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Kreis Pinneberg : Russisches Apfel-Embargo: Obstbauern in Sorge

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Die Landwirte verbuchen wegen des Ukraine-Konflikts Verluste. Die Preise für Verbraucher sollen aber stabil bleiben.

shz.de von
erstellt am 03.Sep.2014 | 12:00 Uhr

Kreis Pinneberg | Die Obstbauern in der Region bekommen den Ukraine-Konflikt zu spüren, nachdem Russland ein Importverbot für Agrarerzeugnisse aus der EU – insbesondere Obst und Gemüse – verhängt hat. „Von der EU erhalten wir als Ausgleich pro 100 Kilogramm 13,22 Euro. Normalerweise bekommen wir 35 bis 40 Euro“, klagt Georg Kleinwort, Vorsitzender des Bauernverbands der Kreise Pinneberg und Steinburg. Auch die Vermostung sei keine Alternative. „Der Preis ist im Keller. Wir bekommen zurzeit drei Cent pro Kilo, sonst gibt es 14  Cent.“ Doch das Wetter spiele den Bauern in die Karten. Denn in den Export gehen nur Äpfel mit Übergröße, normalerweise etwa zehn Prozent einer Ernte. „Durch den trockenen Sommer werden wir eine sehr geringe Zahl an Übergröße-Äpfeln haben“, betont Gerd Hell, Obstbauer in Neuendorf.

Angesichts des russischen Embargos wollen die Landwirtschaftsminister von Deutschland, Polen und Frankreich Teile der Obstproduktion an karitative Einrichtungen abgeben. Denkbar sei etwa ein Ausbau des Schulobstprogramms, sagte Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) gestern in Bonn. Als weitere Maßnahme nannte der CSU-Politiker die Erschließung neuer Märkte etwa in Weißrussland oder China. Der Landwirtschaftsminister rief zudem mit der Losung „One apple a day keeps Putin away“ erneut die Bevölkerung zu einem verstärkten Konsum von Obst und Gemüse auf – „wohl wissend, dass das allein das Marktgleichgewicht nicht wiederherstellen kann“.

Unterdessen gehen die Apfelbauern von einem guten Jahr aus. Das trockene Wetter beschert laut Kleinwort eine Ernte mit durchschnittlichem Ertrag, aber von hervorragender Qualität. Verbandschef Kleinwort erwartet, dass die Preise für Verbraucher stabil bei 1,50 bis zwei Euro pro Kilogramm bleiben. Gleiches hofft er für den Preis, den die Bauern erzielen: zwischen 45 und 50 Cent pro Kilo.

Auch auf dem Hof von Gerd Hell in Neuendorf bei Elmshorn wird jetzt fleißig geerntet. Gemeinsam mit acht Saisonkräften holt der 52-Jährige die Ernte ein. Auf seinem Hof an der B 431 baut Hell auf 14 Hektar Äpfel an. Nachdem seine Bäume im Krisenjahr 2013 nur 100 Tonnen abwarfen, hofft er für dieses Jahr auf einen Ertrag von 200 Tonnen. „Die Ernte wird dieses Jahr im guten Durchschnitt liegen“, mutmaßt Hell. Die Kunden könnten sich freuen. „Wir haben eine tolle Qualität. Das trockene Wetter und die zuletzt kalten Nächte verleihen den Äpfeln eine super Färbung und einen hervorragenden Geschmack.“

Gerd Hell führt den Hof in zweiter Generation gemeinsam mit Frau Iwona. Sein Vater Hermann Hell hat den Betrieb 1958 gegründet. Seine Äpfel verkauft er nicht auf den Wochenmärkten der Region, sondern nur direkt auf seinem Hof und an Händler. „Um auf Wochenmärkten zu verkaufen, habe ich einfach zu viel Ware“, erklärt Hell, der auf seinem Hof auch frischen Apfelsaft selbst presst. Der Hofladen in Neuendorf sei etabliert. So zählen auch Helga und Dieter Hartlef aus Kölln-Reisiek zu seinen Stammkunden. Das Ehepaar deckt sich regelmäßig mit frischen Äpfel ein, diesmal mit den Frühsorten Colina und Delbar. „Direkt vom Hof schmecken die Äpfel einfach viel frischer“, begründen die Hartlefs die lange Anreise für zwei Kilo des Obstes.

20 Sorten baut Hell auf seinem Hof an. Vor allem Lagersorten wie Elskop, Holsteiner Cox und Boskop. Doch nicht nur Äpfel wachsen auf den Feldern am Ortsausgang von Neuendorf in Richtung Glückstadt. Und das ist auch gut so. Denn der Apfel ist nicht Hells Lieblingsobst. „Ich mag lieber Birnen“, verrät der Bauer. So bewirtschaftet er auch ein 0,5 Hektar großes Birnenfeld. Außerdem baut Hell auch Pflaumen und Süß- und Sauerkirschen an.

Sein Hauptgeschäft aber ist der Apfel. Und der bereitet ihm trotz des guten Wetters auch in dieser Saison Sorgen. Grund ist der Ukraine-Konflikt. Wegen des Einfuhrverbots nach Russland, drohen die Obstbauern auf einem Teil ihrer Äpfel sitzen zu bleiben. Für die Übergrößen, die sonst in den Osten exportiert werden, gibt es in Deutschland keinen Markt. Hell hofft, dass er wegen des trockenen Wetters sehr wenig Übergrößen ernten wird.

Die Hoffnung teilt auch Georg Kleinwort. Der Obstbauer aus Haselau ist Vorsitzender des Bauernverbands der Kreise Pinneberg und Steinburg, dem größten Anbaugebiet in Schleswig-Holstein. 350 der insgesamt 500 Hektar der Apfel-Anbaufläche des Landes sind hier zu finden. „Normalerweise sind etwa zehn Prozent der Ernte Übergröße. Das trockene Wetter könnte uns helfen, die Verluste zu minimieren“, sagt Kleinwort. Von der EU gebe es zwar eine Ausgleichszahlung für den entfallenden Export. Doch die sei mit gerade einmal 13,22 Euro für 100 Kilogramm deutlich zu gering. „Für diese Menge erhalten wir sonst zwischen 35 und 40 Euro“, betont der Kreisbauern-Chef. Mit der EU-Summe ließen sich nicht einmal die Herstellungskosten decken.

Im Fernsehen liefen schon Berichte, die zeigten, wie einzelne Obstbauern ihre Äpfel unter die Bäume schmissen, weil sie der Meinung waren, dass wegen des Exportverbots und des vermuteten Überangebots auf dem deutschen Markt kein Profit zu machen sei. Kleinwort und Hell halten das wegen der geringen Zahl an Übergrößen in dieser Saison für Unsinn. Doch die Auswirkungen bekommen sie zu spüren. „Bei mir standen bereits Leute auf dem Hof, die Äpfel einfach aufsammelten und meinten, ich würde damit ja eh keinen Gewinn machen“, berichtet Hell. „Unfassbar!“

Die Römer sollen bereits im 6. Jahrhundert vor Christus sechs verschiedene Apfelsorten kultivierten haben. Heute wird geschätzt, dass es auf der Welt mehr als 30.000 Apfelsorten gibt, 2000 davon allein in Deutschland. Die Auswahl an Äpfeln in vielen Supermärkten scheint riesig: rote, gelbe, grüne, große, kleine, süße und saure. Die Zahl der Sorten ist jedoch keineswegs so groß, wie sie auf den ersten Blick erscheint: In den vergangenen 50 Jahren haben Äpfel viel von ihrer Vielfalt eingebüßt. Lediglich 25 Sorten werden noch im Erwerbsobstbau kultiviert und nur sieben davon regelmäßig im Handel angeboten: Boskoop, Cox Orange, Golden Delicious, Elstar, Gloster, Jonagold und Granny Smith.
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