Verkehrschaos : Schleichen durch Appen: Ein Pendlertag im Selbstversuch

Mühsam schiebt sich die Blechkolonne nach vorn – und kostet so manch einem Autofahrer die Nerven.
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Mühsam schiebt sich die Blechkolonne nach vorn – und kostet so manch einem Autofahrer die Nerven.

Die Landesstraße 105 ist gesperrt – und Appen wird zur Engstelle. Wir haben uns selbst in den Stau-Wahnsinn eingereiht.

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12. Mai 2018, 13:00 Uhr

Appen | Der Weg ins Chaos beginnt in einer Nebenstraße in Appen, kurz vor 8 Uhr. Es ist ruhig. Die Vögel zwitschern. Doch leise hört man schon den Lärm der Hauptstraße. Das Ziel: der Bahnhof in Pinneberg. Also los, ab ins Auto und rein in den Berufsverkehr. Der ist normalerweise so gut wie jeder andere im Kreis Pinneberg – oder so schlecht, je nachdem wie man das sehen will.

Doch seit dem 23. April ist gar nichts mehr normal. Seit etwas mehr als zwei Wochen staut sich der Verkehr durch Appen kilometerlang. Das liegt daran, dass der Landesbetrieb Straßenbau und Verkehr Schleswig-Holstein (LBV) entschieden hat, die Landesstraße 105 Richtung Wedel für drei Monate wegen Bauarbeiten komplett zu sperren. Eine Hauptverkehrsader im Kreis Pinneberg – täglich laut LBV von etwa 11 000 Fahrzeugen befahren – für zwölf Wochen nicht passierbar. Wer von Wedel, der Geest oder der Marsch aus nach Pinneberg oder Hamburg will, muss sich einen anderen Weg suchen – und der führt oft zwangsläufig durch die knapp 5000-Einwohner-Gemeinde Appen. Da quälen sich allerdings auch Autofahrer aus Uetersen und Moorrege durch.

Pendlern und Einwohnern reißt jetzt schon die Hutschnur, wie emotional verfasste Beiträge in den sozialen Medien deutlich machen. Manch einer will mit einer Straßenblockade ein Zeichen setzen. Wieder andere lassen ihren Frust virtuell-verbal an der Landes- und Kommunalpolitik aus.

Zurück im Auto. Es geht an der örtlichen Grundschule vorbei, den Blinker links gesetzt, um in Richtung Pinneberg abzubiegen. Dort wartet die erste große Hürde: die rechte Fahrbahn ist dicht. Nichts geht. Irgendwo in eine Lücke einreihen? Keine Chance. Wenn doch bloß mal jemand die Bedarfsampel drücken würde. Ein älterer Herr mit Hund erbarmt sich – nach knapp fünf Minuten Warten.

15 Minuten für einen Kilometer

Zwischen Familienkutsche und Kleinwagen eingequetscht geht es auf der Hauptstraße weiter, der Sonne und der Kreisstadt entgegen – war doch bisher gar nicht so schlimm. Doch schnell wird klar: in den zweiten Gang braucht man gar nicht erst hochschalten. Anfahren, Bremsen. Anfahren, Bremsen. Dann ein kurzes Hochgefühl: da geht was! Doch nicht. . . wieder bremsen.

Das geht gut und gern 15  Minuten so – für eine Strecke von etwa einem Kilometer. Normalerweise hält einen an dieser Stelle mal ein Bus, die Müllabfuhr oder ein Trecker kurz auf. Die Blechkarawane zieht weiter – zumindest versucht sie es. Einige Autofahrer verlieren die Nerven, suchen eine Abkürzung über die Nebenstraßen.

Der Blick geht aus dem Fenster. Ist ja genügend Zeit, um mal über gewisse Dinge nachzudenken. Was, wenn man unter Zeit- und Termindruck steht? Soll man dann direkt zwei Stunden früher losfahren, um sich diesem „Staumonster“ zu entziehen? Wie kommen eigentlich die Kinder aus Appen-Etz zur Schule, wenn ihr Schulbus nicht fährt und vielleicht das Fahrrad kaputt ist – die drei Kilometer zu Fuß gehen? Und wer hat sich das eigentlich ausgedacht, die Wedeler Chaussee zu sperren, wenn zur selben Zeit in Prisdorf diverse Bauarbeiten zu einem ähnlichen Verkehrschaos führen?

Der LBV erklärt sich auf Nachfrage unserer Zeitung: „Die Straßen im Kreis Pinneberg sind schlecht, gut 25 Jahre alt und müssen zwangsläufig saniert werden.“ Laut der Pressestelle des LBV lädt die Verkehrsaufsicht des Kreises Pinneberg einmal im Jahr zu einem Koordinierungsgespräch ein. Mit dabei: die Baudienststellen wie der LBV und Baulastträger wie die Amtsverwaltungen der Gemeinden. Im Vorfeld seien die Vorbereitungen für die Sanierung der L 105 standardmäßig mit Behörden und Institutionen abgesprochen worden. 

Schneller mit dem Fahrrad


Langsam, ganz langsam geht es voran. Fahrradfahrer ziehen an den stehenden Autos vorbei – eine deutlich bessere Wahl der Fortbewegung. Selbst Fußgänger sind hier schneller unterwegs. Die Kolonne ist mittlerweile auf der Höhe des Golfparks Weidenhof angekommen – und das nach geschlagenen 30  Minuten. Zum Bahnhof Pinneberg sind es immer noch etwa 2,5 Kilometer, nach Thesdorf knapp vier Kilometer. Für viele Pendler vermutlich das Ziel ihres Arbeitsweges. Ein Großteil biegt rechts Richtung Westring ab. Wer nach Hamburg will, nutzt hier die Landesstraße Schenefeld-Elmshorn, anstatt sich durch Pinneberg zu quälen. Doch die Ampelschaltung ist eine Katastrophe. Die Grünphasen sind schrecklich kurz. Kaum pennt mal einer in vorderster Front, schaffen es gerade einmal vier, fünf Autos über die Kreuzung. Für den Rest gilt: anfahren, bremsen, warten.

Es geht weiter durch die Mühlenstraße. Gut, die ist bei normalem Berufsverkehr schon immer ein Grund zum spontanen Wutausbruch hinter dem Lenkrad. Das dürfte an der Ampelschaltung an der Kreuzung zur Hans-Hermann-Kath-Brücke / Saarlandstraße liegen. Auch dort sind die Phasen zu kurz. Weitere Fahrzeuge, die von Nebenstraßen auf die Mühlenstraße drängen, machen die Sache nicht besser.

Der Landesbetrieb Straßenbau und Verkehr Schleswig-Holstein (LBV) erneuert die Fahrbahn der L105 und den Radweg der Wedeler Chaussee vom Kreisverkehr in Pinneberg bis einschließlich zum Kreisverkehr Appen-Etz K15 seit dem 23. April bis voraussichtlich zum 16. Juli. Aus Gründen der Verkehrssicherheit, des Arbeitsschutzes und der Bauqualität können die Bauarbeiten laut LBV nur ausgeführt werden, wenn der Bereich gesperrt ist. Insgesamt erstrecken sich die vier Bauabschnitte über eine Länge von 2,7 Kilometer. Im Wesentlichen werden die kaputten Asphaltschichten der Fahrbahn abgefräst und wieder neu eingebaut.

Dann, endlich, nach etwas mehr als 45 Minuten, kommt der Pinneberger Bahnhof in Sicht. Eine Dreiviertelstunde Fahrzeit für eine Strecke von knapp fünf Kilometern. Für Berufstätige ein Albtraum. Später am Tag zeigt sich im abendlichen Berufsverkehr ein ähnliches Bild. Wer hier rechtzeitig in Uetersen, Wedel oder Moorrege sein will, sollte einen Puffer von bis zu einer Stunde einplanen. Dieser Zustand soll die kommenden drei Monate andauern?

In den sozialen Netzwerken werden vor allem die Gemeindevertreter an den Pranger gestellt. Gerade im Hinblick auf die Kommunalwahl hätten diese doch ein Zeichen setzen und ihre Stimme bei all dem Chaos erheben müssen. Doch Bau- und Sanierungsarbeiten von Straßen sind Kreis- und Landesaufgabe, da haben die Bürgermeister und Lokalpolitiker relativ wenig mitzureden.

Umwelt und Nerven schonen


Eins bleibt nach der Testfahrt durch den Berufsverkehr festzuhalten: Für Pendler und Anwohner werden die nächsten Wochen und Monate zur Geduldsprobe. Wer kann, sollte vielleicht besser mit dem Fahrrad fahren. Schont ja auch irgendwo die Umwelt – und eventuell auch die Nerven des einen oder anderen.
 

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