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Pinneberger Tageblatt

21. August 2017 | 20:06 Uhr

Rentner kämpfen gegen Altersarmut

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Immer mehr Ruheständler beziehen Sozialhilfe / Gewerkschafter wollen Seniorenaufstand / Abschaffung der Riester-Rente gefordert

Nach Ansicht von Gewerkschaftern droht die deutsche Gesellschaft zu zerreißen. Sie fürchten eine Massenarmut unter Rentnern. Die Zahlen, auf die sie sich berufen, sind angsteinflößend. Die Bundestagsabgeordneten Ernst Dieter Rossmann (SPD) und Cornelia Möhring (Linke) diskutierten am Dienstagabend auf Einladung der IG Metall in Elmshorn mit Gewerkschaftsfunktionären und etwa 70 Gästen darüber, wie die Menschen vor Altersarmut bewahrt werden können.

Reiner Heyse, Mitglied im Seniorenarbeitskreis Küste der IG Metall, präsentierte als Referent Zahlen, die dramatisch klingen. Laut dem Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverband lebten vor etwa zehn Jahren 10,7 Prozent aller Rentner unter der Armutsgrenze. Das waren 2,1 Millionen Menschen. 2014 waren es schon 15,6 Prozent und damit 3,2 Millionen Menschen. Der Wohlfahrtsverband geht davon aus, dass ihre Zahl mittelfristig bis auf zehn Millionen steigt, wenn diejenigen Menschen, die heute in prekärer Beschäftigung sind, das Rentenalter erreichen. Nach internationalen Standards gilt als arm, wer weniger als 50 bis 60 Prozent des Durchschnittseinkommens eines Landes hat. „Ob die Bundesrepublik dann noch wie im Grundgesetzt als sozialer Bundesstaat bezeichnet werden kann, ist mehr als zweifelhaft“, sagte Heyse.

Die Verarmung spiegele sich auch im Bezug von Grundsicherung im Alter. 2003 bekamen laut dem Statistischen Bundesamt etwa 258  000 Menschen, die 65 Jahre und älter waren, Grundsicherung. 2014 waren es bereits etwa 512  000. Diese Entwicklung ist nach Ansicht Heyses kein Zufall, sondern politisch verursacht. „Seit 1992 gab es etliche Gesetze, welche das Risiko für Altersarmut wachsen lassen“, sagte Heyse. Besonders schlimm sei der Systemwechsel im Jahr 2001. Damals beschloss die rot-grüne Bundesregierung unter Kanzler Gerhard Schröder (SPD) die Reduzierung der umlagefinanzierten staatlichen Rente und den Aufbau einer privaten Zusatzrentenversicherung – der sogenannten Riester-Rente. Ergebnis: Das Rentenniveau wird von etwa 56 Prozent im Jahr 1990 auf prognostizierte 43 Prozent im Jahr 2030 sinken. Die Prozentangaben beziehen sich auf ein durchschnittliches Einkommen während der Berufstätigkeit. Standen einem statistischen Standardrentner 1990 monatlich etwa 1372 Euro zu, werden es laut Heyse 2030 nur noch 1054 Euro sein. Die Lücke müssen die Menschen mit selbst angelegtem Kapital, etwa aus der Riester-Rente, schließen. Ob das gelingen kann, ist umstritten. „Die Zinsen für gespartes Kapital sind im Keller“, sagte Heyse.

Wichtigstes Argument für die politischen Reformen war der demographische Wandel. In Zukunft stehen in Deutschland immer mehr Rentner immer weniger Berufstätigen gegenüber, lautet die Faustformel. Heyse relativiert diese Entwicklung und beruft sich auf Daten des Statistisches Bundesamtes. Um 1900 gab es in Deutschland demnach statistisch etwa zwölf Menschen zwischen 15- und 64 Jahren und einen Menschen über 64 Jahren. Bis zum Jahr 2000 veränderte sich das Verhältnis auf vier zu eins. Für 2050 wird ein Verhältnis von zwei zu eins vorausgesagt. „Unser Rentensystem hat diesen dramatischen demographischen Wandel 100 Jahre lang überstanden. Warum das seit 2000 nicht mehr funktionieren soll, ist mir schleierhaft“, sagte Heyse. „Wir werden seit Menschengedenken statistisch immer älter. Und der Wohlstand wächst trotzdem.“ Grund dafür sei die stetige Entwicklung der Produktivität. „Dass die Alten die Jungen ausbeuten, ist absoluter Blödsinn“, sagte Heyse (siehe Beitrag unten). Der Gewerkschaftsmann formuliert eine klare Botschaft: „Für uns sind nur die Politiker wählbar, die sich für eine Rückkehr zum alten Umlageverfahren einsetzen.“

Das ließ sich Möhring nicht zweimal sagen. „Wir sind die einzige Partei, welche diese Forderung vertritt“, so die Linke. Das Drei-Säulen-Modell aus staatlicher Rente, Riester-Rente und Betriebsrente müsse weg. Sie wolle mit dem Rentenniveau zurück auf 53 Prozent und die Erhöhung des Rentenalters auf 67 Jahre zurücknehmen. Berufsständische Altersvorsorge wolle sie abschaffen. „Es soll eine solidarische Versicherung geben, in die alle einzahlen, auch Beamte, Ärzte, Juristen, Architekten, Abgeordnete“, sagte Möhring. Der Staat solle für erziehende Eltern und Langzeitarbeitslose zahlen.

Rossmann sagte: „Ich bin auch für eine Rentenversicherung, in die alle einzahlen. Aber damit steigern wir das Rentenniveau nicht auf 50 Prozent plus X. Dann müssen auch die Rentenbeiträge deutlich steigen. Da waren die Gewerkschaften immer dagegen.“ Rossmann warnte davor, die Beiträge allein am Entgelt, also am Faktor Arbeit, festzumachen. „Wir haben auch eine wirtschaftspolitische Verantwortung. Niemandem ist damit gedient, wenn die Arbeitgeber Arbeitsplätze ins Ausland verlagern.“ Er setze sich statt dessen für eine steuerfinanzierte Stützung des Rentensystems mit betrieblicher Vorsorge ein.

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erstellt am 24.Mär.2016 | 16:00 Uhr

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