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Keine Krankenversicherung : Raus aus der „illegalen Situation“

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

200 Menschen leben im Kreis Pinneberg ohne Krankenversicherungsschutz. Für diese Menschen gibt es jetzt Hilfe bei der Bewältigung ihrer Schulden.

shz.de von
erstellt am 10.Dez.2013 | 12:00 Uhr

Pinneberg | Zirka sechs Jahre war lang war Thomas Goitsch nicht beim Arzt gewesen. Er ging nicht zu Vorsorgeuntersuchungen und biss die Zähne zusammen, wenn er Schmerzen hatte. Der 54-jährige gebürtige Elmshorner erlebte einen gesellschaftlichen Absturz, wohnte einige Jahre in einer Obdachlosenunterkunft, lebte vom Pfandflaschensammeln und gehörte zu den zirka 200 Menschen, die im Kreis Pinneberg ohne Krankenversicherungsschutz leben. Von diesen Zahlen geht Peter Diekmann, Sozialarbeiter bei der Sozialen Wohnraumhilfe des Diakonischen Werks Hamburg-West/Südholstein, aus.

Trotzdem machte Goitsch Schulden bei seiner früheren Krankenkasse. Denn seit dem 1. April 2007 besteht in Deutschland für jede Person eine Krankenkassenversicherungspficht. Dafür sind Beiträge zu zahlen, wie Diekmann erläutert. „Doch insbesondere wohnungslose Menschen, die keine staatlichen Leistungen wie Arbeitslosengeld, Rente oder Sozialhilfe erhalten, könnten das nicht leisten und hätten oft über einen längeren Zeitraum tausende Euro Schulden angehäuft – ohne eine Gesundheitsversorgung erhalten zu haben“, so Diekmann.

Schulden werden erlassen

Für diese Menschen gibt es jetzt Hilfe bei der Bewältigung dieser Schulden. „Mit einem neuen Beitragsschuldengesetz werden diesen Menschen ihre Schulden erlassen, wenn sie sich bis zum 31. Dezember bei einer Krankenkasse anmelden“, so Diekmann. Unterstützung bietet dabei das Diakonie-Team der Sozialen Wohnraumhilfe in Pinneberg. Das Problem könne laut Diekmann beispielsweise auch Menschen betreffen, die in 400-Euro-Jobs arbeiten und nicht familienversichert sind – nicht nur zahlreiche der von Diekmann geschätzten 400 Menschen im Kreis, die als Reisende unterwegs seien, in Gartenlauben, Autos oder in Obdachlosenunterkünften leben.

Goitsch ist einer derjenigen, der von dem Beitragsschuldengesetz profitiert und sich bei der Diakonie in Pinneberg Hilfe suchte. Der 54-Jährige hat einen Weg hinter sich, der ihn von ganz oben ans andere Ende der Gesellschaft – und aus der gesundheitlichen Absicherung durch eine Krankenkasse führte.

Mehr als zehn Jahre hatte er selbstständig eine Dekorationsfirma betrieben, bis diese 2006 Pleite ging. „Da bin ich seelisch ins Schleudern geraten“, erzählt Goitsch. „Ich bin gar nicht auf die Idee gekommen, Insolvenz anzumelden. Ich stand eines Tages vor verschlossenen Türen meiner Firma, weil ich die Miete nicht mehr bezahlen konnte, bin dann nach Hause gefahren und habe mich um nichts mehr gekümmert.“ Er scheiterte an der damaligen Bürokratie, Arbeitslosengeld zu beantragen, und begann wenig später, Pfandflaschen für seinen Lebensunterhalt zu sammeln. 120 bis 150 Euro im Monat kamen zusammen.

„Mir war die gesamte Situation total peinlich. Ich habe mir immer über die Schulter geschaut, bevor ich Flaschen aus dem Müll gezogen habe.“ Seine Eigentumswohnung verlor er ein paar Monate nach der Firmenpleite und musste in eine Obdachlosenunterkunft in Uetersen ziehen. „Wenn sie ein Leben lang für Ihren eigenen Lebensunterhalt gesorgt haben und so einen Absturz erleben, ist es ihnen oberpeinlich, um Hilfe zu bitten – ja zu betteln“, so Goitsch. Er brach den Kontakt zu seiner Familie aus Scham ab.

Zum Handeln gezwungen

Seine Krankenkasse? Darum kümmerte er sich nicht. Er war als Selbstständiger privatversichert gewesen. Schon vor der Firmenpleite ließ er sich beitragsfrei stellen und schob weitere Gedanken an das Thema von sich. Doch auch bei Privatversicherten besteht seit 1. Januar 2009 eine Krankenversicherungspflicht. Mehr als 2500 Euro Schulden häufte er dort an. „Selbstverständlich hätte ich auch mal zum Arzt gehen müssen, hatte auch Zahnschmerzen“, sagt der 54-Jährige. „Aber ich bin davon ausgegangen, dass ich nicht mehr versichert bin und es hat mich auch nicht interessiert.“ Genau erklärt habe ihm die Situation nie jemand. Ernsthaft krank gewesen sei er in der Zeit glücklicherweise nicht.

Als sich sechs Jahre später Briefe der Stadt Uetersen in seinem Briefkasten häuften mit der Aufforderung, seine Schulden für die Obdachlosenunterkunft zu begleichen, sah Goitsch sich zum Handeln gezwungen. Vom Pfandflaschensammeln hatte Goitsch die Miete von 210 Euro im Monat nicht bezahlen können. 2011 ging er daraufhin zum Jobcenter und holte sich Unterstützung bei der Diakonie. Der 54-Jährige bewohnt inzwischen eine eigene Wohnung in Quickborn, erhält Arbeitslosengeld, das Privatinsolvenzverfahren läuft, ein Job steht in Aussicht.

Darüber, dass er Unterstützung der Diakonie bekommen hat, um auch seine Krankenkassenversorgung zu sichern sowie von den Beitragsschulden befreit zu werden und ein Problem weniger zu haben, ist er erleichtert. „Seit ich den Kopf wieder frei habe, ist es mir nicht mehr egal“, so Goitsch. „Die illegale Situation macht einen irgendwann fertig. Ich bin mittlerweile ein anderer Mensch geworden beziehungsweise der, der ich mal gewesen bin.“

Schuldenerlass: Gesetz und Hilfestellen

Wer bis zum 31. Dezember 2013 seine Versicherungspflicht anzeigt, dem sollen die Krankenkassen die Beitragszahlungen und Säumniszuschläge, die sich bislang auf bis zu fünf Prozent im Monat beliefen, für den Zeitraum vom Entstehen der Versicherungspflicht (1. April 2007) bis zur Anzeige der Versicherungspflicht erlassen werden. Das geht aus dem „Gesetz zur Beseitigung sozialer Überforderung bei Beitragsschulden in der Krankenversicherung“ hervor. Unterstützung leistet dabei die Diakonie-Wohnungslosenhilfe im Kreis Pinneberg, Bahnhofstraße 12 in Pinneberg, Telefon: (04101) 8528015 und (04101) 8528013.

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