Bürgermeisterwahl in Pinneberg : Rathaus-Profi gegen Underdog: Steinberg und Sharma im Duell

Amtsinhaberin Urte Steinberg (rechts) und Herausforderer Jitendra Sharma, beide parteilos, antworten dem Publikum. Bürgervorsteherin Natalina di Racca-Boenigk moderiert.
Amtsinhaberin Urte Steinberg (rechts) und Herausforderer Jitendra Sharma, beide parteilos, antworten dem Publikum. Bürgervorsteherin Natalina di Racca-Boenigk moderiert.

Amtsinhaberin Urte Steinberg und Herausforderer Jitendra Sharma stellen sich vor.

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24. August 2018, 12:00 Uhr

Pinneberg | Kurz nach 19 Uhr. Draußen herrschen am Mittwochabend sommerliche Temperaturen und die Luft in der Sporthalle der Theodor-Heuss-Schule ist stickig. Das hat aber etwa 200 Pinneberger nicht davon abgehalten, zur Bürgermeistervorstellungsrunde zu kommen. Platz wäre für 500 Besucher gewesen. Zwei Bewerber sind im Rennen: Amtsinhaberin Urte Steinberg und Herausforderer Jitendra Sharma, beide parteilos. Der Rathausprofi mit langjähriger Verwaltungserfahrung gegen den Underdog, der seinen Lebensunterhalt mit Taxifahren verdient. Wenn man so will: David gegen Goliath.

Die Moderation übernimmt an diesem Abend Bürgervorsteherin Natalina di Racca-Boenigk (CDU) – souverän wie man das aus den Sitzungen der Ratsversammlungen von ihr gewohnt ist. Der Rahmen ist generalstabsmäßig abgesteckt: Jeder Kandidat hat zunächst zehn Minuten Redezeit, um sich vorzustellen. 15 Minuten darf das Publikum dann Fragen stellen, während der Gegenkandidat die Turnhalle verlassen muss. Der dritte Teil besteht aus einer Fragerunde, bei der beide Kandidaten abwechselnd antworten dürfen. Dann erhalten beide die Gelegenheit, ein Schlusswort zu halten.

Die Reihen in der Sporthalle füllen sich.
René Erdbrügger
Die Reihen in der Sporthalle füllen sich.
 

Sharma darf beginnen, so will es das Los. Er überlässt allerdings Steinberg – gekleidet im dunkelblauen Kleid mit weißen Pünktchen – den Vortritt. Ganz Kavalier der alten Schule. Die Amtsinhaberin liefert einen gut strukturierten Vortrag ab. Keine Versprecher, kein Zittern in der Stimme. Steinberg ist die Ruhe selbst. Sie weist auf ihre Qualitäten hin. 60 bis 80  Stunden in der Woche arbeite sie. So ein Amt könne man nur mit Herzblut bekleiden. „Toll, dass Sie heute Abend gekommen sind. Denn ich möchte Sie gern mitnehmen. Mitnehmen auf eine kleine gedankliche Reise. Durch mein Leben. Durch meine Arbeit. Und in die Zukunft.“ Steinberg wirft eine Trumpfkarte nach der anderen: der Innenhof der THS sei endlich fertig, die Westumgehung sei im Bau, in Kürze starte die Sanierung des Bahnhofs, die Parkstadt wachse rasant, der Leerstand in der City sei fast auf ein Drittel geschrumpft. „Mit anderen Worten: Die Weichen sind gestellt. Ich würde gern weitermachen und den eingeschlagenen Weg konsequent fortsetzen“, sagt sie.

Dann wirft sie einen rosigen Blick in die Zukunft von Pinneberg mit ihr als Bürgermeisterin: Die Schulen sind saniert, der Bahnhof ist umgebaut, die Kunstrasenplätze sind gebaut, das dritte Feuerwehrhaus steht, um nur einige Beispiele zu nennen. „Mir reicht das noch nicht. Ich will mehr“, sagt Steinberg und stellt ihren Fünf-Punkte-Plan vor. Der sieht unter anderem vor, dass die Bürger Online-Anträge im Rathaus stellen können. Außerdem soll es mehr Angebote für Jugendliche geben. Für die Senioren sollen die Geh- und Radwege zum Teil saniert werden. Es sollen mehr Sozialwohnungen in Pinneberg zur Verfügung stehen, und die Züge zum Hauptbahnhof nach Hamburg sollen im Halbstundentakt und die S-Bahn bis 24 Uhr im Zehn-Minuten-Takt fahren. „Schenken Sie mir ein zweites Mal Ihr Vertrauen. Helfen Sie mit, dass diese Vision Wirklichkeit wird“, appelliert sie an das Publikum.

Sympathien des Publikums

Dann hat Sharma das Wort. Das blaue Sakko zum blauen Hemd hat er ausgezogen. Dass er Lampenfieber habe, wiederholt er mehrmals. Man merkt es seiner Stimme an. Die Sympathien des Publikums hat er dennoch auf seiner Seite, weil er offen und ehrlich ist. „Ich werde heute keine Versprechen machen, die ich morgen nicht halten kann. Mir geht es nicht darum, hier und heute zu gewinnen, sondern darum, dass Sie mir Ihr Vertrauen schenken“, sagt er. Zu seinen Zielen für Pinneberg gehört es, mehr Kita-Plätze zu schaffen und die Gebühren abzuschaffen. „Klingt utopisch, ist es aber nicht.“ Für die Modernisierung, die Digitalisierung und die Sanierung der Schulen will er sich einsetzen. „Den Sanierungsstau werde ich effektiv abbauen.“ Die Radwege will er vernetzen und Ladesäulen für Elektrofahrzeuge schaffen.

So weit, so gut. Doch bei der Fragerunde legen einige Bürger den Finger in die offensichtliche Wunde. „Wie wollen Sie Ihre mangelnde Verwaltungserfahrung kompensieren?“ „Sie haben recht. Ich habe keine Verwaltungserfahrung“, sagt er. Aber Sharma habe Durchsetzungsvermögen. Er setze auf den Dialog mit der Verwaltung und der Politik. „Ich werde mich soweit durchsetzen, bis ich mein Ziel erreicht habe.“

Gemeinsame Fragerunde

Bei der gemeinsamen Fragerunde hat Steinberg klar die Nase vorn – schon allein aufgrund ihres Wissensvorsprungs und ihrer Erfahrung. Es fänden alle zwei bis drei Monate Treffen mit den Nachbargemeinden statt, gibt sie einem Bürger zur Antwort. Halte Steinberg eine Fusion mit einer Nachbargemeinde für möglich? „Dass bezweifele ich“, sagt Steinberg. Außerdem erklärt sie, dass Mitte September mit dem Umbau des Bahnhofs und einer neuen Unterführung begonnen werde.

Sharma bleibt außen vor. „Es passiert so, wie Steinberg es sagt“, antwortet er. Oder: „Ich schließe mich an.“ Zu einigen Fragen kann er überhaupt nichts sagen: „Weiß ich nicht.“ Auch zum Thema Paaschhalle punktet nur Steinberg: „Es gibt keinen Abriss.“

Nur eine Fangfrage

Zugegeben: Die Fragen der höflichen Bürger an diesem Abend sind unaufgeregt. Nur einmal gibt es so etwas wie eine Fangfrage. Welchem Projekt würden die Kandidaten zustimmen? Einem Fahrradschnellweg an der A 23 oder dem sechsspurigen Ausbau der Autobahn zum zehnfachen Preis. Sharma ist für den Ausbau, Steinberg setzt auf die Umwelt: „Gut, wenn wir alle Rad fahren.“ Das gefällt den Pinnebergern. Es gibt Applaus für Steinberg.

Abschließend appelliert Di  Racca-Boenigk an die Bürger, zur Wahl zu gehen. „Es ist eine Bürgerpflicht. Andere Länder würden sich darüber freuen.“ Am Sonntag, 9. September, ist Bürgermeisterwahl. Dann entscheiden die Pinneberger, wer für die nächsten sechs Jahre die Verwaltung führen wird: der Profi oder der Underdog.

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