einige Möbel umräumen, aber das ist normal. Wir treffen uns am Donnerstag für eine kleine Übergabe. Ich freue mich schon auf den Ruhestand. Ich werde das Leben genießen.

Welche Pläne haben Sie?

Keine! Ich will morgens aufstehen und überlegen, was ich tue. Wenn es eine Lücke gibt, werde ich sie bestimmt füllen. Mein Plan ist es, dass ich keinen Plan habe. Es es ist für mich wie Urlaub. Wenn ich einen Plan mache, was ich tun will, dann ist es Arbeit für mich. Ich habe einige Ideen, aber ich weiß nicht, ob ich diese im Januar auch noch habe.

Was werden Sie vermissen?

Die Menschen werde ich vermissen. Die Arbeit nicht. Ok, einen Großteil der Menschen, aber auf die Arbeit kann ich defintiv verzichten. Ich kann faul sein. Wenn auch vielleicht nicht ewig.

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