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Immer mehr Privatinsolvenzen : Pleitegeier segeln über dem Kreis

vom
Aus der Redaktion des Pinneberger Tageblatts

Nichts geht mehr: Die Schuldenfalle schnappt laut einer neuen Statistik in der Region Pinneberg häufiger zu als im Rest von Schleswig-Holstein.

Seine Lage ist dramatisch: Heinz Petersen aus Wedel (Name und Ort geändert) ist völlig überschuldet. 27 Gläubiger sitzen ihm im Nacken. Sie wollen ihr Geld zurück. Mit fast 80 000 Euro steht Petersen in der Kreide. Die Schulden hat der Vater zweier Kinder als Unternehmer gemacht. Er hatte einen Maler- und Lackierbetrieb. Inzwischen ist er Angestellter. Der Hauptgläubiger pfändet jeden Monat 170 Euro des Gehalts. Bis zum Lebensende würde Petersen Schulden haben, hätte er nicht mit Unterstützung der Awo ein Verbraucherinsolvenzverfahren beantragt.

Wie Petersen geht es Hunderten Menschen im Kreis Pinneberg. Das Statistische Amt für Hamburg und Schleswig-Holstein hat erst kürzlich neue Zahlen veröffentlicht. Demnach stieg die Zahl der Privatinsolvenzen entgegen dem Landestrend bis Ende Juni 2013 auf 148 - von 132 im ersten Halbjahr 2012. Insgesamt waren es im vergangenen Jahr 283. „Das ist eine seit Langem anhaltende Entwicklung“, sagt Michael Danker, Leiter der Awo-Schuldnerberatung.

Auch wenn längst nicht alle Beratungen in ein Insolvenzverfahren münden: Die Zahl der Erstanfragen ist von etwa 3300 im Jahr 2008 auf 5000 im Jahr 2012 gestiegen, die Zahl der Schuldnerberatungen von 840 auf 1230.

Danker vermutet eine hohe Dunkelziffer: „Wir schätzen, dass nur zehn bis 15 Prozent der überschuldeten Menschen zu uns kommen. Geld allgemein und besonders Schulden sind Tabuthemen.“ Vor allem Rentner, die ein Leben lang hart gearbeitet haben, fühlten sich entwürdigt.

Hans-Jürgen Semmelhack, der in der Elmshorner Geschäftsstelle der Awo als Berater arbeitet, sagt: „Die wenigsten sind überschuldet, weil sie schlampig mit Geld umgehen. Oft sind unerwarteter Jobverlust, Krankheit oder Scheidung die Ursache.“ Deswegen seien Menschen in Großstädten und deren Speckgürteln besonders häufig betroffen. Denn dort seien auch Arbeitslosigkeit und Scheidungsrate höher als andernorts. Eine Mitschuld sieht Semmelhack auch bei Unternehmen, die mit zinslosen Ratenzahlungen die Hemmschwelle senkten, Kredite aufzunehmen: „Null Prozent Zinsen - damit werben viele Händler. Nach Sicherheiten fragt da keiner.“

Das Volumen der Ratenkredite hat mit bundesweit 17,4 Millionen Euro innerhalb von zehn Jahre um etwa 50 Prozent zugelegt. Rechnerisch hat jeder dritte Bundesbürger einen Konsumentenkredit. Zehn Prozent sind überschuldet. „Konsum auf Pump ist eine tickende Zeitbombe“, sagt Wolfgang Spitz vom Bundesverband der Inkassounternehmen (diese Zeitung berichtete). Mehr als die Hälfte der Awo-Fälle sind laut Semmelhack Hartz-IV-Empfänger, die ihre Schulden „mit in die Arbeitslosigkeit gebracht haben.“ Etwa ein Viertel beziehen ein Arbeitseinkommen und knapp zehn Prozent sind Rentner.

Heinz Petersen hat inzwischen Privatinsolvenz angemeldet. Er will in einigen Jahren schuldenfrei sein. Geldeintreiber muss er dann nicht mehr fürchten.

Awo-Schuldenberatung im Kreis Pinneberg

Die Beratung der Awo hat im Kreis Pinneberg fünf Büros. Elmshorner und Barmstedter können sich unter Telefon (0 41 21) 89 79 99 melden. Betroffene aus Schenefeld, Halstenbek und Rellingen melden sich unter Telefon (040) 83 09 96 64. Für Pinneberg und Appen sind Helfer unter Telefon (04101) 20 57 44 zu erreichen. Bürger aus Uetersen und Wedel können die Nummer (0 41 03) 1 80 83 20 wählen. Das Büro für Tornesch und Quickborn ist unter Telefon (040) 83 09 96 61 erreichbar.

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erstellt am 24.Okt.2013 | 06:00 Uhr

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