Hinter den Kulissen in Fuhlsbüttel : Schildkröten in der Unterwäsche

Zollobersekretär Malte Petersen hat einen jungen Mann aus St. Petersburg „herausgefischt“, weil er aus einem sogenannten „Drittland“, also nicht aus der EU stammt.
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Zollobersekretär Malte Petersen hat einen jungen Mann aus St. Petersburg „herausgefischt“, weil er aus einem sogenannten „Drittland“, also nicht aus der EU stammt.

Seltene Tiere, Gold und stangenweise Zigaretten: Am Hamburger Airport legt der Zoll regelmäßig dreisten Schmugglern das Handwerk. Unser Mitarbeiter Michael Witt hat ihnen dabei über die Schulter geschaut.

shz.de von
10. November 2013, 17:59 Uhr

Wer die Beamten hinter der Gepäckausgabe sieht, wie sie scheinbar gelangweilt am Hamburger Flughafen dastehen, vorgeblich ziellos in die Halle blicken, sich unterhalten, und deshalb glaubt, leicht an ihnen vorbei zu kommen, täuscht sich.

Die Zöllner – teilweise mit mehr als 30 Jahren Erfahrung – haben alles im Blick: Den Mann, der schwitzt, obwohl die Luft am Gepäckband durch die Klimaanlage ausgesprochen kühl um die Stirn streicht, die Frau, die nervös von einem Bein auf das andere tippelt und der junge Alleinreisende mit den fünf Koffern.

„Es gibt eine ganze Menge von Hinweisen, auf die wir reagieren, dafür entwickelt man eine Nase und einen Blick“, sagt Jürgen Schulz (57), Zollamtsrat und Leiter der 100 Mitarbeiter starken Kontrolleinheit in Hamburg-Fuhlsbüttel, die rund um die Uhr an der Gepäckausgabe des Airports im Schicht-Einsatz ist. Hinzu kommen noch 60 Kollegen, die in den Frachthallen mit dem Flugzeug transportierte Waren abfertigen.

Am wenigsten können Schulz und seine Kollegen wie beispielsweise Axel Salomon, der sich jetzt gerade an der Absperrung mit seinem Chef über das Vorgehen in der kommenden Stunde bespricht, verstehen, wie Leute „für ein paar Cent“ – so betont es Salomon – unter Umständen sogar eine Vorstrafe riskieren. Salomon: „Wir hatten gerade einen Passagier, der führte außer ein paar Unterhosen 60 000 Zigaretten mit sich, also 300 Stangen. Unangemeldet.“ Was, wie Salomon aufklärt, der vielfachen Menge der erlaubten 800 Stück entspricht – innerhalb der EU jedenfalls.

Falken für eine Million Euro

Auch über den Mann, der versucht hatte, einen wertvollen Falken aus dem Jemen an den Zöllnern vorbei nach Hamburg zu bringen, um ihn weiter nach Dänemark zu transportieren, herrscht allgemeines Kopfschütteln. Schulz: „Das Tier saß völlig verängstigt und erschöpft in einer Box in einem ganz normalen Koffer, verschlossen und ohne ein einziges Luftloch.“ Welche Strafe ihn ereilte, entzieht sich der Kenntnis des Zollamtsrates: „Wir leiten lediglich ein förmliches Strafverfahren ein, was daraus wird, erfahren wir manchmal, meist aber nicht.“ Der Schmuggel ist jedenfalls kein Kavaliersdelikt.

In den Frachthallen hatte man kürzlich ein Paar weiße Falken gefunden– Stückpreis: eine halbe Million Euro. Dem täglichen Büßer, der es nicht lassen kann, „zum persönlichen Verbrauch“ zwei statt des erlaubten einen Liter Hochprozentigem in den noch feuchten T-Shirts und Badesachen zu verstecken, droht eher Harmloses, eine „Abgabe der besonderen Art“, wie Schulz sie nennt. „Ein Zuschlag in Höhe der normalen Abgaben, der daran erinnern soll, dass er es nicht nochmal macht.“

Am häufigsten versuchen die Fluggäste Zigaretten und Goldschmuck illegal durch den Zoll zu bringen. Insgesamt 2400 Verstöße registrierten die Beamten in 2012, darunter wegen Transports von Rauschgift, Waffen oder Arzneimitteln – täglich zirka sieben Mal wird man in Hamburg-Fuhlsbüttel fündig.

Auch bei dem jungen Mann aus St. Petersburg, der zweitgrößten Stadt Russlands? Da er aus einem sogenannten „Drittland“, das nicht zur EU gehört, einflog, gehört er zu denen, die häufiger in den Untersuchungsraum hinter der auf den Fußboden aufgeklebten roten Linie gebeten werden. Seine Drittland-Herkunft haben die grüngekleideten Kontrolleure an der weißen Kofferbanderole erkannt, EU-Reisende bekommen eine mit einer grünen Umrandung. „Es gibt ganz Schlaue, die reißen das weiße Klebeband ab“, merkt Schulz an, „die fischen wir dann natürlich erst recht raus.“

Auf Englisch bittet Zollsekretär Malte Petersen jetzt den Russen, seinen Koffer zu öffnen. Im Hintergrund wacht Kollege Salomon mit geöffnetem Pistolen-Holster über die Szene. Man weiß nie. Doch es findet sich nichts. Zu Handgreiflichkeiten komme es allerdings sehr selten, einen Schusswechsel gar habe es noch nie gegeben, sagt Schulz. Und er könne es zudem sehr gut verstehen, wenn ein Urlaubsreisender aus der Türkei um drei Uhr morgens aufgestanden ist und um sieben zur Kontrolle gebeten wird, dass der dann laut wird. Schulz: „Doch wenn das die Kollegen in den hinteren Räumen hören, sieht sich der Randalierer schnell fünf, sechs Beamten gegenüber und beruhigt sich innerhalb von fünf Minuten.“ Trotzdem: Verbale Auseinandersetzungen seien an der Tagesordnung.

Dass heute, in Zeiten des Artensterbens, beispielsweise versucht wird, in Cowboystiefeln einzureisen, die aus dem Leder einer aussterbenden Gattung gefertigt wurden, kann Schulz allerdings nicht verstehen. Ebenso wenig, dass sich in schmutziger Unterwäsche Landschildkröten finden.

Generell könne er daher nur appelieren: „Lasst die Sachen in dem Land, in dem ihr wart – da gehören sie nämlich hin.“ Das gelte sogar für die Muschel, die man in Thailand am Strand aufgesammelt hat. Auch die könnte nämlich unter das Washingtoner Artenschutzabkommen fallen.

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