Der Popstar im Interview : Sasha: „Dann bin ich jetzt halt kitschig!“

„Ich habe früh gelernt, dass ich selbst Geld verdienen muss, wenn ich mir was leisten und gönnen will“, sagt Sasha.
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„Ich habe früh gelernt, dass ich selbst Geld verdienen muss, wenn ich mir was leisten und gönnen will“, sagt Sasha.

Der Hamburger Sänger über seine Kindheit, den Wechsel zur deutschen Sprache und das Älterwerden.

shz.de von
09. Juni 2018, 10:00 Uhr

Hamburg | Sasha, hatte schon immer viele Gesichter: Unter dem Namen Dick Brave ging er seiner Leidenschaft für Rockabilly nach, dem Rat Pack zollte er gemeinsam mit Rea Garvey, Xavier Naidoo und Michael Mittermeier mit der Show „Alive and Swingin´“ Tribut. Mit seinem neunten Album erfindet sich er nun wieder einmal neu: Auf „Schlüsselkind“ singt der 46-jährige Wahlhamburger erstmals Deutsch. Im Interview verrät er, wie es dazu kam – und warum er in den Songs so viel Persönliches preisgibt.

Sasha, nach acht englischsprachigen Alben singen Sie neuerdings Deutsch. Wie kommt’s?
Sasha: Den Wunsch, ein deutschsprachiges Album zu machen, hege ich schon sehr lange – das erste Mal kam mir der Gedanke Mitte der Neunziger, mit meiner damaligen Band, als Gruppen wie Selig es vorgemacht haben. Nach meinem dritten Soloalbum stand es erneut im Raum, doch dann kam Dick Brave dazwischen. Ein Schlüsselmoment war 2014 meine Teilnahme bei „Sing meinen Song“. Wenn man zum ersten Mal öffentlich deutsche Lieder singt und Leute wie Xavier Naidoo oder Gregor Meyle sagen, man müsse unbedingt mal ein Album auf Deutsch machen, nimmt man sich das schon zu Herzen. Vor zwei Jahren hat sich die Idee dann verfestigt.

Sasha, der bürgerlich Sascha Röntgen-Schmitz heißt, wurde am 5. Januar 1972 in Soest geboren. Schon in den Neunzigern gründete er seine erste Schülerband, später machte er als Backgroundsänger der Rapperin Young Deenay auf sich aufmerksam. Sein Sport- und Germanistikstudium brach er daraufhin ab. Mit der Single „If You Believe“ schaffte er 1998 den Durchbruch. Seitdem hat er neun Alben veröffentlicht, zwei davon unter dem Rockabilly-Pseudonym Dick Brave, war Teil der Rat-Pack-Show „Alive and Swingin´“, saß zwei Jahre in der Jury von „The Voice Kids“ und moderierte 2017 den Musikpreis Echo. Mit seinem ersten deutschsprachigen Album „Schlüsselkind“ schaffte er es gerade auf Platz4 der deutschen Charts. Sasha lebt in Hamburg und ist seit 2015 mit seiner Managerin Julia Röntgen verheiratet.



Sarah Connor hat kürzlich bewiesen, dass man mit einem Sprachwechsel sehr erfolgreich sein kann . . .
Ob etwas gut funktioniert, sollte beim Musikmachen aber eigentlich keine Rolle spielen. Ich weiß, dass Sarah sich nach unserer gemeinsamen Teilnahme bei „Sing meinen Song“ die gleichen Gedanken gemacht hat wie ich. Nicht der Erfolg, sondern die Tatsache, dass und wie sie es gemacht hat, haben mich darin bestätigt, diesen Schritt zu wagen.

Deutsche Texte machen zwangsläufig angreifbarer. Hatten Sie je Zweifel?
Solche Momente gibt es oft. Wenn man Zeilen schreibt, bei denen man sich nicht sicher ist, ob sie so aufgenommen werden, wie man sie meint. Bei deutschen Songs ist der Grat zum Kitsch sehr schmal. Im Englischen ist das anders, da wird Wert auf eine gerade Sprache gelegt. Das wollte ich mir unbedingt beibehalten, statt plötzlich pseudointellektuell daher zu kommen. Ich spreche schließlich auch im echten Leben eine klare Sprache. Die Gefahr, kitschig zu sein, ist dann natürlich da. Aber irgendwann war mir das egal. Wenn es so aus mir herauskommt, dann bin ich jetzt halt kitschig! Es gibt auf dem Album humorvolle Songs, aber auch ernste und tiefe Momente.

Tatsächlich ist ein großer Teil der Songs sehr autobiografisch. Los geht es mit Ihrer Kindheit als Schlüsselkind. Wie war das damals?

Meine Eltern ließen sich scheiden, als ich noch klein war. Alleinerziehende und noch dazu sehr jung, musste meine Mutter gucken, wo das Geld herkommt. Bis ich fünf war, passte meine Oma oft auf mich auf, das war eine tolle Zeit. Als ich in die Schule kam, war ich dann Schlüsselkind. Es gab schon Momente, in denen ich mich gerne jemandem mitgeteilt hätte, weil ich vielleicht eine schlechte oder besonders gute Note hatte. Heute hat man ja alle möglichen Medien, über die man das machen kann, aber damals musste ich mit mir selber klarkommen. Das Gute war aber: Ich wusste immer, dass meine Mutter nach Hause kommt. Ich hatte also keinesfalls eine unglückliche Kindheit. Später hatte das Schlüsselkind-Dasein sogar einige Vorzüge.

Zum Beispiel?

Mit zehn oder elf gibt es jenseits von Hausaufgaben eine Menge spannende Dinge und die konnte ich alle machen (lacht). Außerdem bin ich relativ schnell selbstständig geworden. Dadurch, dass ich auf meinen Bruder aufpasste, hatte ich eine gewisse Verantwortung. Das war auch irgendwie toll, denn in dem Alter will man ja unbedingt erwachsen sein. Ich habe auch früh gelernt, dass ich selbst Geld verdienen muss, wenn ich mir was leisten und gönnen will.



„Mit deinem kleinen bisschen singen wirst du es niemals zu was bringen / das habe ich tausend Mal gehört“, singen Sie in „Der Junge“. Haben damals wirklich so viele an Ihnen gezweifelt?
Meine Mutter hat immer gesagt „mach“. In dem Song besinge ich eher Freunde und Bekannte. Das kennen ja viele, die einen Beruf ausüben wollen, von dem alle denken, dass es bloß ein Traum ist. Mitte 20, als ich mit meiner Band Junkfood immer noch nicht erfolgreich war, hatten die ersten ihr Studium beendet. Sie waren Anwalt in einer Kanzlei, Zahnarzt oder Lehrer, während ich immer noch mit meiner Band rumhing, Pfand sammelte und komische Jobs machte. Da wurden die Unkenrufe immer lauter: ‚Meinst du, das wird noch was?‘

Was ist am Singen so schön, dass Sie an Ihrem Traum immer festgehalten haben?
Ich möchte den Menschen einfach Freude bereiten. Es ist gar nicht bloß die Musik oder das Singen – ich hätte auch Comedian werden können. Ich will die Menschen unterhalten. Zwar war ich früher nicht unbedingt der Klassenclown, der am lautesten war, und ich bin auch nicht ohne Lampenfieber geboren. Das ist bei mir sogar relativ stark ausgeprägt. Trotzdem hat es mich irgendwie immer auf die Bühne gezogen. Wenn ich da oben stehe und plötzlich alle Bedenken abfallen, bin ich der glücklichste Mensch auf Erden, das ist bis heute so. Sobald ich merke, dass es den Leuten gefällt, bin ich super ausgeglichen.

Wann kommt der Gorilla in Ihnen raus, den Sie in dem gleichnamigen Song beschreiben?
Zum Glück sehr selten! Der Titel geht darauf zurück, dass ich von Freunden und meiner Familie seit Jahren „der Gorilla“ genannt werde. Das hat vor allem mit meiner Physiognomie zu tun: Ich habe einfach eine krasse Primatenfigur (lacht). Außerdem kann ich einen Gorilla sehr gut imitieren. Damit der Gorilla aus mir herauskommt, braucht es schon sehr viel. Das passiert zum Beispiel, wenn man mich richtig doll reizt – obwohl ich das null mag und mich hinterher meistens dafür schäme. Er stellt sich aber auch schützend vor meine Familie oder Freunde, wenn es nötig ist, und manchmal beschützt er auch mich selbst.

Das heißt?
Wenn ich mich mal nicht wehren kann, übernimmt er den Job. Er ist stark in Momenten, in denen ich eigentlich schwach bin. Wenn man am Ende ist, aber plötzlich noch mal Kräfte mobilisiert werden, wo eigentlich keine mehr sind, dann ist das der Gorilla. „Genug ist genug“ ist ein Titel, der sehr eng mit dem Gorilla verknüpft ist. In dem Song geht es darum, von einer Freundschaft enttäuscht zu werden. Man steht fassungslos da und versteht nicht, was passiert ist. Dann muss der Gorilla kommen und sagen ‚jetzt ist Schluss!’

Die Lieder „Bauch voller Lieder“ und „Du fängst mich ein“ hingegen haben Sie wahrscheinlich Ihrer Frau gewidmet, oder?
Ja, da gibt es wenig Spekulationsraum. „Du fängst mich ein“ kam relativ spät dazu, weil es unfassbar schwierig ist, einem Menschen, den man sehr liebt, ein Liebeslied zu schreiben. Alle denken immer, das müsse einem doch leichtfallen. Das Gegenteil ist der Fall, weil man plötzlich anfängt, sich über jedes Wort einen Kopf zu machen. Irgendwann muss man es der anderen Person schließlich vorspielen!

Ihre Frau ist gleichzeitig auch Ihre Managerin. Warum passen Sie so gut zusammen?
Weil wir uns hundertprozentig auf einander verlassen können. Wie in jeder Beziehung fliegen auch bei uns mal die Fetzen, aber das dauert nie lange. Tief im Inneren wissen wir, dass wir immer füreinander da sind. Dieses Gefühl der absoluten Sicherheit erlaubt es einem, wie im Song beschrieben auch mal abzuheben oder sich fallen zu lassen. Es gibt ja auch Tage, an denen man schlecht drauf ist – in einer gesunden Beziehung nimmt man die gegenseitigen Launen in Kauf. Und oft zieht der Partner einen nur durch seine Anwesenheit wieder da raus.

Songs über die Kindheit, Freundschaften, Ihre Frau – das geht schon als Lebensrückblick durch. Sie sind kürzlich 46 geworden. Halbzeit, oder?
Sie werden lachen: Es gibt in meinem Telefon noch eine Liste von möglichen Albumtiteln und einer davon war Halbzeit. Das war mir am Ende dann aber doch zu sportlich. Generell war es mir bei diesem Album wichtig, dass die Songs nah an mir dran sind. Ich wollte Themen ansprechen, die mich wirklich betreffen. Kann schon sein, dass das Alter das mitbringt.

Macht es Ihnen etwas aus, älter zu werden?

Ich bin jetzt nicht in der Midlife-Crisis – ich glaube die hatte ich schon, bevor ich meine Frau kennen gelernt habe (lacht). Aber ich denke schon manchmal darüber nach, dass es jetzt mit großen Schritten auf die 50 zugeht. Jeden Tag ein graues Haar mehr. Ich kann nicht sagen, dass ich mich auf das Älterwerden freue. Aber das Gute ist: Mein Schwager ist vor zwei Jahren schon 50 geworden und meinte ich solle mir keine Sorgen machen. Mit 40 dachte er, er hätte die Hälfte hinter sich, aber mit 50 fühlte es sich plötzlich an, als habe er noch ganz viel vor sich. Wenn das bei mir auch so ist, ist alles cool.

Am 17. Oktober tritt Sasha im Mehr! Theater am Großmarkt in Hamburg auf.

Sasha persönlich

Ich lebe gerne in Hamburg, weil . . .  es einfach eine der schönsten Städte der Welt ist mit einem ganz besonderen Groove!

Mein deutsches Lieblingswort . . . war als Schüler mal Osmose. Auch die dazugehörige Erklärung ist einfach herrlich: Diffusion durch eine semipermeable Membran. Das Einzige, was ich aus dem Bio-Unterricht mitgenommen habe (lacht).

Mein Lieblingsort ist . . . die Bullerei! Könnte man mein zweites Wohnzimmer nennen.

Als Fußball-Fan schlägt mein Herz  . . . für den BVB. Aber wenn Hamburg, dann eher St. Pauli.
 

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