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Jugendarbeit mit offenen Türen : Saim „Kasi“ Cetinkaya spricht über die „Komet“-Erweiterung und die Schwerpunkte seiner Arbeit

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Mit Leidenschaft Pädagoge - der Leiter des des Pinneberger Kinder- und Jugendtreffs „Komet“ im Interview.

shz.de von
erstellt am 12.Apr.2017 | 16:02 Uhr

Pinneberg | Saim Cetinkaya, in Pinneberg von allen nur „Kasi“ genannt, ist Leiter des Pinneberger Kinder- und Jugendtreffs „Komet“. Im Interview spricht er über seine Arbeit, neue Räume und erklärt, warum auch Langeweile manchmal wichtig ist.

Der „Komet“ hat schon lange Platzprobleme. Wie ist die aktuelle Situation?
Saim Cetinkaya: Die Platzprobleme sind immer noch da, werden aber 2017 und 2018 beseitigt. Der erste Teil des Neubaus wird noch in diesem Jahr kommen, der zweite dann im folgenden Jahr.

Was verändert sich dadurch?
Einiges. Der offene Bereich wird doppelt so groß sein. Ich habe mir schon seit Jahren einen Raum gewünscht, in dem Musik gemacht werden kann. Den bekommen wir nun. Dazu steht endlich ein eigener Raum für die Mädchenarbeit zur Verfügung. Die läuft aufgrund des fehlenden Platzes bisher eher nebenher. Da bei uns auch viele Mädchen sind, brauchen wir einen Ort, an dem sie sich zurückziehen und auch mal in Ruhe etwas besprechen können.

Reichen die Erweiterungen auf Dauer aus?
Die Verdoppelung der Quadratmeterzahl ist nach 18 Jahren „Komet“ ein großer Sprung nach vorn. In Zukunft ist es nicht mehr so eng. Die Altersstruktur der Kinder und Jugendlichen liegt zwischen sechs und 20 Jahren. Wenn immer alle zusammen sein müssen, ist das natürlich nicht optimal. Die neuen Räume erleichtern unsere Arbeit – gerade in den Wintermonaten. Dann können wir nur selten raus und die Lautstärke ist für uns und auch für die Jugendlichen manchmal unangenehm. Mehr Platz bedeutet aber nicht, dass man sich aus dem Weg geht.

Saim Cetinkaya, in Pinneberg eigentlich nur „Kasi“ genannt, hat den Kinder- und Jugendtreff „Komet“ 1998 gegründet und ist seitdem dessen Leiter. Er wohnt in Hamburg, ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Was zeichnet den „Komet“ aus?
Es geht sehr familiär zu. Wir kochen beispielsweise häufig zusammen. Viele Kinder bekommen hier sogar ihre erste warme Mahlzeit am Tag. Da ich auch in der Schulsozialarbeit tätig bin, merke ich, wie gestresst die Schüler sind. Deshalb ist es für viele eine Erleichterung, wenn sie zu uns kommen. Hier fühlen sie sich frei und lassen sich fallen.

Worauf kommt es in der Jugendarbeit an?
Es geht vor allem darum, die Stärken zu fördern. Ich merke, dass ich mit mir selbst unzufrieden bin, wenn ich nicht auf jeden eingehen kann. Ganz wichtig ist mir, dass ich immer dabei bin und nicht nur zuschaue. Im Sommer trifft man mich eigentlich nur in Sportkleidung, weil ich mit den Kindern und Jugendlichen Fußball spiele. Dabei legen sie selbst ihre Handys weg. Kinder und Jugendliche mögen es, sich in der Nähe von Erwachsenen aufzuhalten. Zur offenen Jugendarbeit gehören offene Türen. Das gilt selbst für das Büro. Nur so gelingt es, dass sich die Kinder öffnen und von ihren Sorgen erzählen. Ich liebe es, wenn jemand zu mir sagt, dass er sich langweilt. In der heutigen Zeit muss man lernen, auch einmal gar nichts zu machen.

Was hat sich in der Jugendarbeit in den vergangenen Jahren verändert?
Es gibt zu wenige Vorbilder für die Jugendlichen. In vielen Patchwork-Familien fehlen Mutter oder Vater als Bezugspersonen, an denen sich die Kinder orientieren können.

Wollen Sie selbst ein Vorbild sein?
Ich will durch die Art, wie wir miteinander umgehen, ein Vorbild sein. Man muss aber davon loskommen, dass Jugendarbeit nur für Kinder aus schwierigen Verhältnissen da ist. Das ist Quatsch. Jedes Kind freut sich, wenn man sich mit ihm beschäftigt. Es kommt auf die Mischung an. Ein Ziel der Jugendarbeit ist ja schließlich, unterschiedliche Menschen zusammenzubringen.

Der Jugendtreff Komet soll einen Nebau bekommen.
Der Jugendtreff Komet soll einen Nebau bekommen. Foto: Rene Erdbrügger
 

Wie beurteilen Sie die Jugendarbeit in Pinneberg?
Ich finde gut, dass wir in Pinneberg überhaupt eine offene Kinder- und Jugendarbeit anbieten. Es ist wichtig, dass Kinder kommen und gehen können, wann sie wollen. Dass es mit dem Geschwister-Scholl-Haus, dem Club Nord und uns drei Anlaufpunkte gibt, ist sicherlich positiv. Ich bin froh, dass sich die Stadt zu den Standorten und der dezentralen Arbeit bekannt hat. Dass es immer etwas zu verbessern gibt, ist aber auch klar.

Wirkt sich das Neubaugebiet auf dem ehemaligen Kasernengelände in unmittelbarer Nachbarschaft auf Ihre Arbeit aus?
Wir erwarten noch mehr Zulauf. Die ersten neuen Kinder sind schon da. Die Erweiterung ist also wirklich dringend notwendig. Ich finde es gut, dass sich auch die Politik zu diesem Standort bekannt hat und von unserer Arbeit überzeugt ist. Der „Komet“ war ja 1998 ursprünglich nur ein Provisorium an einem sozialen Brennpunkt. Inzwischen sind hier längst Kinder und Jugendliche aus ganz unterschiedlichen Schichten. Von einem Brennpunkt kann keine Rede mehr sein.

Welche Auswirkungen hat die steigende Zahl von Flüchtlingen?
Ich bin ein Verfechter davon, Jugendliche aus anderen Ländern in die Jugendzentren zu holen. Die Nationalität ist für unsere Arbeit völlig uninteressant. Ich freue mich, dass ein paar Flüchtlingskinder bei uns sind, die schon hervorragend Deutsch sprechen und sich immer besser integrieren. Unsere Angebote helfen, auch verschiedene Kulturen zusammenzubringen. Kaum etwas verbindet so sehr wie Sport und Musik. Da ist es völlig egal, wo jemand herkommt und welche Geschichte er hat.

Was bedeutet Ihnen Ihre Arbeit?
Sehr viel. Mit einem Bürojob, bei dem ich einfach irgendwann den Stift fallen lasse und nach Hause gehe, kann ich nichts anfangen. Hier wird es nie langweilig. Mir ist wichtig, dass die Kinder sich wohl fühlen. Wenn das nicht der Fall wäre, hätte ich es nicht 18 Jahre im Container ausgehalten. Ich erreiche viele Kinder und habe häufig die Möglichkeit, sie mit den passenden Worten auf den richtigen Weg zu führen. In der offenen Arbeit sieht man die Erfolge ja nicht sofort, bekommt dafür aber später vieles zurück. Als ich kürzlich bei der Hochzeit meines Neffen war, sagte einer von dessen Freunden zu meiner Mutter: „Ihr Sohn hat uns alle groß gezogen.“ Das fand ich sehr schön. Solche Aussagen geben mir das Gefühl, dass ich manches richtig gemacht habe.

Wie ist Ihr Spitzname „Kasi“ entstanden?
Mein richtiger Vorname ist Saim. Von meinen Eltern wurde ich immer Kadir gerufen. Das konnten einige nicht aussprechen. Deshalb hat mich irgendwann mal jemand „Kasi“ genannt. Da war ich etwa 20 Jahre alt. Bei „Kasi“ ist es dann geblieben. Selbst Freunde und Verwandte nennen mich so. Die einzige Ausnahme sind meine Frau und meine Kinder. Sogar auf meiner Visitenkarte steht inzwischen auch mein Spitzname.

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