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Pinneberger Tageblatt

21. Oktober 2017 | 22:26 Uhr

Bönningstedt : Schöne Haare dank Birkenwasser

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Produkte von „Dr. Dralle“ wurden in Bönningstedt hergestellt.

shz.de von
erstellt am 07.Okt.2014 | 16:15 Uhr

Bönningstedt | Es verhindert Haarausfall und Schuppenbildung, stärkt den Haarwuchs und belebt die Nerven – zumindest, wenn der Werbung für „Birkin“-Haarwasser Glauben geschenkt werden darf. Viele Jahre lang waren es Birken aus Bönningstedt, die die Basiszutat für das Haarwasser lieferten: frisch gezapftes Birkenwasser.

Der Fund mehrerer Original-Flaschen auf dem Dachboden des Bönningstedter Osterhofs von Karsten Blohm ließ die Geschichte der Firma für den Heimatverein wieder lebendig werden und brachte einen Stein ins Rollen: Nicht nur der Heimatverein beschäftigt sich mit der Firmengeschichte, auch Hobby-Historiker Norbert Murr war interessiert daran, nähere Details von den früheren Besitzern zu erfahren.

Duvigneau lud daraufhin die Brüder Jörg und Rolf Breckwoldt ins Alte Rektorhaus ein. Gemeinsam mit ihrem Bruder Frank waren Jörg und Rolf Breckwoldt die letzten Geschäftsführer der damals sehr erfolgreichen Firma. Seifen, Parfüm und zahlreiche andere kosmetische Produkte waren in fast jedem Badezimmer zu finden.

Detailliert erklärte Jörg Breckwoldt, wie das Birkenwasser gewonnen wurde: In die Bäume wurden vier Zentimeter tiefe Löcher gebohrt, in die Ablaufrinnen eingesetzt wurden. Ein kleines Metalldach über dieser Rinne diente als Wetterschutz. Aus einer Birke wurden pro Tag drei bis zehn Liter Birkensaft gewonnen. „Es kam ganz auf die Größe der Birken an“, sagte Jörg Breckwoldt. Erst wenn nach drei bis vier Wochen der Saft trüb und milchig wurde, war die Zapfzeit offiziell beendet.

An die damalige Zeit kann sich die Bönningstedterin Lotti Dreier noch gut erinnern. Einige Jahre zapfte sie mit zwei weiteren Frauen in der Nähe des Wulfsmühlenwegs in Winzeldorf. „Wir mussten meistens über Ostern arbeiten. Da war die richtige Zeit zum Zapfen gekommen“, erinnert sich Dreier. Jörg Breckwoldt bestätigt, dass der genaue Zeitpunkt das A und O waren. „Wir haben zwischendurch sogar Probebohrungen gemacht, um zu wissen, wann die Birken soweit sind“, berichtet der Unternehmer.

Wie aber kamen die Flaschen auf den Dachboden des Osterhofs? „Die Frauen, die für das Zapfen zuständig waren, arbeiteten nicht direkt für Dr. Dralle sondern für Karsten Blohms Vater Henry. Die Flaschen mit dem abgezapften Saft wurden nach der getanen Arbeit bei Blohm zwischengelagert“, erklärt Jörg Breckwoldt. Dort standen einige Exemplare jahrzehntelang – bis Blohm sie dort entdeckte. „Wir freuen uns sehr, dass Karsten Blohm die alten Flaschen dem Heimatverein zur Verfügung gestellt hat“, sagt Duvigneau.

Auch zahlreiche Fotos der „Zapfanlagen“ sind im Besitz des Heimatvereins. Bis 1975 wurde der Saft in Bönningstedt gewonnen. „Durch unsere Exporterweiterung brauchten wir mehr Bäume“, erklärte Rolf Breckwoldt. Neu Anpflanzen kam für die Brüder dabei nicht in Frage. „Das hätte viel zu lange gedauert, bis die Birken gewachsen wären“, so Jörg Breckwoldt. Zwar blieb die Firma in Hamburg und Umgebung, jedoch wurde daraufhin in Plön der Birkensaft gezapft. 1991 mussten die Brüder das Unternehmen verkaufen. „Ein großes Problem war die Konkurrenz, die alles billiger angeboten hat“, sagte Rolf Breckwoldt. „Aber man soll doch schließlich aufhören, wenn es die Zeit am schönsten ist und genau so haben wir es gemacht.“

Mit einem Vortrag unter dem Motto „Bönningstedt anno dunnemals“ erinnern Murr und Joachim Czolbe vom Heimatverein am Donnerstag, 9. Oktober, an Dr. Dralle und andere bekannte Firmen, die einst in Bönningstedt ansässig waren. Beginn im Kulturzentrum (Kieler Straße 122) ist um 17 Uhr. Der Eintritt ist frei.

1852 wurde das Unternehmen „Dr. Dralle“ von Georg Dralle gegründet. 1854 wurden die ersten Seifen hergestellt. 1888 siedelte das Unternehmen nach Altona um. 1965 wurde zum 75. Mal in Bönningstedt der Birkensaft abgezapft. 1972 übernehmen die Brüder Frank, Jörg und Rolf Breckwoldt die Firma. 1991 verkaufen sie an den französischen Kosmetikkonzern „L’Oréal“. Das Hamburger Werk wird kurz darauf geschlossen.
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