Serie „Der Einsatz meines Lebens“ : Polizist aus Kellinghusen berichtet: Der lange Kampf gegen die Neonazis

Aufgearbeitet: Der Fall Vietzen an der Schule in Kellinghusen (Kreis Steinburg) war später auch Thema eine Dokumentation, die Kay-Uwe Todt zeigt.
Aufgearbeitet: Der Fall Vietzen an der Schule in Kellinghusen (Kreis Steinburg) war später auch Thema eine Dokumentation, die Kay-Uwe Todt zeigt.

Polizist Kay-Uwe Todt (55) aus Kellinghusen spricht über den Einsatz, der sein Leben geprägt hat.

shz.de von
03. Januar 2018, 19:22 Uhr

Kellinghusen | Ich weiß das Datum noch genau: Es war der 23. Dezember 2008. Es war der Tag, an dem wir den Durchbruch im Fall Vietzen erzielt haben. Morgens um sechs Uhr hatten wir an die Türen von zwei bekannten Kellinghusenern geklopft, die durch Gewalttaten in Zusammenhang mit Fußballspielen aufgefallen waren. Und als wir bei einem der beiden eine Kamera fanden, da wusste ich, dass ich mit meinem monatelangen Verdacht gegen ihn Recht hatte.

Denn diese Kamera war fünf Tage zuvor vor dem Haus des Lehrers Walter Vietzen gestohlen worden. Kein Fall in meiner 37-jährigen Laufbahn bei der Polizei hat mich so sehr beschäftigt wie der Fall Vietzen. Er handelt nicht von Mord oder Totschlag – und er endete auch nicht mit einem spektakulären Prozess. Aber es ist ein Fall, der jeden treffen kann – und der mich bis heute berührt.

Alles begann 2007 als in der Stadt immer wieder Aufkleber mit Hakenkreuzen auftauchten. In Kellinghusen gab es schon in den 80er-Jahren Probleme mit Rechten, aber danach war es lange ruhig. Nun fanden wir aber immer wieder einen Schriftzug: „Kill Vietzen Kill“. Es lag nahe, dass es eine Verbindung in die rechte Szene geben musste, und dass hier ein Lehrer bedroht wird, der an der Realschule unterrichtete und sich besonders gegen rechte Tendenzen stark machte. In der Schule hatten Schüler Tische in Form eines Hakenkreuzes aufgestellt – und dann begannen die Angriffe gegen Herrn Vietzen. Auf sein Haus wurden Flaschen geworfen, immer wieder gab es Schmierereien und Brüllereien, er erhielt nächtliche Drohanrufe. Doch wir hatten über Monate keinen konkreten Verdacht oder auch nur einen Anhaltspunkt. Immer wieder haben wir das Haus beobachtet, doch wir konnten dort nicht jede Nacht stehen. Die Polizeistation in Kellinghusen ist klein, und wir hatten nicht genügend Personal für eine durchgehende Observation.

Diese Schmierereien gab es in Kellinghusen vor zehn Jahren immer wieder.
tietje-räther
Diese Schmierereien gab es in Kellinghusen vor zehn Jahren immer wieder.
 

Im Sommer 2008 hat mein Chef mir die Verantwortung für den Fall Vietzen übertragen. Immer wieder war ich bei dem Ehepaar zu Hause, doch richtig helfen konnte ich nicht. Dabei hatte ich die ganze Zeit nur ein Ziel: Das muss aufhören. Herr Vietzen selbst hatte natürlich Angst, er begann Kameras an seinem Haus zu installieren, aber das schreckte die Täter nicht ab. In einer Nacht haben sieben Vermummte seinen Zaun umgerissen. Aber Herr Vietzen hatte das auf Band und hat einen Pullover wiedererkannt, den ein Täter trug. „Ein Schüler hat auch so einen“, hat er gesagt. Und ich hatte endlich einen Namen.

Dann habe ich ermittelt. Etwa, dass dieser Jugendliche an dem fraglichen Abend mit sechs anderen eine Party verlassen hat. Und plötzlich hatte ich sieben Namen. Doch die Verdachtsmomente reichten nicht aus für einen Durchsuchungsbeschluss.

Am 18. Dezember kam dann Herr Vietzen wieder einmal zu mir in die Wache – diesmal um den Diebstahl einer seiner Kameras anzuzeigen. Er war verzweifelt, sagte: „Herr Todt, ich kann nicht mehr.“ Er wollte die Presse einschalten, aber mein Dienststellenleiter und ich haben ihn davon abgehalten. Es ging nicht darum, rechte Gewalttaten zu verschweigen, sondern wir wollten unsere Ermittlungen nicht gefährden. „Wir versuchen nochmal alles“, habe ich ihm gesagt. Dann ist der Staatsschutz eingeschaltet worden, wir haben alle Ermittlungsergebnisse auf den Tisch gelegt – und plötzlich ging es: Wir bekamen von der Staatsanwaltschaft den Durchsuchungsbeschluss. Und als wir Beweismaterial fanden, wusste ich: Jetzt haben wir es geschafft, und Herr Vietzen hat endlich Ruhe. Das war ein Glücksgefühl, das ich nicht beschreiben kann.

Auf den Computer des einen Haupttäters haben wir später neben anderen Beweisen ein Video gefunden, das die Jugendlichen von sich gedreht hatten, als sie an den Bahnhof in Wrist „Kill Vietzen Kill“ gesprüht haben. Fünf der Jugendlichen sind später im Prozess vom Richter ermahnt worden, zu was die zwei anderen verurteilt worden sind, weiß ich gar nicht mehr genau. Ich glaube, einer hat eine Ermahnung mit Auflage erhalten, der andere eine Jugendstrafe.

Es blieb nicht bei Schmierereien: Einer der Rechtsradikalen verübte einen Brandanschlag.
tietje-räther
Es blieb nicht bei Schmierereien: Einer der Rechtsradikalen verübte einen Brandanschlag.

Doch der Fall hatte ein Nachspiel. Im Mai 2009 verübte ein Rechtsradikaler, mit dem die Jugendlichen damals häufiger Kontakt hatten, einen Brandanschlag auf die Polizeiwache in Kellinghusen. Zum Glück ist nicht viel passiert. Und ein knappes Jahr danach hat einer der Jugendlichen, die zuvor Herrn Vietzen bedroht hatten, bei mir zu Hause die Scheiben eingeworfen. Beide Täter sind überführt worden – und seitdem ist Ruhe.

Heute finden wir vielleicht auch ab und zu mal einen Hakenkreuzaufkleber, aber die Hetze ist vorbei. Mir war wichtig, dass Herr Vietzen wieder in Ruhe in seinem Elternhaus leben konnte. Bis heute unterrichtet er an der Schule in Kellinghusen und macht sich stark gegen Rechts. Manchmal sehen wir uns, wenn ich als Jugendsachbearbeiter dort bin. Aber der Fall beschäftigt ihn immer noch: Ein paar Jahre danach hat er mir mal erzählt, dass er immer noch die Kameras an seinem Haus installiert hat.

Bei mir selbst merke ich, dass ich seit dem Fall Vietzen mehr Empathie für die Opfer von Verbrechen empfinde als zuvor. Und so hat dieser Fall dann am Ende vielleicht auch etwas Positives. Ich werde ihn jedenfalls nie vergessen.

Infos gibt es auch in einer Broschüre.

Dieser Artikel ist Teil einer Serie auf shz.de. Lesen Sie morgen: Im Einsatz – ein Retter erleidet einen Herzinfarkt

Bisher erschienen: THW-Spezialist berichtet: Eisige Nächte am Herrenteich

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen