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Pinneberger Tageblatt

23. Oktober 2017 | 06:53 Uhr

"Provisorien halten am längsten"

vom

shz.de von
erstellt am 08.Mai.2013 | 01:14 Uhr

Heidgraben | "Provisorien halten immer am längsten", sagt Udo Tesch (SPD), als er auf seine 47 Jahre dauernde Amtszeit als Heidgrabens Gemeindevorstand zurückblickt. Am 26. Mai steht der dienstälteste Bürgermeister Schleswig-Holsteins erneut zur Wahl, knapp drei Wochen nach seinem 80. Geburtstag. Daran, dass er weiter die Geschicke Heidgrabens lenken wird, gibt es keine Zweifel. Zu überlegen waren die Wahlerfolge, die Tesch errungen hat.

Teschs elfte Amtsperiode in Folge soll auch seine letzte sein. Bis 2018 will er seine Herzensangelegenheit, das Millionenprojekt Markttreff, den Kindergartenanbau, die Umgestaltung und Fertigstellung des Sportplatzes und den Anbau einer Mensa an die Grundschule vorantreiben. Und er will für ein neues Feuerwehrfahrzeug sparen. "Wenn ich das in den nächsten Jahren schaffe", sagt Tesch, "kann ich in Ruhe abdanken."

Politisches Engagement wurde Tesch quasi in die Wiege gelegt: Sein Großvater war mehr als 30 Jahre Bürgermeister von Sassenburg (Kreis Neuruppin), Teschs Vater war Bürgermeister in einem Dorf bei Wilster. Auch die nächste Generation hat dieses Gen geerbt: Teschs Sohn Frank und seine Tochter Andrea sind heute ebenfalls in der Gemeindepolitik aktiv.

Tesch wurde 1933 in Sassenburg geboren. "Ich bin eine Pommeranze, genau wie unsere Bundeskanzlerin", so Tesch. "Nur dass Merkel aus Vorpommern stammt und ich aus Hinterpommern." Im Jahr 1945 flüchtete der Zwölfjährige mit seinen Eltern, den beiden Brüdern sowie einem Cousin und einer Cousine nach Schwerin. Dort wurden sie von russischen Soldaten eingeholt und in den Heimatort zurückgeschickt. 1946 wurden die Teschs von den Polen ausgewiesen und kamen nach Wilster. Dort absolvierte Tesch seine Ausbildung bei der Amtsverwaltung Wilster und kam im Zuge einer Umsiedlungsaktion in den Kreis Pinneberg.

Teschs nächster Arbeitgeber: das Amt Uetersen/Land Moorrege. Als das Tornescher Ordnungsamt 1956 einen Mitarbeiter mit Plattdeutschkenntnissen gesucht hatte, stach Tesch die anderen Bewerber aus. "Ich machte zur Bedingung, dass ich innerhalb von zwei Jahren auf die Fachhochschule gehen durfte", sagte Tesch. "Denn ich wollte Stadtjugendpfleger werden".

Tatsächlich studierte Tesch zwei Semester in Bremen und danach in Nürnberg. "Als meine Eltern mich brauchten, kam ich zurück." In Tornesch arbeitete Tesch, seit 1957 SPD-Mitglied, in allen Abteilungen der Amtsverwaltung, war 14 Jahre Kämmerer und zwölf Jahre Büroleitender Beamter. "Für die Arbeit als Bürgermeister war es gut, dass ich beruflich immer den neuesten Stand der Verordnungen und Gesetze kannte", so Tesch. Nun sieht er in der Bürokratie ein Hemmnis für die politische Gemeindearbeit.

Auch privat fasste Tesch Fuß. So lernte er auf einer Maskerade in Ellerhoop seine zukünftige Frau Inge kennen. 1958 heirateten die Beiden, bauten ihr Haus im Heidgrabener Eichenweg und bekamen drei Kinder. Heute komplettieren vier Enkelkinder die Familie. Außerdem wechselte Tesch zur Heidgrabener SPD, spielte beim Heidgrabener SV Fußball, engagierte sich in der Gemeindearbeit der Tornescher Erlöserkirche und sang bei der Liedertafel Heidgraben. "Als 1966 ein Nachfolger für Ortsvorsteher Friedrich Nagel gesucht wurde, drängten mich die Genossen, den Posten zu übernehmen", erinnert sich Tesch. "Ich erklärte mich bereit, das Amt für eine Wahlperiode zu übernehmen, bis jemand anderes gefunden wird." Dass er die klare Stimmenmehrheit gewann, kam für Tesch nur bedingt überraschend: "Ich war im Ort durch den Sport und Gesang bekannt."

In der ersten Zeit als Bürgermeister traf der junge Tesch - er war bei der Amtsübernahme 32 Jahre alt - bei den älteren Leuten und Landwirten auf Misstrauen. "Die haben aber schnell gemerkt, dass ich nicht bloß schnacke, sondern wirklich was mache." Vordringlichste Aufgaben waren der Aus- und Aufbau der Wirtschaftswege, Straßen und der Grundschule sowie der Erwerb des Sportplatzgeländes. "Ich habe auch viel Sympathie gewonnen, als ich unser Siedlungsprojekt im Bökeskamp vorangetrieben habe", urteilt Tesch. "Ursprünglich war mir das Grundstück angeboten worden, damit die Gemeinde damit Geld verdienen konnte. Stattdessen haben wir dafür gesorgt, dass 16 kinderreiche Familien in Selbsthilfe Häuser des gleichen Haustyps errichten und erwerben konnten." Für einige Bauherren übernahm Tesch die Bürgschaft, zahlreiche Familien leben inzwischen in der nächsten Generation in diesen Häusern.

"Später habe ich gegen ähnlichen Widerstand wie heute beim Markttreff den Turnhallenbau durchgesetzt", erinnert sich Tesch. "Auch damals wurde mit der Verschuldung argumentiert. Letztlich lag ich mit meiner Entscheidung richtig, denn nach der Fertigstellung der Halle verdoppelte sich die Mitgliederzahl beim kleinen HSV auf 1000." Es folgten weitere Infrastrukturmaßnahmen wie Bauten für die Freiwillige Feuerwehr, der Ausbau des Gemeindezentrums und die Übernahme des Kindergartens.

Tesch wurde mehrfach dazu aufgefordert, sich in der Kreis- oder Landespolitik zu engagieren. Aber das ist nicht sein Ding. "Auch wenn die heutige Arbeitswelt politisches Engagement erschwert und die Bürokratie immer mehr zunimmt, kann man auf lokaler Ebene noch was bewirken", befindet Tesch. "Hier unten sieht man die Folgen der Beschlüsse und diskutiert nicht nur aus ideologischen Gründen."

Dennoch sieht Tesch Schwierigkeiten in der Suche nach einem Amtsnachfolger: "Fast jeder Gemeindevertreter könnte mein Nachfolger werden. Aber damit ein Kandidat diesen Posten meistern kann, muss der Lebenspartner mitspielen und die Familie dahinterstehen. Anders funktioniert das nicht." Zugleich appelliert er: "Wenn wir keinen Nachfolger finden, fällen künftig die Bürokraten aus den Amtsverwaltungen die Entscheidungen. Das müssen wir verhindern."

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