Neues Album „Zimmer mit Blick“ erschienen : Revolverheld im Interview: „Wir leben in wilden Zeiten“

Veröffentlichen ihr fünftes Album: Die Band Revolverheld, bestehend aus Kristoffer Hünecke (von links), Jakob Sinn, Johannes Strate und Niels Kristian Hansen am Elbstrand bei Övelgönne.
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Veröffentlichen ihr fünftes Album: Die Band Revolverheld, bestehend aus Kristoffer Hünecke (von links), Jakob Sinn, Johannes Strate und Niels Kristian Hansen am Elbstrand bei Övelgönne.

Im Interview mit shz.de spricht die Band über politische Haltung, gesellschaftlichen Druck und das eigene Image.

shz.de von
14. April 2018, 10:00 Uhr

Hamburg | Der 26. November 2016 ist ein Tag, an den Revolverheld gerne zurückdenken: Das Abschlusskonzert ihrer „MTV Unplugged in drei Akten“-Tour in der ausverkauften Hamburger Barclaycard Arena markierte zweifellos den bisherigen Höhepunkt ihrer Karriere. Eigentlich hatten Revolverheld sich vorgenommen, danach erst mal ein Jahr lang gar nichts zu machen. Aber wie so oft im Leben kam es anders als geplant, und so ist am Freitag ihr neues Album „Zimmer mit Blick“ erschienen. Es ist das fünfte Album der Hamburger Band, die sich 2002 beim Popkurs-Studium kennengelernt hat und vier Jahre später mit der Single „Freunde bleiben“ für Aufsehen sorgte. Erstmals in ihrer Karriere werden Revolverheld auf dem neuen Album auch politisch. Sänger Johannes Strate und Gitarrist Kristoffer Hünecke verraten im Interview, was ihnen gegen den Strich geht.

Wie war das, als Ihre MTV Unplugged-Tour im November 2016 mit Ihrem bisher größten Konzert in der ausverkauften Hamburger Barclaycard Arena zu Ende ging?
Kristoffer Hünecke: Wahnsinn. Es gibt ja ein paar Träume, die du als Musiker hast. Dass wir mal eine so große Halle vollmachen, noch dazu die größte Halle, die es in unserer Heimatstadt gibt – ich will nicht lügen, davon haben wir geträumt! Als es dann wirklich passierte, war das total surreal und wir sind immer noch dabei, es zu verarbeiten.

Eigentlich wollten Sie im Anschluss an die Tournee eine einjährige Pause einlegen. Warum wurde daraus nichts?
Hünecke: Auf der einen Seite hatte das musikalische Gründe. Unser letztes Studioalbum ist fünf Jahre her – es hatte sich einfach viel in uns aufgestaut und wir waren voller Inspiration. Nach der Unplugged-Scheibe hatten wir total Bock etwas Anderes zu machen. Deswegen haben wir bei diesem Album viel ausprobiert, mit Synthesizern und programmierten Drums experimentiert. Aber auch jenseits der Musik treiben uns gerade wahnsinnig viele Themen um.

Nämlich?
Hünecke: Wie wahrscheinlich die meisten haben auch wir das Gefühl, dass wir gerade in einer besonderen Zeit leben. Es schwebt eine Unsicherheit über allem und die politischen Geschehnisse sind bis zum kleinsten im Alltag angekommen. Politik passiert vor der Haustür, ist im Alltag deutlich spürbar und niemand kann es richtig einordnen. Das ist etwas, worüber wir uns sehr viel unterhalten haben. So kommt es, dass es auf diesem Album auch ein paar politische Songs gibt.

 

In dem Titelstück „Zimmer mit Blick“ klagen Sie die an, die weggucken: „Wenn die Tagesschau erzählt / wer wieder den Planeten quält / schaltest du um und drehst dich weg / in deinem Zimmer mit Blick“.
Johannes Strate: Es geht in dem Song um die Komfortzone, die wir alle ein bisschen zu wenig verlassen. Wie Kris sagte: Wir leben in wilden Zeiten. Anders als bei unseren Eltern, wo ganz klar war, wer der Feind ist, ist die Weltpolitik nicht mehr schwarz und weiß. Alles ist grau und man weiß oft nicht, was richtig und was falsch ist. Aber man kann sich nicht einfach zurücklehnen und sagen ‚das ist mir alles egal‘ oder ‚gegen den Klimawandel kann man sowieso nichts machen‘. Wenn ich das schon höre! Man muss eine Haltung haben und so handeln, dass es nicht nur für einen selbst am besten, sondern auch für alle anderen okay ist.
Hünecke: Viele denken, der einzelne macht keinen Unterschied. Sie ziehen sich zurück in ihr Zimmer mit Blick. Nach dem Motto: Das wird schon vorbeigehen, die anderen werden es schon richten. Keine Haltung zu haben ist gerade irgendwie in, auch bei ganz vielen Musikern. Sie haben eine Plattform, aber äußern sich nie. Warum ist das so? Ist es eine bewusste Entscheidung, weil sie nicht anecken wollen? Dafür ist es zu wichtig!
Nun standen auch Revolverheld in der Vergangenheit nicht unbedingt für politische Haltung …
Strate: Das stimmt, wir stehen eher für gefühlvolle Songs. Aber außerhalb der Musik haben wir uns schon immer engagiert, ob für Laut gegen Nazis oder Viva con Agua. Uns war wichtig, das bei diesem Album auch mal in Textform zu bringen. Wir sind ein Band, der ist nichts egal – dafür kommen wir alle aus zu linksliberalen Haushalten, wo die Eltern viel gemacht haben. Mein Vater war früher oft demonstrieren, ich bin mit sechs Jahren auf der ersten Demo gegen Atomkraft mitgelaufen, weil damals gerade die Katastrophe in Tschernobyl passiert war. Damals habe ich verstanden, dass auf der Welt viel schiefläuft und man vielleicht auch mal was unternehmen muss.

Über die politischen Spitzen hinaus geht es auf „Zimmer mit Blick“ auch viel um Zwischenmenschliches – vor allem Trennungen.
Strate: Das ist bei uns ja irgendwie immer so. Es hatte zwar keiner von uns fürchterlichen Herzschmerz, während das Album entstand, aber wir sind jetzt in einem Alter, in dem sich super viele trennen. Oft sind es Paare mit Kindern und das sind dann total traurige Geschichten. Ich glaube, ich werde mein Leben lang Lieder über Trennung schreiben, weil es einfach ein Thema ist, das alle Menschen beschäftigt. Davon abgesehen ist es viel leichter, einen Song über ein gebrochenes Herz zu schreiben. Positive Liebeslieder klingen auf Deutsch schnell nach Schlager.

Um die Songs zu schreiben, haben Sie beide Trips nach Amsterdam und Sankt Peter-Ording unternommen. Wie wichtig sind Tapetenwechsel für die Inspiration?
Hünecke: Wenn man wegfährt, ist man unter sich, hat keinen Alltag und kann sich ganz auf die Inhalte konzentrieren – diese Ruhe, dass man sich bis zum Ende mit Sachen auseinandersetzt, ist schon gut für die Inspiration.
Strate: Ich bin im Januar alleine nach Spiekeroog gefahren und habe in vier Tagen neun Songs geschrieben. Wenn du da in der Einsamkeit bist, setzt du dich ganz anders mit dir und deinen Themen auseinander. Da kommen Sachen hoch, von denen du gar nicht wusstest, dass sie für dich ein Thema sind.

Zum Beispiel die Gesellschaftskritik in „So wie jetzt“. Sie beklagen darin, dass wir immer nach dem Haar in der Suppe suchen. Wer sind „wir“?
Strate: Unsere Generation, die zwischen 25 und 40, die alle top ausgebildet sind. 25 Praktika, in New York in einer Anwaltskanzlei – aber nach zwei Jahren zieht man weiter, weil der Chef keine Tischtennisplatte in den Aufenthaltsraum stellen will. Wir sind schon eine verwöhnte Generation. Und alle wollen immer individuell sein, jeder hält sich für etwas Besonderes.
Hünecke: Ich würde sogar sagen, dass es einen gesellschaftlichen Druck gibt, besonders sein zu müssen, auch durch die ganzen Social Media Plattformen. Jeder muss sich irgendwie präsentieren, sonst gehört man nicht dazu. Und irgendwie vergisst man dabei, wer man wirklich ist. Darum geht es in dem Refrain es Stücks, in dem es heißt: „Leb doch einfach jetzt“. Wir wollen nicht den Zeigefinger rausholen. Wenn Leute Spaß daran haben, sich die ganze Zeit so darzustellen, ist das schön und gut. Aber man sollte nicht vergessen, sein Leben zu leben.

Gelingt Ihnen das immer?
Strate: Natürlich überhaupt nicht. Ich bin auch ein Typ, der mit vielen Sachen hadert und sich viele Gedanken macht. Und ich gehöre nicht zu den Menschen, deren Glas immer halb voll ist.
Hünecke: Da ergänzen wir uns ganz gut: Ich versuche immer so positiv wie möglich zu sein. Auch wenn das im Moment manchmal schwer ist … Wir kommen gerade aus Südafrika, wo wir viel Zeit in Kapstadt verbracht haben. Das ist eine Stadt voller Gegensätze: arm – reich, schwarz – weiß. Da merkt man erst mal, in was für einer Blase man sich hier in Deutschland bewegt, auf seinem Instagram-Account und überhaupt.

Sie haben in Südafrika die neue Staffel von „Sing meinen Song“ gedreht – ein TV-Format, das für die teilnehmenden Künstler oft eine sehr intensive Erfahrung zu sein scheint. Was haben Sie von den Dreharbeiten mitgenommen?

Strate: Das ist schon eine spannende Erfahrung: Du sitzt da Tag für Tag mit Leuten auf dem Sofa, die du vorher vielleicht gar nicht kanntest, und redet über super persönliche Sachen. Es geht sofort ans Eingemachte – und das mit Künstlern wie Marian Gold von Alphaville, der Welthits hatte. Wir waren gerade in Südafrika angekommen, da lief erst mal „Big in Japan“ im Radio. Wenn der dann einen Song von dir singt, ist das völlig absurd.

Mit Revolverheld sind Sie mittlerweile selbst seit 16 Jahren im Geschäft – allerdings stand die Band nie unbedingt für Coolness. Tangiert Sie das, oder wird einem das Image irgendwann egal?

Strate: Das ist völlig egal.
Hünecke: Wir sind nie dafür angetreten, die hippste Band im Viertel zu sein – sonst wären wir jetzt vermutlich auch schon wieder weg. Uns ging es immer um unsere Songs und Inhalte. Die Frage ist ja auch: Was bedeutet cool überhaupt? Ich finde es cool, wenn Leute authentisch sind.
Strate: Wenn das, was wir machen, die Leute berührt, wenn uns jemand schreibt, dass seine Ehefrau zu „Ich lass für dich das Licht an“ von ihrem Vater zum Altar geführt wurde, finde ich das ehrlich gesagt viel cooler, oder schöner und berührender – weil ich weiß, dass dieser Song für alle Ewigkeit mit den beiden verbunden sein wird. Wir machen das, was wir machen, mit Herz. Ob das cool ist oder nicht, war uns immer ziemlich egal.

Das neue Album „Zimmer mit Blick“ ist am Freitag erschienen. Am Freitag, 4. Mai, spielt die Band im Hamburger Mojo Club, am 16. März 2019 in der Barclaycard Arena. Infos und Ticket gibt es hier.

Revolverheld persönlich

Mein Lieblingsplatz in Hamburg ist ...

Kristoffer Hünecke: Der Elbstrand!

Johannes Strate: Die Strandperle!

Das Zimmer mit dem schönsten Blick befindet sich ...

Strate: Auf Spiekeroog, mit Blick auf die Dünen.

Unsere Show im Mojo am 4. Mai wird ...

Hünecke: Hoffentlich so, wie wir Shows in kleinen Clubs in Erinnerung haben, nämlich schwitzig. Ich freue mich da sehr drauf und hoffe, dass wir ganz dicht vor den Leuten stehen und die Energie spüren.

Strate: Und wenn einer pupst, stinkt es!

Wenn ich nicht Musik mache, dann ...

Strate: Bin ich auf dem Sonnendeck! Nein, dann spiele ich mit meinem Sohn Lego.

Bei uns im Tourbus läuft...

Hünecke: Ganz wenig Musik, weil wir oft nicht mehr aufnahmefähig für Musik sind, wenn wir von der Bühne kommen.

Strate: Stattdessen laufen schwachsinnige Filme von Will Ferrell.
 

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