Ramazotti und Sinatra in der Küche

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In Roberto Santorellis Bistro in Quickborn werden die Gäste nicht nur kulinarisch, sondern auch akustisch verwöhnt / 39-Jähriger hat sich alles selbst beigebracht

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22. März 2014, 16:00 Uhr

Am Anfang steht das Klischee. Es lautet: Italiener singen für ihr Leben gern. Wer schon einmal gehört hat, wie italienische Fußball-Nationalspieler – im Gegensatz zu deutschen – vor Länderspielen voller Inbrunst ihre Hymne mitschmettern, dürfte davon überzeugt sein.

Sogesehen bestätigt Santorelli das Klischee. Denn der 39-Jährige praktiziert ebenfalls die Kunst des Tönetreffens – zwar nicht auf dem Sportplatz. Dafür aber am Herd. Genauer gesagt in der Küche seines Bistros „Italiano Unico“ in der Bahnhofstraße in Quickborn. „Wenn ich koche, dann singe ich eigentlich fast immer. Das ist mein Markenzeichen und unsere Gäste wissen das“, erzählt Santorelli.

Auf dem Musikmenü stehen dabei fast ausschließlich Interpreten aus seiner Heimat. Eros Ramazotti beispielsweise oder Adriano Celentano. Mitunter trällert der Gastronom auch zu Frank Sinatra, durch dessen Adern bekanntlich ebenfalls italienisches Blut floss. Seine Gesangskünste einmal außerhalb seines Lokals unter Beweis zu stellen, vielleicht vor Publikum, käme für Santorelli dann aber doch nicht in Frage: „Schuster bleib bei deinen Leisten“, bemüht er ein deutsches Sprichwort.

Und diese Leisten, die liegen eindeutig zwischen Schneebesen und Nudelholz. Denn Santorelli ist nicht nur Koch aus Leidenschaft, er „schmeißt“ seinen Laden, auch ganz alleine. „Ich kümmere mich um alles, vom Einkaufen bis zum Kochen“, erzählt er. Demzufolge sei die Speisekarte relativ schmal. „Wenige, aber dafür gute Gerichte sind besser als umgekehrt. Dafür wechseln die Angebote ständig“, so der 39-Jährige, der, wie er betont, dreimal pro Woche auf den Großmarkt geht. Beigebracht hat er sich alles selbst. „Ich bin Autodidakt, habe nie eine Ausbildung zum Koch absolviert.“

Das indes war eine Notwendigkeit, die sich aus seiner Familiengeschichte ergibt. Die Santorellis stammen aus der Nähe von Bari in Apulien. Die 300 000-Einwohner-Stadt liegt im Süden des Landes, am oberen Absatz des italienischen Stiefels. Vor gut 50 Jahren siedelte Mario Santorelli, Robertos Vater, nach Deutschland über und fasste nach einigen harten Anfangsjahren in der Gastronomie Fuß, betrieb unter anderem Restaurants in Norderstedt und Hasloh. Das Problem: Der 69-Jährige konnte – und kann bis heute – nicht kochen. Die Aufgabe übernahmen Angestellte. Als der in Italien geborene Filius dann 1995 seinem Vater in die Bundesrepublik folgte, schaute er diesen so oft über die Schultern, bis er selbst in der Lage war, Gäste zu bewirten. Die Nagelprobe folgte schließlich mit der Eröffnung des „Italiano Unico“ vor drei Jahren, in dem es gar keine anderen Köche mehr gibt. Lediglich sein Vater hilft aus – allerdings nur im Service. „Krank werden“, sagt Santorelli, „darf ich nicht.“

Mittlerweile, nach fast 20 Jahren, fühlt sich der 39-Jährige hierzulande so wohl, dass er von Deutschland als seiner Heimat spricht. Sogar mit der teutonischen Küche kann er sich anfreunden. „Ich liebe zum Beispiel Grünkohl“, sagt er. Aversionen pflegt er allerdings auch. Zum Beispiel gegen Matjeshering. „Ich liebe Fisch, der ja auch zur italienischen Küche gehört. Aber da kann ich einfach nicht ran.“ In seinem Bistro gibt es den jungen Hering folglich nicht, dafür finden sich teils exotische Kombinationen auf der Speisekarte. „Beispielsweise Nudeln mit Kartoffeln. Eine Spezialität aus Süditalien“, sagt er. Was die Beziehung zum Land ihrer Herkunft betrifft, da gehen die Ansichten der Santorellis im Übrigen auseinander. Während Vater Mario sich nicht darum reißt, besucht Roberto gern und mindestens einmal pro Jahr den Rest der Familie im heimatlichen Bari. Nicht zum gemeinsamen Singen. Wobei das nicht so abwegig wäre. „Wir Süditaliener haben den Gesang im Blut“, sagt er. Da ist es wieder, das Klischee.

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