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Gymnasiums Schenefeld : Schüler befragen NS-Zeitzeugen

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Der Wedeler Harry Pahl berichtet der Klasse 9a des Gymnasiums Schenefeld über sein Leben im Nationalsozialismus.

shz.de von
erstellt am 23.Dez.2013 | 12:00 Uhr

Der Wedeler Harry Pahl war im Jahr 1939 dreizehn Jahre alt. „So alt ungefähr wie ihr heute“, wendet sich der 86-Jährige an die 22 Schüler der Klasse 9 a des Gymnasium Schenefeld. Mit prägnanten Details schafft es der NS-Zeitzeuge, die Ereignisse aus der damaligen Zeit – ohne Fotos und Bildmaterial – äußerst lebendig zu schildern.

1939 spielte er mit Klassenkameraden auf dem Schulhof mit zerknitterten Papierbällen. Daneben standen Jungen, die weinten. „Warum weint ihr, fragten wir“, erinnert sich Pahl. Die Kinder antworteten Unfassbares: „Heute Nacht sind die Geschäfte unserer Väter eingeschlagen worden. Es wurde Feuer gelegt und Männer haben unsere Eltern abgeholt.“ Am nächsten Tag waren auch die Jungen spurlos verschwunden. Der in Blankenese und Rissen aufgewachsene Pahl sorgte mit seinen Schilderungen aus dem düsteren Kapitel der deutschen Vergangenheit für betroffene Gesichter und beeindruckte die Jugendlichen sichtlich.

Doch er beschränkte sich nicht nur auf historische Details wie von der Pogromnacht 1938, als brandschatzenden Schlägertrupps Juden in der Nacht vom 9. auf den 10. November endgültig zu Freiwild im eigenen Land machten. Vielmehr ging es Pahl auch darum, die Erlebnisse in den geschichtlichen Zusammenhang zu setzen und die Verhältnisse zu beleuchten, die die Menschen prägten. „Die Schüler an unserer Schule hatten untereinander praktisch gar keinen richtigen Kontakt“, erinnert er sich. Insgesamt sei die Atmosphäre „sehr anonym“ gewesen.

Der gelernte Vermessungstechniker bereicherte den Unterricht mit weiteren Erzählungen. So berichtete er von Einsätzen als 13-Jähriger bei Fliegerangriffen, wo er Babys in Sicherheit brachte und den Keller mit Säcken vor zu befürchtenden Gasangriffen sicherte. Doch auch das Zusehen bei Folterungen, Hinrichtungen und seine Erfahrungen in russischer Kriegsgefangenschaft sind Bestandteile von Pahls Biografie.

Während seiner Erzählungen kam Pahl immer wieder auf ein Anliegen zurück: „Lasst Euch nicht von Rattenfängern einfangen, egal ob Sekte oder rechtsextreme Partei“, so der 87-Jährige. Darüber hinaus wehrte er sich auch dagegen, dass man seine „Generation unreflektiert verurteilt“. „Es gab kein Telefon, kein Fernsehen“, so der Wedeler. Einige „mehr wissende Menschen“ fürchteten um ihr Leben.

Pahl dankte den Jugendlichen für ihre Aufmerksamkeit. „Ich freue mich unheimlich, wie ihr zuhört.“ Auch bei den Schülern kam der Geschichtsunterricht sehr gut an. „Es war spannend, was Herr Pahl erzählt hat“, bilanzierte Celina (14) wie viele ihrer Mitschüler.

Die Jugendlichen interviewten Pahl zu den Komplexen „Alltagsleben“, „Erinnern, Wissen und Medien“ sowie „Leben und Überleben“. Deutschlehrerin Nicola Anderson hatte im Wedel-Schulauer-Tageblatt vom Unterricht am Rist-Gymnasium erfahren: „Nachdem meine Schüler auch sofort Interesse signalisierten, habe ich mich mit Harry Pahl in Verbindung gesetzt.“ Den Zeitzeugen-Unterricht veranstaltete sie gemeinsam mit Kollegen im Zuge eines Projektes. Weitere Programmpunkte waren der Besuch eines jüdischen Theaterstücks an der Karolinenstraße, die Lesung von Max Frischs Drama „Andorra“ sowie weitere Einheiten im Geschichtsunterricht.

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