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„Mensch des Jahres 2014“ : Rolf-Oliver Hertling ist der erste Kandidat

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Firmenchef Hertling ging entschieden gegen Nazis in vor. Seine Mitarbeiter haben jetzt eine Anti-Diskriminierungs-Richtlinie unterschrieben.

shz.de von
erstellt am 20.Okt.2014 | 11:00 Uhr

Es ist kein Orden damit verbunden. Und auch kein finanzieller Vorteil. Aber es ist eine Anerkennung, ein Lob: der Titel „Mensch des Jahres“, den der A. Beig-Verlag und der Schleswig-Holsteinische Zeitungsverlag (sh:z) mit Beteiligung ihrer Leser vergeben. Er will „Helden des Alltags“ vorstellen, die oft im Verborgenen wirken. Die Zeit und Geld für andere opfern. Die Zivilcourage beweisen.

Im Kreis Pinneberg haben die Zeitungstitel des A. Beig-Verlags sechs Kandidaten nominiert, die am Regionalentscheid teilnehmen. Die Auswahl ist den Mitarbeitern in den Redaktionen des Pinneberger Tageblatts, der Elmshorner Nachrichten, des Quickborner Tageblatts des Schenefelder Tageblatts, des Wedel-Schulauer Tageblatts und der Barmstedter Zeitung schwer gefallen. Denn oft sind die Kandidaten ein Teil eines großen Teams, das sich ehrenamtlich engagiert.

Die Leser können darüber abstimmen, wer am 1. Dezember zum „Mensch des Jahres“ im Kreis Pinneberg gekürt wird. Sie oder er wird dann in der landesweiten Wahl des sh:z vertreten sein. Die Nominierten in der Region sind Gisela Maier aus Hasloh, Willy Matzen aus Schenefeld, Helmut Fricke aus Moorrege, Mireille-Christin Rehmann aus Klein Waabs im Kreis Rendsburg-Eckernförde (vorher Ellerhoop), Nicole Jung aus Elmshorn und Rolf-Oliver Hertling aus Halstenbek.

Der Unternehmer, der die Nazis feuerte

Die Nachricht hat den Halstenbeker Speditionsunternehmer Rolf-Oliver Hertling kalt erwischt. Ein Mitarbeiter erreichte ihn während einer Urlaubsreise. „In unserer Firma arbeiten Neonazis“, teilte der Angestellte am Telefon mit. Hertling brach seinen Urlaub ab, trat die Heimreise an, beriet sich mit seinen Anwälten – und trennte sich von den fünf Mitarbeitern. Für diese Entscheidung ist er als Kandidat für die Wahl zum „Mensch des Jahres“ nominiert worden.

„Es war ein Schock. Ich sah mein Lebenswerk und das meiner Familie in Gefahr“, sagt Hertling, der Teilhaber und Geschäftsführer ist. Der Unternehmer organisiert Umzüge – für große Konzerne in Hamburg und auch international. „Diese Firmen haben ein sogenanntes Compliance-Management, also strenge Richtlinien, die etwa ein Diskriminierungsverbot enthalten“, sagt Hertling. „Wenn man uns rechtes Gedankengut unterstellt, ist das existenzbedrohend. Denn die Großunternehmen müssen uns dann ihren Richtlinien folgend die Zusammenarbeit kündigen.“

Vier der Rechtsextremisten sind bei Subunternehmen beschäftigt. Hertling entscheidet sich, zukünftig nicht mehr mit diesen Firmen zusammenzuarbeiten. „Sie haben Hausverbot bei uns“, sagt der Geschäftsführer.

Ein weiterer Neonazi ist bei Hertling direkt beschäftigt. Er wurde freigestellt und gekündigt. Damit ging Hertling auch ein finanzielles Risiko ein. „Der Mitarbeiter geht gegen uns vor. Demnächst beginnt der Prozess vor dem Arbeitsgericht.“

„Ich habe mich entschlossen, in die Offensive zu gehen und alle Kunden zu besuchen, um mit ihnen über die Situation bei Hertling zu sprechen.“ Etwa 80 Prozent seiner Geschäftspartner habe er erreicht – da kam der nächste Schock.

Infos aus dem Internet an Kunden geschickt

Informationen über die Nazis bei Hertling waren auf Internetseiten der Antifa und anderer linker Gruppen gelandet. Diese Informationen wurden laut Hertling auch gezielt an seine Geschäftspartner weitergeleitet – etwa zwei Monate nach dem Rauswurf. Die Kunden sprachen ihn auf das anonyme Rundschreiben an. „Aus einer E-Mail, die mir vorlag, konnte ich schließen, dass die Infos nicht von den linken Gruppen, sondern von zwei Konkurrenten verbreitet wurden“, sagt Hertling. „Sie haben mich denunziert.“ In der Branche werde mit harten Bandagen gekämpft. Doch diese Hinterhältigkeit habe ihn überrascht.

Auf der Internetseite werden die Extremisten dem Umfeld der NPD zugeordnet. Sie sollen sich im sozialen Netzwerk zudem geschäftsschädigend über Hertling geäußert zu haben. „Glücklicherweise hatte ich die meisten Kunden bereits informiert. Sie haben mir bestätigt, korrekt gehandelt zu haben. Lediglich einen Großkunden habe ich verloren.“

Hertling hat eine eidesstattliche Erklärung abgegeben, die Extremisten nicht mehr zu beschäftigen. Seine Mitarbeiter hat er eine Richtlinie unterschreiben lassen, in der sich alle zu gemeinsamen Werten bekennen und in der Diskriminierung etwa wegen der Nationalität, Sexualität oder politischen Orientierung abgelehnt wird. Hertling sagt: „Wir sind ein international agierendes Unternehmen. Bei uns arbeiten Menschen aus sechs verschiedenen Nationen. Rechtes Gedankengut hat bei uns keinen Platz.“

Chef sieht Familienbetrieb in Gefahr

Die Nachricht schlug Wellen: Firmenchef feuert Nazis. Zeitungen aus der Region und der NDR berichteten über den Logistiker Hertling. Das Thema wurde auch überregional aufgegriffen. Auf Internetseiten und in sozialen Netzwerken diskutierten die Leser über die Entscheidung.

„Nachdem veröffentlicht wurde, dass Rechtsextreme bei uns in der Firma sind, war der Imageschaden groß“, sagte Hertling. Eine ähnlich bedrohliche Situation habe es in der Firmengeschichte nicht gegeben. „Wir können ja bei der Einstellung keine politische Gesinnungsprüfung machen“, sagte Hertling.

Bis bekannt wurde, dass Leute, die für ihn arbeiten, Hassparolen im Internet verbreiten, habe er sich auch nicht besonders mit dem Thema Rechtsextremismus in der Firma beschäftigt. In mittelständischen Unternehmen wie seinem gebe es in der Regel auch kein umfangreiches Compliance-Management. In einem derartigen legen Firmen etwa fest, welchen Wertekanon Mitarbeiter und Geschäftspartner teilen müssen.

Hertling führt das Unternehmen in fünfter Generation. Gegründet hat es sein Ur-Ur-Großvater Emil Hertling 1865 in Berlin. Dessen Söhne Friedrich und Albert übernahmen 1898 und wurden 1910 Hofspediteure des Kaisers und Königs von Preußen. Nach Bombenangriffen wurde das Betriebsgelände komplett zerstört. Die Wiederaufbauarbeiten wurden in dritter Generation von Emil Hertling begonnen und 1952 abgeschlossen. Inzwischen gibt es Standorte in Frankfurt am Main,  in Eberswalde, in Düsseldorf und in Halstenbek. Hertling beschäftigt heute etwa 120 Mitarbeiter.

Und so können Sie mit abstimmen

Wer wird Mensch des Jahres? Stimmen Sie mit ab.
Wer wird Mensch des Jahres? Stimmen Sie mit ab. Foto: pt
 

Wer von ihnen der „Mensch des Jahres 2014“ im Kreis Pinneberg wird, liegt nun in Ihrer Hand. Sie können sich auf drei Weisen an der Aktion  beteiligen: Schicken Sie uns eine E-Mail mit dem Betreff „Mensch des Jahres 2014“ an service@a-beig.de. Alternativ können Sie für Ihren „Mensch des Jahres“ auch bis einschließlich 23. November anrufen (für 14 Cent pro Anruf aus dem deutschen Festnetz, aus dem Mobilfunknetz kostet es mehr). Oder Sie senden eine SMS mit dem Inhalt „shz beig“ und der zweistelligen Kandidatennummer an die 42020 (Kosten sind tarifabhängig). Wir stellen Ihnen alle Nominierten im der nächsten Woche auch noch einmal ausführlich vor.

  • Montag, 20. Oktober Rolf-Oliver Hertling (01375-80401237-01)
  • Dienstag, 21. Oktober Gisela Maier (01375-80401237-02)
  • Mittwoch, 22. Oktober Willy Matzen (01375-80401237-03)
  • Donnerstag, 23. Oktober Helmut Fricke (01375-80401237-04)
  • Freitag, 24. Oktober Mireille-Christin Rehmann (01375-80401237-05)
  • Sonnabend, 25. Oktober Nicole Jung (01375-80401237-06)
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