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Rellingen/Itzehoe : Prozessauftakt im Brandstifter-Prozess von Rellingen

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Scharfe Kontrollen vor dem Eingang zum Verhandlungssaal. Staatsanwaltschaft will weitere zwölf Taten nachweisen.

Itzehoe/Rellingen | Die Sicherheitsvorkehrungen sind für einen Prozess am Itzehoer Amtsgericht ungewöhnlich hoch. Am Eingang passieren Besucher eine Schleuse mit Detektor, der jede Gürtelschnalle mit einem hellen Piepton meldet. Jacken und Taschen werden kontrolliert. Doch wer in Saal 1 möchte, wird an diesem Tag auch abgetastet. Mehrere Justizangestellte beobachten mit Argusaugen, wer sich auf dem Flur bewegt. In Saal 1 hat gestern der Prozess gegen André M., den mutmaßlichen Feuerteufel von Rellingen, begonnen.

„Die Sicherheitsvorkehrungen wurden getroffen, weil ein großer Besucherandrang und großes Medieninteresse zu erwarten waren“, sagte Julia Gärtner, Sprecherin des Landgerichts in Itzehoe. Mit dem privaten Umfeld des Angeklagten oder möglichen Racheakten von Geschädigten der Rellinger Brandstiftungs-Serie habe das nichts zu tun.

Das Itzehoer Schöffengericht wird zunächst beurteilen müssen, ob André M. für drei Feuer in Rellingen verantwortlich ist. Laut Anklage hat sich am Abend des 8. September Folgendes abgespielt: Gegen 23 Uhr tritt er aus seiner Wohnung auf die Straße An der Rellau in Rellingen. Er stopft Papier zwischen Reifen und Kotflügel eines Opel. Dann zündet er das Papier an und verschwindet wieder in der Wohnung. Zivilfahnder, die ihn observieren, löschen die Flammen.

Laut Anklage wiederholt sich die Prozedur etwa eine halbe Stunde später. Demnach macht er sich wieder an dem Opel zu schaffen, zündet Prospekte an, kehrt in seine Wohnung zurück. „Der Angeklagte hat zumindest in Kauf genommen, dass der Wagen ausbrannte“, sagte Staatsanwalt Kjell Gasa. Seiner Überzeugung nach kommt Andre M. ein drittes Mal auf die Straße. Diesmal ist ein VW-Polo sein Ziel. Auch dort stopft er Papier in ein Radhaus und zündet es an. Diesmal nehmen die Fahnder den mutmaßlichen Brandstifter fest.

Strenge Kontrollen: Zahlreiche Justizangestellte überwachen den Eingang zum Saal 1 im Itzehoer Amtsgericht. (Foto: tvr)
Strenge Kontrollen: Zahlreiche Justizangestellte überwachen den Eingang zum Saal 1 im Itzehoer Amtsgericht. (Foto: tvr)
 

André M. betritt mit Handschellen den Gerichtssaal. Das Gesicht des 27-Jährigen wirkt jugendlich. Er schiebt einen prall gefüllten Aktenordner vor sich auf den Tisch. Doch lange muss er nicht Platz nehmen. Staatsanwalt Gasa verliest die Anklageschrift. André M. äußert sich nicht zu den Vorwürfen. Damit ist die Sitzung beendet. Angehörige beugen sich über die Barriere zwischen Zuschauerraum und Verhandlungssaal, umarmen den Angeklagten.

André M. wird eine ganze Serie von Brandstiftungen und Sachbeschädigungen vorgeworfen. Wie Gasa der Agentur TVR-News sagte, erhebt die Staatsanwaltschaft weitere zwei Anklagen, die insgesamt zwölf Taten umfassen. Der Anschlag auf den Bus der Rellinger Jugendhilfe ist nach Informationen dieser Zeitung allerdings nicht darunter. Dafür liegen nicht genug Beweise vor.

Die Gemeinde Rellingen hatte Anzeige erstattet, nachdem der Bus der Jugendhilfe von einem Feuer zerstört und das Rathaus beschädigt worden waren. Bürgermeisterin Anja Radtke (parteilos) sagt auf Anfrage: „Bisher kam der Anschlag auf Bus und Rathaus nicht zur Anklage. Das ist sehr bedauerlich. Aber ich hoffe nach wie vor, dass wir Aufklärung bekommen.“ Zur Beweislage sagte sie: „Es gibt viele Indizien. Ich vertraue auf die Staatsanwaltschaft. Wichtig ist vor allem, dass es jetzt erst einmal losgegangen ist.“

Richter Dominik Mardorf (rechts) wird mit den Schöffen Johann Hansen und Thomas Teichert Ende März ein Urteil fällen. (Foto: Roolfs)
Richter Dominik Mardorf (rechts) wird mit den Schöffen Johann Hansen und Thomas Teichert Ende März ein Urteil fällen. (Foto: Roolfs)
 

Bisher ungeklärt ist auch, ob André M. hinter dem Facebook-Pseudonym Felix Steiner steckt. Auf dem nach einem SS-Offizier benannten Profil waren wüste Drohungen ausgestoßen worden. Ein Internetnutzer hatte sich als Steiner zu einigen Brandanschlägen bekannt sowie Mord und Missbrauch in Rellingen angekündigt. André M. hatte 2007 als „Apfelfest-Bomber“ Schlagzeilen gemacht. Der Plan für ein Attentat konnte ihm nicht nachgewiesen werden. Er wurde aber wegen Sachbeschädigung in mehr als 100 Fällen verurteilt und in eine Psychiatrie geschickt, aus der er 2013 entlassen wurde.

Es gibt Zeichen dafür, dass André M. diesmal nicht in eine Psychiatrie eingewiesen wird. Solch eine Entscheidung kann nur das Landgericht fällen. Das Gutachten einer Psychiaterin war bisher unterschiedlich interpretiert worden. Während die Staatsanwaltschaft eine Einweisung für möglich hielt, kam das Landgericht zu einem anderen Ergebnis und verwies das Verfahren deswegen an das Amtsgericht.

Der Prozess wird am Montag, 16. März, fortgesetzt. Ein Urteil könnte Ende März fallen.

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erstellt am 03.Mär.2015 | 11:00 Uhr

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