„Provokation ist ... schwul“

Nachwuchs-Rapper Paulo Shklovsky alias Ceno Limit ist sich der Widersprüchlichkeiten im Rap bewusst.
Nachwuchs-Rapper Paulo Shklovsky alias Ceno Limit ist sich der Widersprüchlichkeiten im Rap bewusst.

Rapper Ceno Limit (24) über sein Album „Studentenrap“ und den ironischen Umgang mit Hip-Hop-Klischees / Heute Auftritt bei Wake Up Pi

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08. September 2018, 17:14 Uhr

Was wird nur aus den Kindern, die schon mit acht Jahren fiese Gangsterrapper wie Eminem anhören? Im Besten Falle fangen sie an, das Gehörte zu reflektieren, ein Verständnis dafür zu entwickeln. Eventuell beginnen sie selbst zu rappen; gestalten die Szene mit ihrer eigenen Persönlichkeit mit. Vielleicht entwickeln sie zu manchem Kollegen eine kritische Distanz und äußern diese, wenn sie zum Beispiel texten: „Digga, Rap ist nicht mehr was er wert ist, Rapper tun auf hart, aber könn’ im Grunde echt nichts.“ So geschehen im Fall des jungen Rappers Ceno Limit (24) aus Borstel-Hohenraden, mit bürgerlichem Namen Paulo Shklovsky, im Song „Akademisches Viertel“ auf seinem kürzlich erschienenen Album „Studentenrap.“

Mit sechs Jahren kam der gebürtige Ukrainer mit seiner Mutter, aber ohne Vater, aus der rund 225 000 Einwohner zählenden Stadt Krementschuk nach Hannover. Mit acht Jahren begann er sich für Rap zu interessieren: für Eminem. Wie sah er die Texte? „Hauptsächlich ging es um die Musik. Die Texte fand ich lustig, weil ich acht war“, sagt er heute. Die Dimension der Beleidigungen habe er erst gar nicht verstanden. Als er begann, sie zu erfassen, wusste er sie zu nehmen. „Im Rap haben Beleidigungen einen sportlichen Charakter“, erläutert er. In amerikanischen Ghettos entstanden, war er eine Kampfkunst der Worte: Man trifft sich und trägt „Battles“ aus – Ziel ist es, den Konkurrenten mit kreativen Worten möglichst vernichtend runterzumachen. „Und hinterher gibt man sich die Hand und gratuliert sich zu den fiesesten Kränkungen“, sagt Ceno Limit. Das Ganze sei reine Show, hätte nichts mit echtem Hass zu tun. „Auch die dicken Karren der Gangsterrapper, Bündel mit Geldscheinen in der Hand – die Karren sind geleased, das Geld ist das gesamte Kontoguthaben.“ Eben eine riesige Show. Wie Ceno Limit den Geist des Raps beschreibt, erinnert irgendwie an Wrestling: Wüst muss man aussehen und showgerecht einen anderen total vermöbeln. Im Grunde aber tut man sich nicht weh. Und beide Seiten kennen das Spiel der „Battle“.

So lange Rapper sich gegenseitig besingen, also Szeneintern, scheint das unproblematisch. Besingt ein Rapper aber Menschen außerhalb der Szene, insbesondere in Deutschland, das aufgrund seiner Geschichte besonders empfindlich auf jede Form von Hass, Diskriminierung und Beleidigung von Minderheiten reagiert, fehlt den Hörern die geeignete Grundeinstellung – sie reagieren schockiert, lassen sich provozieren. Und da setzt nach Ceno Limits Einschätzung das nächste Phänomen des Rap an. „Die Freude an der Beleidigung und der Provokation im Rap hat etwas Infantiles“, analysiert er. „Es ist einfach lustig, schlimme und verbotene Sachen zu sagen“, sagt er. Je dümmer und zurückgebliebener der Rapper, um so mehr amüsiere er sich über diese Art der Provokation. Das muss dem Gefühl aus der Zeit im Kindergarten gleichen, als man es irgendwie attraktiv fand, schlimme Wörter zu sagen und herausfordernd die umstehenden Erwachsenen angrinste. Wie würde Ceno Limit auf Farid Bang und Kollegah reagieren, wegen deren umstrittenem Auftritt nach langer Debatte der Musikpreis Echo abgeschafft wurde? Ceno Limit schmunzelt. „Es sind nichts weiter als Rapper“, sagt er gelassen. „Einfach liegen lassen wäre die beste Lösung. Von jedem Skandal profitiert immer der Rapper.“ Ganz kritiklos sieht der Nachwuchs in der Szene das aber nicht. Ein rechtsradikaler Rapper zum Beispiel, missbrauche das Rap-typische Gewetter, das eigentlich unterhalten soll, um eindeutige politische Hassbotschaften zu verbreiten. Das sei nicht im Sinne des Rap. Wie man das trennt? „Das ist schwierig und kompliziert“, befindet Ceno Limit. Wahrscheinlich eine Gefühlssache.

In seinen Texten übt der Medientechnikstudent an der Szene durchaus Kritik, wie mehrere Titel seines neuesten Albums „Studentenrap“ zeigen. Als Student verkörpert er das Feindbild der Szene des kaputten Prolls am Rande der Gesellschaft. Im Song „Akademisches Viertel“ rechnet er, ganz in der Tradition der sportlichen Beleidigung, mit Kollegen ab: „Sie wollen Relevanz mit Köpfen à la Peter Pan, die Überzeugung schemenhaft, man redet, weil man reden kann, alles Gangster oder Comedy Crews, wollen provozieren, aber provozieren ist... schwul.“ Und für den, der die vorherige Provokation nebst Selbstironie nicht verstanden hat, textet er weiter: „Trottel, bitte nehmt es, wie es passt, denn ich mache diese Mucke nicht für dämliche Spasten, paar Ebenen fassend, ist den meisten schon zu viel.“

In seinen Songs auf „Studentenrap“ richtet Ceno Limit den Blick aber nicht nur auf andere, sondern auch sich selbst. Der „FPS Song“ (FPS: Bilder pro Sekunde) beschreibt einen jungen Menschen, der sich in Computerspiele geflüchtet hat, und nur unter Schwierigkeiten ins reale Leben zurückfindet. Er beschreibt den Kampf gegen das sich Verkriechen in einer virtuellen Parallelwelt, den viele Jugendliche ausfechten. Zum „Game“ namens Leben schreibt er: „Niemand hat mir sagen können, wo das Ziel des Ganzen ist... man kommt aus dem Nichts, geht in das Nichts und zwischendurch ist man niemand (...) Kein’ Bock mehr auf Zocken, lieg’ nur noch im Bett, denn dieses Leben hat so viele FPS. (...) hier fehl’n die Levelanzeigen.“ Und weiter: „Zur Verständigung fehlen mir noch immer sämtliche Zeichen und hier gibt es kein’ der irgendwelche Fehler beseitigt. Man ich weiß nicht, zu viele Option’“.

Im Song Rorschach ruft Ceno Limit gar zu friedlichem und intelligentem Protest auf, statt Krawall zu veranstalten. Vor dem Hinblick des G20 Gipfels textet er: „Wozu Steine werfen, wenn die Ziele viel zu weit sind?“ Ceno Limit kommentiert im Gespräch: „Mit den Steinen trifft man ja nicht die Politiker, sondern etwas Unbeteiligtes. Das heißt nicht, man soll sich mit der Lage abfinden, aber einen Protest wählen, die den Adressaten erreicht.“ Aktivität fordert er in „Rorschach“ aber definitiv: „Ich hab’ Angst... doch alles Weinerlichkeit, wissen kein’ Ausweg, doch wir packen längst ein, (...) wollen Lösung, doch kein Teil davon sein.“

Befasst man sich mit Ceno Limits Texten, lässt sich erkennen, dass ihm das reine „Scheiße Labern“ zum Selbstzweck und ohne substantielle inhaltliche Ebene nicht ausreicht – auch nicht im Rap. Wo genau die Grenze liegt zwischen ernst gemeint und dahergesagt, weiß auch er nicht: „Ich habe dazu keine abschließende Meinung“, sagt er offen. „Ich bin im Grunde noch in einer Findungsphase.“ Zwischen kindlicher Leichtigkeit, der Faszination einer Ästhetik des Kaputten, emotionaler und sozialkritischer Auseinandersetzung schwankt er auch in seinem Album. Aber gerade diese Widersprüchlichkeit, die Ceno Limit in sich trägt, macht seinen künstlerischen Reiz aus. Wer sich angekommen wähnt, wird leicht langweilig, repetitiv. Bei Ceno Limit steht das noch lange nicht zu befürchten.

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