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Uetersen : Schuhmachermeister Uwe Husmann hat 3000 Paar Schuhe gefertigt

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

1962 schloss er seine Ausbildung ab – als einer der ersten Orthopädieschuhmachergesellen in Schleswig-Holstein.

Uetersen | „Ich bin nur widerwillig Schuhmacher geworden“, erinnert sich Uwe Husmann. Sein Weg war vorgegeben, denn Großvater Jürgen eröffnete 1888 die Schuhmacherei in Uetersen, in der er bis 1948 Schuhe fertigte. 1945 wurde auch sein Vater Arthur Schuhmachermeister und konzentrierte sich auf die Reparatur von Schuhen.

Doch Uwe Husmann hatte einen anderen Traum: Kunstmaler wollte er werden. „Das war für meine Eltern brotlose Kunst und ich sollte erst einmal einen vernünftigen Beruf erlernen“, erinnert sich der 70-Jährige. Er wählte das Naheliegende. 1962 schloss er seine Ausbildung ab – als einer der ersten Orthopädieschuhmachergesellen in Schleswig-Holstein. Bereut er seine Wahl? „Nein, ich bin nachher voll in meinem Beruf aufgegangen.“

Davon zeugt die ehemalige Werkstatt in der Sandstraße in Uetersen. Mehr als 700 Exponate stehen in den Regalen: Schuhe, Bücher, Humpen, Gläser, Schlüsselanhänger. Alles dreht sich um Schuhe. Und auch die Werkstatt sieht so aus, als ob Husmann direkt wieder an die Arbeit gehen könnte. Und manchmal macht es der ehemalige Obermeister der Schuhmacherinnung im Kreis Pinneberg auch noch. „Ich freue mich immer, wenn ich an die Maschinen darf“, sagt Husmann mit glänzenden Augen. Das macht er aber nur noch für enge Freunde, sich selbst oder Schulklassen und Besucher, die in sein kleines Museum kommen. Denn seit er 2008 in den Ruhestand ging, sammelt der rüstige Senior alles, was mit Schuhen zu tun hat.

Während Schuhe heute im Supermarkt oder Schuhgeschäft verkauft werden, wurden sie früher fast komplett handgefertigt. Wie anstrengend das war? „Schuhmacher bekamen Schwerstarbeiterzulage“, so Husmann. Die bekamen sonst nur Bergleute und Schwerstarbeiter. Maurer bekamen damals „nur“ die darunter eingestufte Schwerarbeiterzulage. „Wir hatten damals richtig Muskeln – in Beinen und Armen“, sagt Husmann, während er sich über den mittlerweile vorhandenen Bauch streicht. 

Das sei schon vor fast 650 Jahren so gewesen. Damals seien die Schuhmacher mit dem Deutschen Ritterorden in die Schlacht bei Rudau in Ostpreußen gezogen. „Wir hatten zwar keine Ahnung vom Reiten, hatten aber Kraft in den Schenkeln und waren es gewohnt, aufrecht zu sitzen“, berichtet Husmann über seine Zunft. Da der Schuhmachergeselle Hand Sagan in besagter Schlacht entscheidend zum Sieg beitrug, erhielt das Handwerk das Recht, für „ewige Zeiten“ den kaiserlichen Doppeladler als Wappen und Siegel zu führen. „Wir sind das einzige Handwerk, das das darf“, erklärt Husmann stolz während er einen Innungsstempel aus einem Regal angelt. Das Siegel aus dem Jahr 1738 trägt das Wappen und den Spruch „Das löbliche Schumacherambt des Flecken Ueterschen“. Husmann muss schmunzeln. „Rechtschreibung war damals wohl nicht unsere Stärke.“

Mehr als 3000 Paar Schuhe hat er in seinem Leben produziert. Dann kam 2008 das Ende des Unternehmens – nach 120 Jahren und einem Monat Geschichte. Weil sein Sohn kein Handwerker war, gab es keinen Nachfolger. „Ob es sich heute lohnt, wo die Orthopädie weggefallen ist, weiß ich gar nicht“, sagt Husmann. Ein handgemachtes Paar Schuhe koste heute 2500 bis 3000 Euro. Allein das Leder komme auf einen Materialwert von 500 Euro. „Es war ein furchtbares Gefühl, den Schlüssel umzudrehen“, sagt Husmann und stockt. „Ganz darüber hinweg bin ich heute noch nicht.“

Daher freue er sich über Besuch, dem er bereitwillig das aussterbende Handwerk erklärt. Und auch für die Malerei hat er einen Ersatz gefunden: die Fotografie. „Das mit dem Malen klappt nicht so. Ein Grobschmied kann auch keinen Pinsel schwingen“, sagt der 70-Jährige beim Blick auf seine Hände. Und seine Sammelleidenschaft lebt er aus. Seine Stücke findet er vor allem auf Flohmärkten. „Da hat man irgendwann ein Auge für.“

Eine Frage an den Experten: Warum häufen Frauen so massiv Schuhe an? „Das war schon immer so“, weiß Husmann. Auch seine Frau und die Freundin seines Sohnes hätten diese Angewohnheit. „Frauen haben schon immer schöne Schuhe gehabt“, sagt Husmann. Er selbst habe zehn Paar. Alle handgefertigt. Selbstverständlich. Und Husmann freut sich, wenn er kleine Macken entdeckt. Dann darf er wieder an seine Maschinen.

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erstellt am 18.Sep.2014 | 16:21 Uhr

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