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Ende der Schwimmgymnastik in Rellingen : Politik streicht die Unterstützung - Übungsleiterin erhebt Vorwürfe

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Kündigung der freiwilligen Leistung durch die Politik. Übungsleiterin Birgit Grau erhebt Vorwürfe.

von
erstellt am 09.Mai.2016 | 14:00 Uhr

Rellingen | „Aus für Gymnastik im Wasser. Rellingen kappt Angebot für Senioren wegen hohen Defizits“. Diese Zeilen im Pinneberger Tageblatt bringen Birgit Grau zum Kochen. Machen sie wütend, verzweifelt. Sie geht an die Öffentlichkeit. Sie will die nach ihrer Meinung verzerrte Realität zurechtrücken. Um was geht es? Stein des Anstoßes ist eine freiwillige Leistung der Gemeinde Rellingen: das Angebot der Senioren-Schwimmgymnastik in der Schwimmhalle Ellerbek. Es geht um ein Defizit von 2662 Euro, das die Politik wurmt. Mit Ablauf des ersten Halbjahres 2016 wird daher das Angebot gekappt.

In einem Schreiben hat Bürgermeisterin Anja Radtke (parteilos) die Hintergründe erklärt. Es geht um „ein mehr als 60 Prozent hohes Defizit“, um die mögliche Alternative, „vergleichbare Kurse in öffentlichen Schwimmhallen, wie die des Bäderlands Hamburg oder des Hallenbads Pinneberg im Bereich zu besuchen. Es geht um einige Teilnehmer, die aufgrund ihres auswärtigen Wohnsitzes nicht zu dem zugelassenen Teilnehmerkreis“, gehören dürften.

Grau, seit 28 Jahren Übungsleiterin der Seniorenwassergymnastik, widerspricht. „Um es zuerst einmal klar zu stellen: Die Frau Bürgermeisterin kennt keinen einzigen der Teilnehmer der Wassergymnastik persönlich.“ Sie habe sich noch nie, mit keinem einzigen Wort, weder mündlich noch schriftlich, persönlich an die Senioren gewandt.

Von Alternativen sei schon gar nicht die Rede: „Die gibt es gar nicht. Mal ganz abgesehen von den Entfernungen und Zeiten, zu denen überhaupt etwas angeboten wird, besteht auch keinerlei Ähnlichkeit zu dem jetzigen 40-minütigen Programm.“

Die Defizit-Zahlen sind für Grau alles andere als überzeugend: „Dass die Kosten so hoch waren, liegt alleine an der Gemeinde selbst“, heißt es in dem Protestschreiben. „Seit zwei Jahren wird im Ellerbeker Bad nicht mehr die Temperatur von 30 Grad und mehr erreicht, die dort 26 Jahre lang vorgeherrscht hat. Jeden Donnerstag beklagten sich die Senioren bei der Rellinger Gemeinde, bei der Ellerbeker Gemeinde, bei dem Bürgermeister und so weiter. Aber es änderte sich gar nichts“, protestiert Grau in scharfer Tonlage. „Das Wasser hatte nur noch höchstens 28 Grad.“ Mit der Konsequenz laut Grau: „Einige Teilnehmer litten unter Blaseninfekten oder erkälteten sich, wenn sie durchgefroren dem Wasser entstiegen.“

Noch schlimmer: „Auch den künstlichen Hüften, Knien und Schultern, den arthrosegeplagten Rücken und anderen Körperteilen war das kalte Wasser nicht zuträglich. Fortan blieben einige weg.“

Die natürliche Schrumpfung der Gruppe setzte laut Grau ein: „Fortan blieben einige weg. Plötzlich waren es denn nur noch acht bis zwölf Personen und keine 18 oder gar 20 mehr.“ Aus lauter Verzweiflung habe man nach einem Ausweg gesucht. Und habe laut Grau das Lohkampbad in Eidelstedt gefunden. „Dieses hatte warmes Wasser und war zudem noch erheblich günstiger“, sagt Grau. Sprich: Das entstandene Defizit sei allein Schuld der Gemeinde. Denn: „Leider verlängerte die Gemeinde dann doch wieder in Ellerbek und im nächsten Halbjahr wieder und nochmal, obwohl wir mehrfach darauf hingewiesen hatten. Also sollte die Gemeinde doch bitte nicht den Senioren die Schuld für die hohen Kosten in die Schuhe schieben. Es hätte wahrscheinlich gar kein Defizit gegeben.“

Grau rechnet vor: „In der Lohkampstraße würde die Miete 37,50 Euro betragen. Die Übungsleiterin bekommt 22 Euro. Das macht insgesamt 59,50 Euro. Eine Summe, die schon absolut gedeckt ist, wenn nur zwölf Personen à fünf Euro teilnehmen. Bei 18 Personen würden dann jeden Donnerstag 30 Euro in die geplagte Gemeindekasse fließen, 120 Euro im Monat, 1200 Euro im Jahr.“

Auch in Sachen „Auswärtige“ will Grau einiges zurechtrücken: „Wie haben in der Gruppe vier Auswärtige. Eine Seniorin kommt aus Tangstedt, ist gebürtig in Rellingen und arbeitet dort noch immer ehrenamtlich in der Kleiderkammer. Ein anderer wohnt knapp hinter der Ortsgrenze, nimmt zwei Damen aus Rellingen-Krupunder mit. Zwei Damen kommen noch aus Quickborn. Diese springen ein, wenn Rellinger Senioren aus gesundheitlichen Gründen ausfallen. Diese vier schwarzen Schafe zahlen wöchentlich 20 Euro in die Gemeindekasse.“

Für Übungsleiterin Grau gibt es nur eine Lösung: „Wir möchten gern im Lohkampbad im warmen Wasser die Gymnastik machen.“ Ein Problem gilt es, zu überwinden: Nur Verbände und Vereine dürfen dort schwimmen. Grau: „Unsere Gruppe hat 20 bis 22 Teilnehmer, sechs davon sind über 80 Jahre. Eine 89, eine 90 Jahre alt. Der Rest über 70 Jahre.“ Ein Verein müsste gegründet werden. Das weiß Grau. Schon allein der Vorstand müsste siebenköpfig sein, der sich mit Satzungen und Statuten konfrontiert sehen würde.

Doch Grau bleibt realistisch und ist desillusioniert: „Die Senioren hatten ja gedacht, dass die Gemeinde nach den Sommerferien endlich die Lohkamphalle mietet und ihre Hand über sie hält. Sie hatten auch vorgetragen, dass sie alle Unkosten selbst übernehmen würden und der Überschuss in die Gemeindekasse fließen würde. Aber nun, da die aktiven Wasserratten kein Geld mehr kosten, schmeißt man sie aus Kostengründen raus. Ein Schildbürgerstreich. Danke dafür.“

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