Reale Dialoge : Schauspielkollektiv zeigt „Der Kick“ im Schenefelder Forum

Gosta Liptow (vorn) und Andreas Püst schlüpften in verschiedene Rollen.

Gosta Liptow (vorn) und Andreas Püst schlüpften in verschiedene Rollen.

Aufführung in der Gemeinschaftsschule. Stück behandelt den Mord an Marinus im Jahr 2002 in Potzlow bei Berlin.

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17. April 2018, 13:15 Uhr

Schenefeld | Zuerst schlagen und demütigen sie ihn. Am Ende muss der 16-jährige Marinus Schöberl sich hinknien, in die Kante eines Schweinetrogs beißen. Dann tritt der 17-jährige Marcel S. mit Springerstiefeln auf seinen Kopf ein. Als das Opfer noch nicht tot ist, erschlägt der Täter ihn mit einem Stein. Gemeinsam mit seinem Bruder Marco S. (23) und Sebastian F. (17) versenken sie die Leiche in einer Jauchegrube. Mit diesem schweren Stoff haben sich gestern die Schüler der Gemeinschaftsschule auseinandergesetzt. Das Schauspielkollektiv Lüneburg inszenierte das Theaterstück „Der Kick“ von Andres Veiel und Gesine Schmidt, das den Mord an Marinus im Jahr 2002 in dem Dorf Potzlow bei Berlin schildert.

Das Besondere: Nicht nur der Mord, auch alle vorgetragenen Dialoge sind real. Sie stammen aus den Protokollen von Staatsanwaltschaft und Polizei sowie Interviews eines Dokumentarfilmers. „Wir wollten ihn doch nur quälen, ärgern. Wir wollten ihn nicht umbringen. Das hat sich so aus der Situation ergeben“, sagt der Mittäter Marco S. Erschütternd detailliert wird in „Der Kick“ der Hergang des ideologisch motivierten Mordes beschrieben. Vom Saufgelage, über erste Schläge, bis hin zur völligen Eskalation. Die Täter gehören der rechtsradikalen Szene an. Sie reden zunächst auf Marinus ein. Fordern: „Sag, dass du Jude bist.“ Zwar gehört das Opfer gar nicht dem jüdischen Glauben an. Aber als er dies dennoch zugibt, hat er sein Todesurteil gesprochen.

Das Theaterstück besteht nur aus Dialogen und Monologen, zitiert aus dem Prozess und dem Umfeld der Täter. Deutlich wird, wie wenig ernst die Dorfbewohner die steigende Gewaltbereitschaft und das Abrutschen in die rechte Szene genommen haben. Andreas Püst, Esther Barth und Gosta Liptow schlüpfen immer wieder in neue Rollen und kreieren mit ihrem Spiel eine bedrückende Atmosphäre.

Besonders an dem Fall, der die Bundesrepublik schockierte, ist auch die mangelnde Zivilcourage nach der Tat. Obwohl Marcel sich vor mehreren Personen mit dem Mord brüstet und sogar Dorfbewohner zu der Leiche führt, passiert nichts. Niemand geht zur Polizei. Erst nach vier Monaten erfahren die Beamten davon.

Emelie (von links), Natascha und Sophie hat das Stück gefallen.
Tanja Plock
Emelie (von links), Natascha und Sophie hat das Stück gefallen.
 

Nach der Darbietung wird das Gesehene in Gruppen aufgearbeitet. Die Acht- und Neuntklässler nennen Perspektivlosigkeit, Gruppenzwang und Alkohol als Gründe. Gewalt-Eskapaden wie diese seien jedoch generell überall möglich, sagt ein Schüler. Co-Regisseurin Julia von Thoen spricht auch die mangelnde Zivilcourage nach der Tat an. Bereits wenn jemand „blöde, rassistische Witze mach“, sei jeder gefordert, dem etwas entgegen zusetzen.

Für die Schüler war die Thematik schwer zu verdauen. Eine Gruppe herumalbender Jungs wurde kurzerhand auf den Flur beordert. Durch das reduzierte Spiel fiel es einigen Jugendlichen schwer, sich auf das Stück einzulassen. Das gibt auch die 14-jährige Emelie hinterher zu. „Ich fand’s ganz okay“, sagt sie. Ihre Mitschülerinnen Natascha und Sophie (beide 14) nicken. „Ich fand es traurig, dass Menschen so etwas tun“, fügte Sophie hinzu. Einig waren sie sich aber darin, dass das Thema wichtig ist, und dem ein Forum geboten werden sollte.

Die aktuelle politische Situation – das Erstarken rechtsradikaler und nationalistischer Gedanken veranlassten die Gleichstellungsbeauftragte Ute Stöwing, die Theatergruppe im Auftrag des Kriminalpräventiven Rats nach Schenefeld zu holen. „Dass diese Geschichte so passiert ist – das macht sehr nachdenklich“, sagte sie.

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