Kreis Pinneberg : Rente mit 70 im Kreuzfeuer

Wer im Seniorenalter noch berufstätig ist, soll davon finanziell profitieren.
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Wer im Seniorenalter noch berufstätig ist, soll davon finanziell profitieren.

Sozialverband und Gewerkschaftsbund lehnen den Vorstoß der Bundesagentur für Arbeit ab.

shz.de von
11. Januar 2015, 11:00 Uhr

Kreis Pinneberg | Berufstätige, die sich auch nach dem Erreichen des gesetzlichen Rentenalters von 65 Jahren noch fit fühlen, sollen auf freiwilliger Basis bis 70 weiterarbeiten dürfen – und dann finanzielle Boni kassieren. Auf diese Weise soll die bundesweite Problematik des Fachkräftemangels zumindest abgemildert werden – jedenfalls, wenn es es nach Frank-Jürgen Weise geht. Der Chef der Bundesagentur für Arbeit brachte die Idee vor einigen Tagen in die Öffentlichkeit.

Im Kreis Pinneberg indes stößt der Vorstoß auf harsche Kritik. „Die Agentur für Arbeit hat damit einen kapitalen Fehlstart ins neue Jahr hingelegt“, sagt Gerhard Renner, der Vorsitzende des Sozialverbandes Deutschland im Kreis Pinneberg. Die Realität sehe völlig anders aus. So sei von den 60 bis 65-Jährigen überhaupt nur jeder Dritte sozialversicherungpflichtig beschäftigt, gerade einmal jeder Zwanzigste arbeite bis zum geltenden Regelalter für den Rentenbeginn. Vor allem aus gesundheitlichen Gründen würden die meisten früher aufhören und dafür Abschläge in Kauf nehmen. „Die besten Gegenmittel zum Fachkräftemangel“, so Renner weiter, „wären eine bessere Gesundheit am Arbeitsplatz und flexible Wochenarbeitszeiten für Ältere“.

Auch der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) steht der Idee ablehnend gegenüber. „Für mich handelt es sich dabei um einen Testballon, um das Rentenalter auch gesetzlich auf 70 Jahre anzuheben“, sagt Andreas Sankewitz, Geschäftsführer der DGB-Region Schleswig-Holstein Südost. Die Beliebtheit der im vergangenen Sommer eingeführten Rente mit 63, durch die Arbeitnehmer – 45 Beitragsjahre vorausgesetzt – auch schon zwei Jahre früher als bislang abschlagsfrei in den Ruhestand gehen dürfen, sei ein eindeutiges Zeichen. „Mehr als 100.000 Menschen haben die Rente mit 63 schon beantragt. Das zeigt, dass es einen großen Bedarf gibt, sich rechtzeitig aus dem Arbeitsleben zu verabschieden“, so Sankewitz.

Dies sieht auch Propst Thomas Drope so, der überdies auf den Generationenvertrag hinweist. „Wir sollten alles dafür tun, dass junge Leute gut in Lohn und Brot kommen und ihnen nicht die möglichen Arbeitsplätze nehmen, indem ältere Arbeitnehmer diese besetzen“, sagt er. Auf der anderen Seite gebe es allerdings viele Senioren, von deren über die Jahre erworbenem Know-How viele Betriebe profitieren können: dies sei allerdings auch auf ehrenamtliche Weise möglich.

Positiv bewertet hingegen der Unternehmensverband Unterelbe-Westküste den Vorschlag. „Der Anstoß ist richtig und notwendig, um den Fachkräftemangel wenigstens zum Teil zu lösen“, sagt Geschäftsführer Ken Blöcker. Es sei nach der Einführung der Rente mit 63 höchste Zeit, auch auf der anderen Seite Flexibilität herzustellen. „Wer gern länger arbeiten möchte, sollte davon auch profitieren“, so Blöcker. Der Bedarf sei da: Die Biografie der heute 69-Jährigen sei zumeist „ganz anders als noch vor 30 Jahren“.

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