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„Ich wollte halt einfach leben“ : Probleme durch zu wenige Organspender

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Eine Spenderlunge rettete den 62-jährigen Wolfgang Veit. Eine Umfrage zeigt: Bereitschaft ist vorhanden, wird aber nicht dokumentiert.

shz.de von
erstellt am 14.Nov.2015 | 10:00 Uhr

Kreis Pinneberg | Wolfgang Veit atmet schwer. Ruhig, aber mit Nachdruck spricht der 62-Jährige über dieses Thema, das ihm persönlich am Herzen liegt. Aufklären, zur Sprache bringen, die Angst nehmen: Veit kämpft um jedes Kreuzchen. Die Organspendeausweise hat er immer dabei. Sogar eine Schutzhülle gibts dazu. Damit das Papier ja nicht vergilbt. Oder einreißt. Denn der Organspendeempfänger weiß, wie wichtig es ist.

Fast 400 Menschen warten allein in Schleswig-Holstein auf ein Spenderorgan. Bundesweit sind es 12.000. Benötigt werden Nieren, Leber, Herzen, Lungen, Bauchspeicheldrüsen, Dünndärme und verschiedene Gewebe. Doch es gibt nicht genug Spender. Jeden Tag sterben drei Menschen, weil sie kein Organ bekommen. Im Jahr summiert sich diese Zahl auf 1000. 865 Organspender wurden im vergangenen Jahr registriert, 2011 waren es noch 1200. Von 2013 bis 2015 stagnierte die Zahl der Spender in Schleswig-Holstein bei etwa 20.

Für Wolfgang Veit ein Skandal. Denn er weiß: Das Spenden mag schwer fallen, aber wer ein Organ benötigt, verlangt umgehend danach. „Deshalb sollte man nie nach dem Spenden fragen, sondern, ob jemand ein Organ annehmen würde“, sagt er.

Bevor er seine Geschichte erzählt, holt er nochmal tief Luft. Das ging früher nicht so gut. „Es war, als atmete ich durch einen Strohhalm“, sagt er. Asthma war die erste Diagnose. Der Raucher ließ die Zigaretten weg. Doch das Problem blieb – und es wurde schlimmer. Er bekam immer schlechter Luft. 2004 dann die Nachricht eines Spezialisten: Die Lunge muss ersetzt werden. Ehe er sichs versah, stand er vor einer Organtransplantation. Vorher hatte er sich nie mit dem Thema auseinandergesetzt. Plötzlich war er auf die Lunge eines anderen Menschen angewiesen. „Ich wollte halt einfach leben“, sagt er und fügt an: „Aber eine Transplantation ist kein Spaziergang.“ 22 Monate wartete Veit auf eine Spenderlunge. Dreimal wurde er in das hunderte Kilometer entfernte Krankenhaus in Hannover gefahren – dreimal wurde er wieder nach Hause geschickt. „Die Wartezeit wünsche ich meinem ärgsten Feind nicht“, sagt der 62-Jährige aus Marne (Kreis Dithmarschen). Er habe keine zwei Meter mehr laufen können. 2006 klappte es dann: Eine neue Lunge wurde transplantiert. Seitdem kann Veit wieder besser durchatmen.

Der Organspendeausweis ist eine schriftliche Willenserklärung, mit der einer Organspende zugestimmt oder widersprochen wird. Es besteht auch die Möglichkeit, die Spende auf bestimmte Organe oder Gewebe zu beschränken und einzelne Organe auszuschließen. Der Ausweis sollte stets mitgeführt werden, etwa im Geldbeutel. Es handelt sich dabei nicht um ein amtliches Formular. Die Bereitschaft zur Organspende kann ab dem 16., der Widerspruch ab dem 14. Lebensjahr erklärt werden. Egal, wie die Entscheidung ausfällt: Ein ausgefüllter Ausweis entlastet auch die Angehörigen, denn die wissen im Zweifel nicht, wie sie im Sinne des Verstorbenen entscheiden sollen.

Das muss er auch, denn für die Regionalgruppe des Bundesverbands der Organtransplantierten (BDO) ist er unermüdlich in Hamburg und Schleswig-Holstein unterwegs, um für ein Kreuzchen zu werben. Denn Veit ist überzeugt: Aufklärung ist das Gebot der Stunde. „Viele Menschen sind verunsichert, aber viele haben sich auch einfach noch nie mit dem Thema auseinandergesetzt“, sagt er. Das bestätigt eine Studie der AOK Nordwest. In der repräsentativen Umfrage gaben 54,8 Prozent der Befragten an, bereit zu sein, nach dem Tod ein Organ zu spenden. 26,2 Prozent lehnten das ab. Allerdings besitzen 73,8 Prozent aller Befragten keinen Organspendeausweis. Somit kommen sie als potenzielle Lebensretter gar nicht infrage, da in Deutschland die sogenannte erweiterte Zustimmungspflicht gilt. Organe dürfen nur entnommen werden, wenn der Tote zu Lebzeiten zugestimmt hat oder die Angehörigen ihr Einverständnis geben. „Viele sind bereit, Organe zu spenden, haben ihren Willen aber noch nicht dokumentiert“, sagt AOK-Niederlassungsleiter Michael Ramm. Mit einer Kampagne unter dem Motto „Organspende: Jetzt Klarheit schaffen“ will die Gesundheitskasse gemeinsam mit dem BDO und der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) erreichen, dass sich mehr Menschen mit dem Thema auseinandersetzen – egal wie die Entscheidung letztendlich ausfällt.

Für Wolfgang Veit zählt die Erhöhung der Spendenbereitschaft. Angst begegnet er mit Erklärungen. Wer etwa unsicher ist, ob ein Organ nur entnommen wird, wenn man auch wirklich tot ist, dem antwortet Veit: „Zwei unabhängige Ärzte müssen den Hirntod feststellen.“ Seinen Lebensretter hat er nie kennengelernt. „Meine Dankbarkeit zeige ich durch mein Engagement.“

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