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Pinneberger Tageblatt

16. Dezember 2017 | 19:58 Uhr

Kreis Pinneberg : Regio Mobil sucht Fachärzte

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Ärzte betreuen ehrenamtlich Menschen, die keinen Anspruch auf Versorgung haben. Trägerverein plant zweite Anlaufstelle in Pinneberg.

von
erstellt am 21.Apr.2015 | 10:00 Uhr

Kreis Pinneberg | Als der Verein Regio Mobil – Regionale medizinische Hilfe in Notlagen im Kreis Pinneberg vor gut einem halben Jahr die offene Praxis Sozius in Elmshorn eröffnet hatte, waren die Organisatoren um Ulrich Grobe davon ausgegangen, „dass Menschen mit Weh-Wehchen kommen“. Doch nach etwa sieben Monaten zieht Vorstandsvorsitzender Grobe nun eine erschreckende Bilanz: „Teilweise waren die Menschen in allergrößter Not.“ So behandelten die acht Ärzte in der Praxis am Hainholzer Damm, die Anlaufstelle für all diejenigen ist, die aufgrund fehlendem Versicherungsschutzes nicht behandelt werden würden, ehrenamtlich etwa einen Patienten, dessen Herzschrittmacherbatterie leer war. Oder etwa einen Patienten, dessen Lungenentzündung schon so weit fortgeschritten war, dass „er nur noch eine Woche zu leben gehabt hätte“, so Grobe.

Sehr vagen Schätzungen zufolge würden im Kreis Pinneberg 400 bis 1000 Menschen leben, die über keinen Versicherungsschutz verfügten, sagte Grobe. Dazu zählten etwa Personen, die sich illegal in Deutschland aufhalten, und Selbstständige, die nicht mehr in der Lage sind, ihre Prämien zu bezahlen. Diese werden dann kostenlos und auf Wunsch anonym  behandelt. Um das Angebot aufrecht halten und mittelfristig auch in Pinneberg eine offene Praxis eröffnen zu können, benötigt der Verein allerdings weitere Mediziner, die sich ehrenamtlich engagieren. Vor allem Fachärzte werden gesucht.

Die offene Praxis Sozius in Elmshorn hat innerhalb des ersten halben Jahres nach ihrer Eröffnung Mitte September 2014 insgesamt 14 Patienten behandelt, fünf davon waren Deutsche, die anderen Personen kamen aus Bulgarien, dem Libanon, Rumänien, der Türkei und aus Tunesien. Das teilte Ulrich Grobe, Vorstandsvorsitzender des Betreibervereins Regio Mobil – Regionale medizinische Hilfe in Notlagen im Kreis Pinneberg, mit.

In der Praxis im Haus der Begegnung im Hainholzer Damm 11 behandeln acht Ärzte montags in der Zeit von 18 bis 19 Uhr ehrenamtlich Menschen, die keinen Anspruch auf medizinische Versorgung haben – etwa Selbstständige, die ihre Prämien nicht mehr bezahlen können, Durchreisende oder Personen, die über keine Aufenthaltsgenehmigung verfügen. „Die Behandlung ist kostenlos und anonym. Bei Bedürftigkeit übernimmt der Verein in begrenztem Umfang auch die Kosten für notwendige Medikamente“, sagt der Pinneberger Grobe. Das Geld dafür erhält der eingetragene Verein aus Mitgliedsbeiträgen und Spenden.

Der Verein Regio Mobil – Regionale medizinische Hilfe in Notlagen im Kreis Pinneberg wurde am 10. Juli 2013 gegründet. Er ist im Vereinsregister Pinneberg eingetragen und vom Finanzamt Itzehoe als gemeinnützig anerkannt. Vorsitzender ist Ulrich Grobe, seine Stellvertreter Bankwirt Christian Kähler und Dirk Kehrhahn, Geschäftsführer des Flora-Gesundheitszentrum in Elmshorn.
Der Mitgliedsbeitrag ist für Personen mit 60 Euro jährlich festgesetzt. Juristische Personen zahlen je nach Anzahl der Mitarbeiter einen gestaffelten Beitrag: bis zehn Mitarbeiter 120 Euro, bis 25 Mitarbeiter 240 Euro, ab 26 Mitarbeiter 360 Euro im Jahr.

Die Praxis wurde laut Grobe, der einst Leiter der Zweigstelle Elmshorn der Industrie- und Handelskammer zu Kiel war, in den zurückliegenden etwa sieben Monaten aus unterschiedlichen Gründen aufgesucht: „Drei Patientinnen kamen im Zusammenhang mit Schwangerschaftsbeschwerden. In drei Fällen wurde Patienten geholfen, die lebensbedrohlich erkrankt waren: Ein Patient litt unter einer Lungenentzündung in weit fortgeschrittenem Stadium.“ Ihm sei mit Antibiotika gerade noch rechtzeitig geholfen worden. Gleiches erhielt, so schildert der Vorstandsvorsitzende weiter, ein Patient mit einer durch Bakterien hervorgerufenen massiven Herzschwäche. „Bei einem Patienten war die Batterie des Herzschrittmachers leer. Andere Patienten litten zum Beispiel unter schwerer Diabetes, Blasenentzündung und Verletzungen“, sagte der Pinneberger. In besonders schweren Fällen hilft die offene Praxis auch bei der Vermittlung an Fachärzte oder Kliniken, die bereit sind, die Hilfesuchenden ebenfalls kostenlos und auf Wunsch auch anonym zu behandeln.

Nicht die Anzahl der Fälle zählt, sondern die Härte

Grobe mahnt im Zuge der Halbjahresbilanz, nicht auf die Zahl der Fälle zu achten, sondern „vielmehr auf die Schwere und Bedrohlichkeit der Erkrankungen“. Er und sein Team, in dem sich Allgemeinmediziner, Chirurgen, Dermatologen und Arzthelferinnen befinden, gingen davon aus, dass sich das offene Praxis-Angebot noch nicht ausreichend unter den Menschen ohne Krankenversicherungsschutz herumgesprochen habe. „Viele der Patienten brachten Dolmetscher mit, weil sie der deutschen Sprache nicht mächtig waren. Dieser Personenkreis ist über die deutschen Medien nicht zu erreichen. Die Betroffenen haben überdies untereinander vielfach kaum Kontakt“, sagte der Vorstandsvorsitzende. Sehr vagen Schätzungen zufolge würden im Kreis Pinneberg etwa 400 bis 1000 Personen leben, die nicht Mitglied bei einer Gesundheitskasse sind.

Der Verein Regio Mobil – Regionale medizinische Hilfe in Notlagen im Kreis Pinneberg würde gern eine zweite offene Praxis eröffnen – diesmal in Pinneberg. Dafür sucht er noch einen Raum, der ihm für etwa eine Stunde pro Woche zur Verfügung stehen. In diesen sollte eine Schrank für Unterlagen und Verbandsmaterial stehen können.

Doch der noch mangelnde Bekanntheitsgrad ist nicht das einzige Problem: Grobe ruft Mediziner dazu auf, sich an dem ehrenamtlichen Projekt zu beteiligen: „Wir würden uns dazu Hilfe von Fachärzten wünschen, die sich bereit erklären, in ihren Praxen jährlich ein bis zwei Untersuchungen gratis durchzuführen.“ Besonderer Bedarf bestünde an Gynäkologen, da die offene Praxis Sozius über keine Geräteausstattung und auch nicht über die spezielle Fachkenntnis verfüge. Im Gegenteil: Die offene Praxis ist eigentlich ein Gymnastikraum, in dem lediglich ein Tisch, drei Stühle und eine Untersuchungsliege stehen. Zur Behandlung bringen die Mediziner ihre eigenen Notfallkoffer mit.

Wer mit Grobe Kontakt aufnehmen und die offene Praxis Sozius unterstützen möchte, kann sich unter Telefon 04101-3737904 bei ihm melden. Alternativ ist der Vorstandsvorsitzende auch per E-Mail zu erreichen.

Weitere Informationen zu dem Hilfsprojekt gibt es auf der Homepage des Trägervereins. Dort steht auch ein Informationsflyer in acht verschiedenen Sprachen zum Herunterladen, Ausdrucken und Verteilen oder Auslegen bereit.

Jeder Bürger muss krankenversichert sein. Die Pflicht gilt in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) seit April 2007, in der privaten (PKV) seit Januar 2009. Die Zuordnung zu GKV oder PKV orientiert sich daran, wo der Betreffende zuletzt versichert war oder welchem Versicherungssystem er zuzuordnen ist. Wie bereits bei der GKV wurde für die PKV die Möglichkeit ausgeschlossen, die Versicherung bei Beitragsrückständen zu kündigen.
Die Zahl der Nichtversicherten in Deutschland hatte von der Mitte der 1990er Jahre bis 2007 stetig zugenommen. Laut Statistischem Bundesamt ist die Zahl der Nicht-Krankenversicherten von 196.000 in 2007 auf 139.000 in 2011 gesunken.
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