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Bündnis gegen die Stallpflicht : Protest: Die Gruppe „VogelFrei“ will Klage einreichen

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Vogelhalter und Nabu geben der Geflügelwirtschaft Schuld an der Virusverbreitung.

shz.de von
erstellt am 08.Dez.2016 | 12:00 Uhr

Kreis Pinneberg | Die Vogelgrippe ist derzeit eines der größten Aufreger-Themen. In Deutschland ist der Erreger H5N8 erstmals auf den Tag genau vor einem Monat bei verendeten Wasservögeln in Schleswig-Holstein nachgewiesen worden. Inzwischen sind 13 Bundesländer betroffen, Krankheitserreger wurden bei 461 Wildvögeln und 21 Haus- und Zoogeflügelbeständen bestätigt. Etwa 156.000 Tiere wurden bundesweit vorbeugend getötet. Weitere Folgen sind eine bundesweites Freiluft-Verbot für Geflügel und die auch in Teilen des Kreises geltende verhängte Anleinpflicht für Hunde und Auslaufsperre für Katzen. Gegen diese Maßnahmen stellt sich jetzt das Aktionsbündnis „VogelFrei“, das etwa 200 Menschen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz Ende November gegründet haben.

Fälle im Kreis Pinneberg hat es bisher nicht gegeben, allerdings gibt es seit 25. November einen amtlich festgestellten Befund  in der Gemeinde Kollmar (Kreis Steinburg). Zum Beobachtungsgebiet im Nachbarkreis Pinneberg wurden daraufhin folgende Gemeinden und Städte erklärt: Elmshorn, Groß Nordende, Haselau, Heidgraben, Klein Nordende, Moorrege, Neuendeich, Raa-Besenbek, Seester, Seestermühe, Uetersen.

Die Gruppe um die Vogelfreundin Kirstin Zoller aus Raa-Besenbek hat es sich zum Ziel gesetzt, eine Musterklage „gegen die pauschale Aufstallpflicht und gegen nicht tiergerechte Keulung bei bloßen Verdachtsfällen“ einzureichen, wie es auf der Internetseite der Gruppe heißt. Knapp 11.000 Euro haben die Mitglieder, die sich vor allem aus Hobbyzüchtern und Kleinhaltern zusammensetzen, bereits gesammelt.

Aber worum geht es dem Aktionsbündnis konkret? Vor allem treibt sie die Sorge um Lobbyismus in der Geflügelindustrie um. Kirstin Zoller und ihr Aktionsbündnis argumentieren ähnlich wie auch der Naturschutzbund (Nabu): Das aktuelle Virus sei aus der Geflügelwirtschaft in Asien nach Europa gekommen. Als Beleg werden unter anderem die Ausbruchsherde des Virus genommen, die meist in unmittelbarer Nähe großer Schlachthöfe oder an den vermuteten Routen von Lebendgeflügel-Transporten liegen. Über den Kot des Geflügels aus Massentierhaltung, der als Dünger auf die Felder ausgebracht wird, verbreite sich das Virus dann auch auf die Wildvögel weiter. „Sehr wahrscheinlich“ habe das aktuelle Virus laut Nabu-Vogelschutzexperte Lars Lachmann „seinen Weg direkt aus der Geflügelwirtschaft in China nach Europa gefunden – ohne die Hilfe von Wildvögeln, die niemals direkt von China nach Europa ziehen“.

Das Friedrich-Löffler-Institut (FLI), das Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit, spricht in einer aktuellen Risikobewertung dagegen davon, der Grund für die Influenza-Welle liege im höheren Infektionsdruck aus der Wildvogelpopulation. Auf der Internetseite des schleswig-holsteinischen Landwirtschaftsministeriums heißt es, die Herkunft des Erregers sei zwar nicht sicher aufgeklärt. Aber die hiesigen H5N8-Fälle stünden „vermutlich in Zusammenhang mit dem Vogelzug, der durch den Frost in Skandinavien und Nordrussland derzeit beschleunigt werde“.

Für Zoller und andere Vogelschützer sind die Wildvögel vielmehr die Opfer der Vogelgrippe. Dem Landwirtschaftsministerium und dem FLI werfen sie vor, ausschließlich im Interesse der Geflügelwirtschaft, also der Massentierhalter, zu handeln. Zumal im Vorstand des Fördervereins des Löffler-Instituts drei Vertreter der Pharmaindustrie für den Veterinärbedarf sitzen. Außerdem hat Zoller auf ihrer Internetseite eine Laborrechnung veröffentlicht, die belegen soll, dass eine Landesregierung Proben auf eine Geflügelkrankheit in dem hauseigenen Labor eines Tierzuchtunternehmens hat untersuchen lassen. Für Zoller und die Kleinzüchter des Aktionsbündnisses sind weder Aufstallung noch die Leinenpflicht für Hunde zielführend. Dabei verweist Zoller auf eine Untersuchung des Instituts für Veterinärmedizin der Freien Universität Berlin, die bestätigt, dass Influenzaviren durch Wärme und UV-Strahlen zerstört werden, Freilandhaltung unter Sonnenlicht also die kontaminationsärmste Haltung ist.

Das Aktionsbündnis „VogelFrei“ hat inzwischen einen Anwalt beauftragt, Klage gegen die Aufstallpflicht einzureichen. Zunächst einmal bleibt das Geflügel aber wohl noch hinter Gittern.

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