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Holger Hoffmann aus Tornesch : Schlüsselerlebnisse aus 25 Jahren

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Holger Hoffmann ist für den Schlüsseldienst Tornesch tätig. An sieben Tagen in der Woche ist er rund um die Uhr erreichbar.

Tornesch | Wer bei Holger Hoffmann anruft, muss selten bis zum dritten Klingeln warten. Höchstens nachts. Aber selbst dann steht der 49-Jährige kurze Zeit später sprichwörtlich senkrecht im Bett und fährt umgehend dahin, wo sich jemand ausgesperrt hat. Seit 25 Jahren öffnet der Tornescher Haus- und Wohnungstüren, rund um die Uhr, sieben Wochen Urlaub hat er sich in dieser Zeit gegönnt. „Ich habe das Telefon Tag und Nacht bei mir. Entweder man kann diesen Job machen oder nicht.“

Hoffmann kann – und will. „Bis zu meinem Lebensende“, sagt er. „Ich habe noch keinen Job gehabt, der mir so viel Spaß macht.“

Dafür nimmt er viel in Kauf. „Es gibt Momente, in denen außer mir nur sehr wenige Menschen ans Telefon gehen: beim Sex, unter der Dusche, auf der Toilette – ja, selbst da noch“, zählt Hoffmann auf. Essen im Restaurant stehen lassen, Familienfeiern verlassen und Geburtstage von Freunden versäumen – gehört alles zu Hoffmanns Alltag. In manchen Entbehrungen stecken aber auch die lohnenswerten Begebenheiten seines Jobs. „Wenn man an Heiligabend spontan zum Essen eingeladen wird, weil man eh schon mal da ist. Oder wenn der Kunde eine Flasche Schampus aufmacht, um mit mir die Geburt meiner jüngsten Tochter zu feiern.“

Dies und die Erleichterung der Kunden darüber, wieder in die eigenen vier Wände zurückkehren zu können, rücken die Unannehmlichkeiten in den Hintergrund. Nachts raus müssen, Privates hintenanstellen – bis zu einem gewissen Grad kalkulierbar, Gewohnheitssache. Nicht so einfach verdrängen lassen sich Leichenfunde. 60 bis 80 hat Hoffmann nach eigener Schätzung in den zweieinhalb Jahrzehnten seiner Tätigkeit miterlebt, wenn die Polizei ihn in Verdachtsfällen mit richterlichem Beschluss zum Einsatz rief. „Von der seelischen Belastung her war das Schlimmste, was ich erlebt habe, eine 21-Jährige, die sich erhängt hat“, erinnert sich Hoffmann, selbst Vater dreier Kinder, und fügt an: „Das sind Dinge, die nicht viele Leute sehen.“

Er beschreibt weitere Erlebnisse, die „selbst Freunde und Bekannte rätseln lassen, ob das noch halbwegs richtig ist“. Und die manche Menschen wohl nur mit psychologischer Behandlung verarbeiten könnten. „Im Alter von 23 Jahren einen Toten zu sehen, ist nicht einfach. Aber man gewöhnt sich daran, wie jeder Polizist auch. Das Reden darüber ist der richtige Umgang damit.“

Den hat sich Hoffmann in all den Jahren erworben. Eher per Zufall kam der in Hamburg-St. Georg aufgewachsene Hüne zu seinem heutigen Beruf. „Ich habe damals im Hafen gearbeitet , als ein Bekannter von mir Ersatz gesucht hat.“ Schnell machte er sich in Hamburg selbstständig, beschäftigte zeit-weilig sechs Mitarbeiter.

Seit nunmehr 22 Jahren ist Hoffmann mit dem Schlüsseldienst Tornesch in der Ahrenloher Straße 16 angesiedelt. Inhaberin des Ladens ist Christine Höltig, gelernte Graveurin. Zusammen bieten sie außer dem Schlüssel- und dem Schlüsselnotdienst auch Gravuren, Pokale, Medaillen, Stempel, Umzüge und Entrümpelungen an.

Transparenz bei Preisen und verbindliche Absprachen mit den Kunden sind für Hoffmann oberste Maximen: Für die Einsatzpauschale mit Türöffnung zwischen 7 und 18 Uhr gibt es einen Fixpreis, für nachts und am Wochenende ebenso.

Was darüber hinausgeht – beispielsweise weil ein Schließzylinder oder eine ganze Schließanlage auszutauschen ist – bespricht er offen mit seinen Kunden. „Ich suche immer den günstigsten Weg. Das gehört zu meiner Berufsehre. Es gibt Schlüsseldienste, denen ist das vollkommen egal. Aber so etwas macht man nicht.“

Hoffmann baut auf das Verständnis der Kunden: „Die Leute müssen sich bewusst machen, dass es nicht möglich ist, nachts um eins eine Tür für 49 Euro zu öffnen. Wenn ich meine 12, 13, 14 Stunden rum habe, dann möchte ich auch besser bezahlt werden. Es geht um den Wert der Arbeit.“

Die schwarzen Schafe, wie jüngst von der Verbraucherzentrale bestätigt, gefährden den Ruf seriöser Unternehmen. „In diesem Job gibt es Betrüger, wie in jedem anderen Gewerbe auch“, sagt Hoffmann. Um die Spreu vom Weizen zu trennen, „müssten Schlüsselnotdienstler eine Prüfung machen und ein Zertifikat von der Handwerkskammer bekommen“, schlägt er vor. „Das wird sicher nicht alles aus der Grauzone holen. Aber wenn dann irgendwelche Unternehmen nachweislich Mist bauen, kann man ihnen dieses Zertifikat wieder abnehmen.“

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