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Im Kreis Pinneberg : Schüler enthüllen Skandal: Ist Adolf Hitler noch Ehrenbürger in Uetersen?

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Belege für die Aberkennung der Ehrenbürgerschaft Adolf Hitlers fehlen. Nun beschäftigt sich auch die Politik mit dem Thema.

shz.de von
erstellt am 11.Dez.2015 | 00:32 Uhr

Uetersen | Adolf Hitler ist bis heute Ehrenbürger der Stadt Uetersen (Kreis Pinneberg)? Das wäre ein Skandal – aufgedeckt von sieben Mittelstufenschülern des Ludwig-Meyn-Gymnasiums in Uetersen, die seit diesem Schuljahr die Oberstufe besuchen.

Adolf Hitler hat die Ehrenbürgerschaft in 4000 Städten erhalten. Einige Städte haben verstorbenen Machthabern die Ehrenbürgerschaft posthum wieder aberkannt. Das Vorgehen ist grundsätzlich umstritten. In Uetersen ist es dem Engagement der Schüler zu verdanken, dass sich dort nun auch die Politik mit dem Thema befasst.

Die Schüler konnten das Ergebnis ihrer Recherchen für ein Filmprojekt kaum fassen: Adolf Hitler ist anscheinend immer noch Ehrenbürger von Uetersen. Verliehen wurde ihm die Auszeichnung anlässlich der 700-Jahr-Feier und der Einweihung des Rosariums im Jahr 1934. Offenbar gilt sie bis heute – das Gegenteil kann zumindest keiner beweisen. Die Stadt nicht. Und sogar der Wissenschaftliche Dienst des Bundestags nicht. Zwar behauptet die Stadt, die Ehrenbürgerschaft sei Hitler 1945 vom Magistrat, der noch von den Engländern eingesetzt worden war, aberkannt worden, aber sie hat keine Belege dafür.

Um alle Zweifel auszuräumen, reagiert die Rosenstadt jetzt – und will Hitler die Auszeichnung entziehen. „Die Ratsversammlung wird am 15. Dezember die Aberkennung in einem aktuellen Votum bekräftigen und verdeutlichen“, teilten Bürgervorsteher Adolf Bergmann (CDU), die Fraktionsvorsitzenden sowie Bürgermeisterin Andrea Hansen (SPD) am gestrigen Donnerstag in einer gemeinsamen Erklärung mit. „Uetersen hat die Lehren aus NS-Diktatur, Krieg und Verfolgung gezogen: Rechtsextremismus und Rassismus wollen wir nicht in unserer schönen und weltoffenen Stadt.“ Alle Ratsversammlungen seit 1946 und auch der Wissenschaftliche Dienst des Bundestags seien davon ausgegangen, dass keine Ehrenbürgerschaft Hitlers mehr bestehe. Doch wo ist der Beleg?

„Der wissenschaftliche Dienst bezieht
sich ganz offensichtlich auch auf Wikipedia“

Sönke Zankel
Lehrer

Eineinhalb Jahre lang stellen die Jugendlichen Fragen, schreiben Briefe und durchforsten Dokumente. Ihre Ergebnisse veröffentlichten sie in einem Film auf der Video-Plattform Youtube. „Bis heute ist kein Dokument aufgetaucht, welches die Aberkennung belegt“, heißt es darin. „Das finden wir sehr erstaunlich, da es eigentlich nicht sein kann, dass ein solch wichtiges Dokument nicht mehr vorliegt.“ Die Stadt habe sich um die Aufarbeitung der NS-Zeit bisher kaum gekümmert, sie sei hauptsächlich vonseiten der Schule erfolgt, sagt der verantwortliche Lehrer Sönke Zankel.

Den Recherchen der Schüler zufolge wurde dem ehemaligen Reichskanzler die Auszeichnung nie aberkannt. Zumindest gibt es keinen Beleg dafür. Das bestätigt auch Uetersens Bürgermeisterin Andrea Hansen. In einer Antwort auf eine Anfrage der Schüler schreibt sie: „Die Amtsleiterin des Bürgerservice in Uetersen hat mir mitgeteilt, dass Hitler die Ehrenbürgerschaft vom Magistrat, der noch von den Engländern eingesetzt wurde, aberkannt wurde. Leider liegt schriftlich dazu nichts vor.“ Die Schüler geben sich damit nicht zufrieden, sie graben weiter, wenden sich an Bürgervorsteher Adolf Bergmann. Der zieht als „Beleg“ einen Wikipedia-Artikel heran. In der freien Enzyklopädie steht tatsächlich, dass die Ehrenbürgerschaft nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs vom provisorischen Stadtrat aberkannt wurde. Laut Bergmann solle das in zwei handgeschriebenen Büchern des Magistrats stehen. „Man müsste sie nur finden“, sagt er im Film, den die Schüler auf der Video-Plattform Youtube veröffentlicht haben.


Quelle: UetersenTV und MeynungsfreiheitTV

Wikipedia als Beleg? Die Schüler machen den Autor des Interneteintrags ausfindig. Auch er kann keine Beweise für seine Aussagen vorlegen. Hansen wendet sich in der Zwischenzeit an Bundestagspräsident Professor Dr. Norbert Lammert (CDU). Zurück kommt ein Gutachten des wissenschaftlichen Dienstes des Bundestags. Auch er bestätigt die Aberkennung – aber wieder ohne Quelle. Auf Nachfrage verweist er auf das Stadtarchiv Uetersen. Doch das existiert nicht. Pikant: „Der wissenschaftliche Dienst bezieht sich ganz offensichtlich auch auf Wikipedia, denn woanders lässt sich diese These nicht finden“, sagt Lehrer Sönke Zankel, der das Schülerprojekt betreut. Auf die Frage, ob eine Ehrenbürgerschaft mit dem Tod endet, erhalten die Schüler widersprüchliche Antworten – sowohl vom wissenschaftlichen Dienst als auch von der Staatskanzlei Schleswig-Holstein.

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